Neuseelands schräge Vogelwelt

Ohne natürliche Feinde, finden wir in Neuseelands Vogelwelt ein Panoptikum merkwürdiger Geschöpfe – tollpatschig, flugunfähig und völlig wehrlos. Heute versuchen Biologen mit gewaltigem Aufwand, sie alle vor dem sicheren Aussterben zu bewahren.
Text: Stefan Nink, Fotos: Tui de Roy / 13 Min. Lesezeit
Kakapo-Dame Lisa aus Neuseeland.
Foto: Tui de Roy
Kakapo-Dame Lisa aus Neuseeland.

Es ist halb zehn an einem lauen Inselsommerabend, und Lisa macht sich ausgehfertig. Den ganzen Tag über war sie nicht draußen; jetzt, da es dunkel geworden ist, fällt ihr langsam die Decke auf den Kopf. Ein kleiner Spaziergang, eine halbe Stunde an der frischen Luft, etwas zu essen – das wäre genau das Richtige. Die Nacht ist erfüllt von Klängen: Zikaden zirpen, Fliegen summen, irgendwo hoch oben in den Bäumen ruft eine Eule, und dieses seltsame Geräusch ist auch wieder da.

Lisa hört es jedes Mal, wenn sie ins Freie tritt, ein merkwürdiges kurzes Klingeln. Einen Moment lang überlegt sie, ob sie nachsehen soll, woher es stammt. Dann trägt der Wind den Geruch von frischen Rimu-Knospen herüber, Lisa vergisst das Geräusch und geht los. Die Schatten, die sich hinter ihr aus der Dunkelheit des Regenwalds lösen, sieht sie nicht. Bis das Kakapo-Weibchen Lisa zurück ist, haben Daryl Eason und sein Team jetzt dreißig Minuten.

Natürlicher Lebensraum der Kakapos.
Foto: Tui de Roy
Natürlicher Lebensraum der Kakapos.

Während der drei bis viermonatigen Paarungszeit rufen Kakapo-Männchen bis zu acht Stunden pro Nacht und verlieren dadurch bis zur Hälfte ihres Körpergewichts. Sind die Weibchen den tiefen Barry-White-Liebesbässen bis zur Arena gefolgt, beginnt die Partnerwahl. Die Männchen wiegen sich dabei mit ausgestreckten Flügeln von einer Seite zu anderen und watscheln rückwärts auf mögliche Partnerinnen zu. In dieser Phase werden sie von Testosteronschüben übermannt. Ist kein paarungswilliges Weibchen in der Nähe, begatten männliche Kakapos in diesem Zustand auch zusammengerollte Frotteehandtücher. Anschließend schwanken sie zurück in die Balzarena, plustern sich auf und machen weiter.

Es ist ein melancholisch klingendes Rufen, das den Wald auf Codfish Island in solchen Nächten erfüllt. Immer und immer wieder senden die Männchen ihre tiefen, vibrierenden Laute aus, bis zu 10.000-mal in einer Nacht. Man hört ihnen zu und hat sie vor Augen, wie sie gemächlich auf und ab watscheln, rufen, stehen bleiben, lauschen, wieder rufen, diese großen, sanften Vögel, die mit ihren feinen Gesichtsfedern aussehen wie viktorianische Geschäftsleute mit Backenbärten. Kakapos verkörpern etwas Feierlich-Altmodisches. Etwas aus einer anderen Zeit. Etwas aus einer Zeit, die überall sonst bereits längst vergangen ist.

Durchleuchtung eines Eies: So wird das Wachstum überwacht
Foto: Tui de Roy
Durchleuchtung eines Eies: So wird das Wachstum überwacht.

Viele Vogelarten zeigen bis heute keinerlei Furcht vor dem Menschen; offensichtlich hat ihre evolutionäre Uhr dessen Ankunft in ihrer Welt noch überhaupt nicht registriert. Andere Arten wiederum haben das Fliegen verlernt. Beziehungsweise: sind dabei, es zu verlernen. Das Pukeko, ein puten-ähnliches Geschöpf mit blau schimmerndem Bauch, ist bei diesem alzheimerisch anmutenden Prozess des Vergessens gerade auf einem Level angelangt, wo es dem Betrachter angst und bange werden kann. Wenn ein Pukeko fliegt, schlingert es auf unberechenbarem Konfrontationskurs und sieht aus wie ein Unglück auf der Suche nach einem Ort, an dem es geschehen kann. Zum Glück schwingt es sich nicht allzu oft in die Lüfte.

Pukekos suchen etwa 22 Stunden am Tag am Rand von Überlandstraßen nach Futter – und zwar so nah an der Fahrbahn, dass ihr Gefieder sich bei jedem vorbeidonnernden Auto aufbauscht. Das Pukeko zählt zu den bedrohten Spezies. Natürlich tut es das.

Der Kopf der Takahe besteht zur Hälfte aus dem Schnabel.
Foto: Tui de Roy
Der Kopf der Takahe besteht zur Hälfte aus dem Schnabel.

Überhaupt hat Neuseeland den weltweit höchsten Prozentsatz an vom Aussterben bedrohter Vogelarten: Die Liste ist so lang wie der Einkaufszettel einer Familie vor dem Supermarktbesuch am Samstagmorgen. Allein 24 Arten gelten als national critical – auf dem Gefährdungsbarometer ist das die Stufe unmittelbar vor „ausgestorben“. Wer hier landet, hat in der Regel weniger als 250 Artgenossen. Eine Zahl, die Neuseelands Kakapo Population mit sehr viel Glück erst in einigen Jahrzehnten wieder erreichen könnte.

Dabei ist es noch nicht allzu lange her, dass die dicken Papageien überall zwischen Bluff im Süden und Cape Reinga im Norden auf den Inseln herumwatschelten. Der Kakapo gehörte zu den verbreitetsten Spezies Neuseelands. Frühe Chronisten berichteten, dass mindestens drei oder vier Tiere auf den Boden plumpsten, wenn man kurz einen beliebigen Baum schüttelte. Dann aber brachten Farmer das Hermelin auf die Inseln, um die Kaninchen unter Kontrolle zu bringen (die zuvor importiert worden waren, damit britische Siedler sich auf ihren Abendspaziergängen an die ferne Heimat erinnert fühlten). Diese Marderart verfügt über messerscharfe Zähne; Hermeline pirschen sich an ihre Beute an und töten sie mit einem einzigen Biss in den Nacken. Leider interessierten sich Neuseelands neue Bewohner nicht sonderlich für Nahrung, die im Zickzackkurs vor ihnen wegrannte. Die gutmütigen Papageien dagegen waren leichte Beute für die Hermeline. So kam es, wie es kommen musste: Die einst allgegenwärtigen Kakapos verschwanden in alarmierendem Tempo. Sie galten als ausgestorben, ehe man Ende der Siebzigerjahre einen kleinen Restbestand auf Stewart Island entdeckte, einer Insel südlich von Neuseelands Südinsel.

Tierarten, die wir vergeblich suchen

Andere Arten erwischte es noch schlimmer.

  • Den Lachkauz beispielsweise (verschwunden um 1914)

  • Zwei Piopio-­Arten (1886 und 1963)

  • Und den wegen seiner langen Schwanzfedern bei europäischen Hutmachern beliebten Huia.

  • Oder den Stephenschlüpfer, die einzige Vogelart, die am Tag ihrer Entdeckung für ausgestorben erklärt werden musste: Tibbles, die Katze des ornithologisch bewanderten Leuchtturmwärters David Lyall, hatte ihrem Herrchen stolz das einzig verbliebene Exemplar zu Füßen gelegt. Leider war es da bereits tot.

Die Naturwälder Neuseelands.
Foto: Tui de Roy
Die Naturwälder Neuseelands.
  • Auch die Südinseltakahe (Porphyrio hochstetteri) hatten die Artenschützer schon abgeschrieben. Der Vogel gehört zu den Rallen und sieht ein wenig aus wie der rugbyspielende Cousin des schlankeren Pukeko: Sein Gefieder verläuft von schimmerndem Dunkelblau zu edlem Malachit, was menschliche Betrachter zuerst einmal aber nicht wahrnehmen, weil sie vom schrillen Rot der Schnabelpartie in den Bann gezogen werden – beziehungsweise von den Geräuschen.

  • Takahen klingen wie hastig betätigte Fahrradluftpumpen, und wenn ihre Jungen dabei sind, hat man den Eindruck, ein komplettes Tour de­ France-­Fahrerlager kümmere sich um seine Reifen. Die Vögel haben einen seltsam staksenden Gang und bewegen sich, als müssten sie jeden einzelnen Schritt genau abwägen – möglicherweise auch deshalb haben Ratten und Hermeline sie an den Rand des Aussterbens gebracht. Seit eine kleine Gruppe in den unwegsamen Schluchten Fiordlands wiederentdeckt wurde, kümmern sich Neuseelands Naturschützer um den exzentrisch wirkenden Vogel. In Breeding Centres wie Burwood bei Te Anau auf der Südinsel und auf mehreren hermelinfreien Schutzinseln werden die Takahen umsorgt. Mittlerweile gibt es in ganz Neuseeland immerhin wieder etwa 270 Vögel. Ab einer Zahl von 500 Exemplaren gilt der Bestand als gesichert.

Der berühmte Neuseeland-Kiwi

Dass einige der Arten im letzten Augenblick gerettet werden konnten, dass ihr Bestand nun langsam, aber sicher steigt: All das wäre möglicherweise nicht passiert, wenn es den Kiwi nicht gäbe. Der Kiwi ist der inoffizielle Wappenvogel des Landes, und die Zuneigung für ihn geht so weit, dass sich die Neuseeländer selbst völlig ironiefrei als Kiwis bezeichnen. Obwohl von den fünf Arten lediglich zwei gefährdet sind (von der bei Haast auf der Südinsel vorkommenden Unterart des Südlichen Streifenkiwis sowie dem Okaritokiwi leben jeweils nur etwa 400 Exemplare), gibt es überall im Land Aufzuchtstationen, in denen junge Kiwis aufgepäppelt werden. Oft sind diese Breeding Centres an Zoos oder Tierparks angeschlossen. Aber selbst dann, wenn dort Gorillas oder Tiger gehalten werden wie zum Beispiel in Christchurchs Orana Wildlife Park, kommen die meisten Besucher in erster Linie wegen der Kiwis. Auch dann, wenn sie die nachtaktiven Tiere nur unter schwachem Rotlicht sehen können.

Codfish Island ist Sperrgebiet. Nur die Ranger des DOC und ihre Helfer haben Zutritt.
Foto: Tui de Roy
Codfish Island ist Sperrgebiet. Nur die Ranger des DOC und ihre Helfer haben Zutritt.

Die Rettung des Kakapos

Auf der ganzen Welt gibt es keine zweite Vogelart, die mit einem annähernd vergleichbaren Aufwand überwacht und betreut wird wie Strigops habroptilus, Neuseelands Kakapo. Landesweit gibt es nur noch 125 dieser Papageien, die Hälfte der Population (und damit der gesamten Art) lebt auf Codfish Island, einer kleinen, abgeschirmten Insel südlich von Invercargill. Mit unendlich viel Geduld und hohem finanziellen Aufwand versuchen Daryl Eason und die anderen Ranger des neuseeländischen Department of Conservation (DOC) hier, einen der seltensten Vögel der Welt vor dem Aussterben zu bewahren. Der Kakapo ist das umweltschützerische Aushängeschild des Landes. Und wenn da nicht schon der Kiwi wäre: Dieser ungewöhnliche Papagei hätte alle Chancen, Neuseelands Nationalvogel zu werden. Eine Ikone ist er sowieso schon.

Moosgrün, bis zu drei Kilo schwer und plump wie ein nasser Mopp: Der Kakapo sieht aus, als habe die Evolution einen misslungenen Prototypen geschaffen und anschließend beschlossen, diese spezielle Designlinie besser nicht mehr fortzuführen. Er kann nicht fliegen, natürlich nicht – kein Tier, das so aussieht, kann sich der Schwerkraft entziehen. Stattdessen klettert der Kakapo in Bäumen herum, und wenn er wieder hinunterwill, lässt er sich einfach fallen und breitet im Sturz seine Flügel aus, was aussieht, als würde er einen Fallschirm öffnen. Ein Kakapo riecht wie ein modriger Kleiderschrank. Sein Balzruf klingt wie eine unveröffentlichte Studioaufnahme aus der experimentellen Phase von Pink Floyd. Obendrein ist Strigops habroptilus auch nicht mit rekordverdächtigen IQ-­Werten gesegnet.

Wenn man sie denn sieht, sehen Kiwis aus wie etwas, was Walt Disney im Laufe einer langen Nachtschicht am Zeichenbrett entworfen haben könnte. Ein plumper Rumpf, Federn wie Fell, Schnurrhaare wie eine Katze, winzige Stummelflügelchen und ein unmöglich langer Schnabel. Als das erste Foto eines Kiwis in Europa veröffentlicht wurde, hielten die Leute die Aufnahme für eine dreiste Fälschung. Der Kiwi ist mit Strauß und Emu verwandt, unglücklicherweise aber viel, sehr viel kleiner. Das macht auch ihn zum gefundenen Fressen für Hermeline. Die Überlebenschance eines jungen Kiwis in der Natur liegen im ersten Jahr bei lediglich fünf Prozent. Erst wenn er etwa ein Kilo oder mehr wiegt, kann sich ein Kiwi mit seinen Klauen gegen Feinde zur Wehr setzen. Dann allerdings sehr erfolgreich: Ausgewachsene Exemplare gelten als äußerst rauflustig.

Kiwi bei der Futtersuche: Die Leibspeisen sind Tausendfüßler, Würmer oder Insektenlarven.
Foto: Tui de Roy
Kiwi bei der Futtersuche: Die Leibspeisen sind Tausendfüßler, Würmer oder Insektenlarven.

Und ein frisch geschlüpfter Kiwi versetzt selbst eine erfahrene Biologin wie Catherine Roughton in Verzückung. Seit Tagen hat sie auf die Monitore geschaut, die überall im West Coast Wildlife Centre verteilt sind, in ihrem Büro natürlich, aber auch im Kassenbereich und in der Cafeteria. Und jetzt ist es so weit: Im Raum mit den Inkubatoren schlüpft soeben das hundertste Küken, das hier das Licht der Welt erblickt. Es dauert nur wenige Minuten, bis der kleine Vogel die Eischale mithilfe seiner Krallen und Schultern zielstrebig auseinandergedrückt hat. Kurze Zeit später ist der Kiwi ohne fremde Hilfe auf den Beinen. Auch wenn sich das Hochkommen etwas schwierig gestaltet, wenn man mit einem Fuß auf dem eigenen Schnabel steht. Roughton muss jetzt erst einmal nicht mehr viel tun. Sie wiegt den Vogel ab und legt ihn zurück unter eine Wärmelampe. In den ersten Tagen ernähren sich junge Kiwis dort vom Eidotter in ihrem Magen. Anschließend werden sie mit einer Mischung aus Ochsenzunge, Karotten und Hackfleisch gefüttert.

Das Schauspiel beginnt: Die Geburt eines Kiwis.
Foto: Tui de Roy
Das Schauspiel beginnt: Die Geburt eines Kiwis.

Es ist vor allem Einrichtungen wie dem West Coast Wildlife Centre in Franz Josef auf Neuseelands Südinsel zu verdanken, dass die Bestände der seltenen Kiwiarten mittlerweile stabil sind. Die Zentren werden von DOC-Mitarbeitern mit Eiern versorgt. Diese erhalten hier eine Art Rundumbetreuung. Sie kommen in einen Inkubator, der sie dreht und wendet, wie sie auch im Nest gedreht und gewendet würden. Sie werden 24 Stunden lang mit Videokameras überwacht und bis zu viermal täglich in die Hand genommen. Kiwi-Eier sind porös, und anders als etwa bei Hühnereiern können leicht Bakterien eindringen. Darum kontrollieren Catherine Roughton und ihre Kolleginnen die Eier auf Risse und durchleuchten sie, um Veränderungen beim Embryo aufzuzeichnen. Ab einer gewissen Größe ist dessen Zustand auch akustisch überprüfbar: Auf einen Pfiff hin beginnt das Ei aufgeregt zu wackeln.

Endlich hat es das Kiwi-Baby aus dem Ei geschafft.
Foto: Tui de Roy
Endlich hat es das Kiwi-Baby aus dem Ei geschafft.

Kiwis schlüpfen nach 63 bis 92 Tagen. Die Jungvögel bleiben im Zentrum, bis sie etwa 500 Gramm schwer sind. Anschließend werden sie dann wieder den DOC-Rangern übergeben, die sie in speziellen Gehegen versorgen: Die Kiwis lernen, dass es Farne gibt und Moos und tollen weichen Boden, in dem man mit dem langen Schnabel nach Würmern suchen kann. Sobald sie schwerer sind als ein Kilo, werden sie in die Freiheit entlassen. Und leben dort mit etwas Glück sehr lange: 80 Jahre kann so ein Kiwi alt werden, wenn ihn nicht zuvor ein Auto erwischt oder Nachbars Katze.

Wir haben keinen Tower of London oder einen Eiffelturm, aber wir haben etwas, was viel, viel älter ist. Kiwis und Kakapos gibt es seit Millionen Jahren, doch wenn sie einmal verschwunden sind, dann sind sie das für immer. Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass sie niemals aussterben.
Don Merton, Neuseelands wohl berühmtester Artenschützer

Einst war Neuseeland das letzte unberührte Stück Natur auf dem Planeten. Die Inseln wurden sehr spät besiedelt, erst vor 750 Jahren landeten die Maori in ihren Kanus. Dennoch hat der Mensch es in dieser kurzen Zeit geschafft, die Artenvielfalt zu halbieren. Es waren vor allem die Vögel, die am stärksten litten. Über fünfzig Arten sind verschwunden, viele weitere stark gefährdet. Die, die übrig sind, werden nun mit großem Aufwand und viel Geld geschützt. Das Kakapo Recovery Programme zum Beispiel hat einen Jahresetat von knapp einer Million neuseeländische Dollar. Jedes Kiwi-Ei, das eine Station wie das West Coast Wildlife Centre durchläuft, kostet 10.000 Dollar.

„Diese Vögel sind unsere Nationalmonumente“, hat Don Merton, Neuseelands wohl berühmtester Artenschützer, einmal geschrieben. „Sie sind unser Tower of London, unser Eiffelturm, unsere Pyramiden. Wir haben keine solche Architektur – aber wir haben etwas, was viel, viel älter ist. Kiwis und Kakapos gibt es seit Millionen Jahren, doch wenn sie einmal verschwunden sind, dann sind sie das für immer. Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass sie niemals aussterben.“

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin, April 2014.

Das schöne Gefieder eines Kakapos leuchtet erfrischend grün.
Foto: Tui de Roy
Das schöne Gefieder eines Kakapos leuchtet erfrischend grün.

Der berühmteste aller Kakapos, ein Männchen namens Sirocco, wurde zum YouTube-­Star, nachdem er den Kopf eines Biologen für das Hinterteil eines Kakapo­-Weibchens gehalten hatte, bloß weil der ein grünes Hemd trug. Seitdem besitzt Sirocco einen eigenen Facebook­ und Twitter-­Account und ist offizieller „Spokesbird for Conservation“.

Anders als ihr berühmter Artgenosse wurde Lisa nicht von Hand aufgezogen, und anders als Sirocco ist sie eher scheu. Im undurchdringlichen Dickicht des Regenwaldes auf Codfish Island können die DOC­-Ranger die Papageien nur aufstöbern, weil die Vögel kleine Sender auf dem Rücken tragen. Deshalb wissen sie jetzt auch, dass Lisa auf ihrem Futtersuche­Spaziergang im Moment etwa 80 Meter entfernt ist: Easons Peilsender hat den Vogel in nordwestlicher Richtung erfasst. Lisa brütet, das machen Kakapos nur alle zwei bis vier Jahre. Zwei Eier liegen in ihrer Erdhöhle. Die Biologen untersuchen sie jeden Abend auf Risse und durchleuchten sie mit einer lichtstarken Taschenlampe, um das Wachstum der Embryos zu kontrollieren. Anschließend legen sie die Eier zurück in die Bruthöhle, die aussieht wie ein Hochsicherheitskomplex. Die Biologen haben ein Dach über dem Bau errichtet, damit das Nest bei Regen nicht überschwemmt wird. Es gibt eine Infrarotlichtschranke, die Lisas Kommen und Gehen im hundert Meter entfernten Überwachungszelt der Menschen akustisch anzeigt – jedes Mal erklingt ein Türgong. Auch im Bau selbst hängt eine Kamera. Lisa stört das alles nicht. Lisa ignoriert das alles komplett.

Kakapo-Dame Lisas Bruthöhle.
Foto: Tui de Roy
Kakapo-Dame Lisas Bruthöhle.

Wenn es um Eier und Junge geht, kann man einiges mit Neuseelands schrägstem Vogel anstellen: Kakapos sind gutmütige Gesellen. Normalerweise legen die Weibchen zwei Eier. Sind es einmal drei, bringen die Ranger eines bei einem anderen Weibchen unter, das nur ein einziges ausbrütet. Manchmal tauschen sie die Küken aus, ein schwaches gegen ein gesundes und älteres zum Beispiel. Dann stutzt das Weibchen für einen Moment, wenn es von der Futtersuche zurückkommt – und marschiert augenblicklich wieder los, um zusätzliche Nahrung für den Nachwuchs zu organisieren, der plötzlich ziemlich gewachsen ist. Auch der menschliche Geruch rund um ihre Bruthöhle stört die Vögel offenbar nicht. Es scheint sie überhaupt kaum etwas aus der Ruhe zu bringen. Man könnte auch sagen: Kakapos sind die Buddhisten unter den Papageien.

Strigops habroptilus ist gewissermaßen die Krönung einer Vogelwelt, die sich aus einem Panoptikum ziemlich merkwürdiger Gestalten zusammensetzt. Als sich jene Inseln, die der niederländische Entdecker Abel Tasman viele Millionen Jahre später Nieuw ­Zeeland nennen sollte, vom Urkontinent Gondwana lösten, hatten sich sämtliche Säugetiere offenbar zuvor in Sicherheit gebracht (bis auf zwei Fledermausarten, die zu spät dran waren). Weil damit die Hauptfeinde der heimischen Vogelarten fehlten, ließen diese in den folgenden Jahrmillionen nun allmählich alles verkümmern, was sie einst zur Flucht gebraucht hatten. Ihre Vorsicht zum Beispiel.

Fünf Biologen untersuchen einen ihrer Kakapo-Schützlinge.
Foto: Tui de Roy
Fünf Biologen untersuchen einen ihrer Kakapo-Schützlinge.

Kakapos werden übrigens bis zu 120 Jahre, vermuten Experten. Als man Mitte der Siebzigerjahre die letzten ihrer Art auf Stewart Island entdeckte, befanden sich sämtliche Papageien bereits im Erwachsenenalter, was eine genaue Altersbestimmung unmöglich machte. Die meisten Tiere dieser „Urpopulation“ wurden übrigens mithilfe von Suchhunden aufgestöbert. Durch ihr moosgrünes Gefieder sind Kakapos nämlich exzellent getarnt und können zwei oder drei Schritte vor einem hocken, ohne dass man sie entdeckt. Der Reflex, in Momenten der Bedrohung bewegungslos sitzen zu bleiben, stammt noch aus jener Epoche, in der Kakapos nur die hoch über ihnen kreisenden Adler fürchten mussten. Gegen Marder und Katzen ist das allerdings kein vorteilhaftes Verhalten. War es auch schon nicht, als Maori und europäische Neuankömmlinge den Kakapo aus den Bäumen schüttelten. Sein Fleisch, notierten britische Siedler damals erfreut, schmecke ähnlich wie Lamm.

Einen Kakapo zu erspähen ist schwierig – zu überhören ist er allerdings nicht. Zumindest nicht in der Paarungszeit. Dann treffen sich die männlichen Vögel in der Balzarena, einer großen Sandmulde, die sie zuvor sorgfältig von Gras freigerupft haben. Von dort locken sie mögliche Verehrerinnen mit Rufen in einer sehr niedrigen Frequenz. Dieses sogenannte Booming klingt ähnlich wie entfernter Kanonendonner oder eine Tuba, die kurz angeblasen wird, und ist mehrere Kilometer weit zu vernehmen (das menschliche Gehör registriert nur die oberen Tonbereiche, man spürt den Balzruf eher im Magen, als dass man ihn hört).

Eine Rangerin untersucht die Blätter, die Kakapos bevorzugt essen.
Foto: Tui de Roy
Eine Rangerin untersucht die Blätter, die Kakapos bevorzugt essen.
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