Vulkanbesteigung am Rande des Wahnsinns

Der Vulkankomplex auf der Südseeinsel Ambrym ist einer der wenigen Orte der Erde mit einem aktiven Lavasee. Einem Team um den französischen Vulkanologen Thomas Boyer ist es erstmals gelungen, sich bis zu seinen Ufern 350 Meter tief im Krater abzuseilen.
Text: Ulla Lohmann, Fotos: Ulla Lohmann / 7 Min. Lesezeit
Kletterprofi Basti Hofmann seilt sich in den Krater des Benbow ab. Drei bis zu 150 Meter hohe Steilwände sind bis zum Ziel, dem Lavasee, zu überwinden. Gutes Wetter ist dafür Voraussetzung: Wenn eine Wolke den Krater verschließt, wird die Gaskonzentration im Inneren zu hoch.
Foto: Ulla Lohmann
Kletterprofi Basti Hofmann seilt sich in den Krater des Benbow ab. Drei bis zu 150 Meter hohe Steilwände sind bis zum Ziel, dem Lavasee, zu überwinden. Gutes Wetter ist dafür Voraussetzung: Wenn eine Wolke den Krater verschließt, wird die Gaskonzentration im Inneren zu hoch.

Die Erde bebt. Unaufhörlich. Ich habe schon viele Erdbeben erlebt, aber gegen dieses permanente Zittern waren jene fast beruhigend. Dazu erfüllt ein dumpfes Grollen die Luft, verstärkt noch durch die Trichterform des Raums. Rundherum ragen steile Felswände auf, beleuchtet nur von einem roten Glühen, das direkt aus der Hölle zu kommen scheint.

Die Insel Ambrym ist im Wesentlichen ein riesiger Schildvulkan, der vor 2.000 Jahren ausbrach. Seither ist das Land nicht zur Ruhe gekommen. Es verändert sich praktisch ständig. Nahe der Caldera des Benbow auf 1.000 Meter Seehöhe sieht es aus wie auf einem fremden Planeten.
Foto: Ulla Lohmann
Die Insel Ambrym ist im Wesentlichen ein riesiger Schildvulkan, der vor 2.000 Jahren ausbrach. Seither ist das Land nicht zur Ruhe gekommen. Es verändert sich praktisch ständig. Nahe der Caldera des Benbow auf 1.000 Meter Seehöhe sieht es aus wie auf einem fremden Planeten.

Wir befinden uns etwa 350 Meter tief im Krater des aktiven Vulkans Benbow auf der Südseeinsel Ambrym und sind auf dem Weg zu dessen Lavasee, der irgendwo unter uns brodelt. Noch ist er nicht zu sehen, nur am ganzen Körper zu spüren. Ich höre mich durch die Gasmaske atmen. Vor uns liegt die Querung eines Gebiets mit rutschigen Blöcken und losem Geröll. Und die erschreckende Aussicht, beim kleinsten Fehltritt in der kochenden Lava zu landen. Eigentlich müsste ich Angst haben.

Die Reise ins Innere des Vulkans birgt viele unberechenbare Gefahren: Das ständige Beben könnte Felsbrocken herabstürzen lassen oder gar die Wände zum Einsturz bringen; wenn das Wetter umschlägt und eine Wolke den Krater verschließt, wird die Schwefeldioxid-Konzentration so hoch, dass selbst die Gasmaske nichts mehr nützt; fällt Regen, verbindet er sich augenblicklich mit dem Schwefeldioxid zu einer hoch aggressiven Mischung, die Kletterseile zerfrisst und Karabiner in kürzester Zeit korrodieren lässt, was den Wiederaufstieg gefährdet. Dennoch ist die größte Angst die, aufgeben zu müssen, es nicht bis hinunter zum Lavasee zu schaffen – an einen Ort, den noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat.

Auf dem Weg zum Lavasee.

Wir sind zu dritt: der französische Vulkanologe Thomas Boyer, der sich seit sieben Jahren um die wissenschaftliche Untersuchung des noch weitgehend unerforschten Vulkankomplexes auf Ambrym kümmert; Kletterexperte Basti Hofmann, der gleichzeitig Organisator der Expedition ist; und ich soll das Ganze auf Fotos und Film dokumentieren. Was uns eint, ist die Begeisterung für Vulkane im Allgemeinen und für Ambrym im Speziellen.

Ambrym, Teil des Inselstaats Vanuatu östlich von Australien, ist ein riesiger Schildvulkan, der vor knapp 2.000 Jahren ausbrach. Die Eruption gilt als eine der zehn größten der vergangenen 100.000 Jahre. Dabei wurde die Spitze des Berges, ein Volumen von 70 Kubikkilometern, in die Luft geschleudert. Es entstand eine Caldera mit einem Durchmesser von 12 Kilometern. Bis heute ist die Erde an dieser Stelle ständig in Bewegung. Im Augenblick rauchen hier fünf Vulkane um die Wette, einer von ihnen wurde erst im Februar geboren.

Leben auf Ambrym heißt auch: leben mit den Vulkanen. Sie beeinflussen praktisch jeden Aspekt des Alltags.
Foto: Ulla Lohmann
Leben auf Ambrym heißt auch: leben mit den Vulkanen. Sie beeinflussen praktisch jeden Aspekt des Alltags.

Ambrym ist einer der wenigen Orte auf diesem Planeten, an denen ein aktiver Lavasee existiert. Wo die Erde einen Blick in ihr geheimnisvolles Inneres zulässt. Natürlich hatten wir schon bald den Traum, uns bis zum Lavasee abzuseilen. Mehrmals haben wir es probiert, immer wieder sind wir gescheitert, das letzte Mal Ende 2014. Man will es angesichts der Südsee-Lage kaum glauben, aber das Problem war meist schlechtes Wetter. Auch diesmal, im Frühsommer dieses Jahres, hatte es anfangs gar nicht gut ausgesehen: Kurz nachdem wir das Basislager in einem kleinen Wäldchen am Rand der Caldera bezogen hatten, fing es an zu regnen. Und hörte drei Wochen nicht mehr auf.

Die Bewohner von Ambrym sind gefürchtet für ihre schwarze Magie. Angeblich sind ihre Flüche tödlich.
Foto: Ulla Lohmann
Die Bewohner von Ambrym sind gefürchtet für ihre schwarze Magie. Angeblich sind ihre Flüche tödlich.

Die wissenschaftliche Erklärung dazu: Das Schwefeldioxid aus dem Vulkan verbindet sich mit der Feuchtigkeit in der Luft und bildet ein Aerosol. Das heißt: Der Vulkan macht sich sein Wetter selbst. Die vier Einheimischen im Camp sahen das anders: Der Vulkan habe etwas gegen uns, wir sollten doch den „Vulkanflüsterer“ Zakzak im Dorf Lalinda engagieren. Dazu muss man wissen: Ambrym ist in ganz Vanuatu für seine schwarze Magie berüchtigt.

Einheimische zeigen uns den Weg und rufen schützende Kräfte für uns.
Foto: Ulla Lohmann
Einheimische zeigen uns den Weg und rufen schützende Kräfte für uns.

Die wissenschaftliche Erklärung dazu: Das Schwefeldioxid aus dem Vulkan verbindet sich mit der Feuchtigkeit in der Luft und bildet ein Aerosol. Das heißt: Der Vulkan macht sich sein Wetter selbst. Die vier Einheimischen im Camp sahen das anders: Der Vulkan habe etwas gegen uns, wir sollten doch den „Vulkanflüsterer“ Zakzak im Dorf Lalinda engagieren. Dazu muss man wissen: Ambrym ist in ganz Vanuatu für seine schwarze Magie berüchtigt.

Man sagt, seine Bewohner können mit Verwünschungen töten. Also schickten wir zwei Boten mit etwas Geld zu Zakzak, man kann ja nie wissen. Verrückt, gewiss. Aber in der Nacht darauf hörte es zu regnen auf, und bei Tagesanbruch lachte die Sonne vom Himmel. Abmarsch zum Krater, endlich. Zum Lavasee führen drei Terrassen, getrennt von jeweils mehr als 100 Meter hohen Steilwänden. Auf der ersten errichten wir unser Zeltlager, dann richten wir die Seile für den Abstieg ein, was einen ganzen Tag dauert. Die Bedingungen sind ideal, keine Regenwolke ist in Sicht. Auf der zweiten Terrasse dann ein heikler Moment: Plötzlich steigt ein Grollen aus dem Vulkan herauf, das immer lauter wird. Ein Wirbel aus roten Gasen zieht an uns vorbei, nimmt uns mit glühend heißer Luft den Atem.

. Das Klettern am Vulkan ist ziemlich anspruchsvoll und die Absicherung äußerst kompliziert.
Foto: Ulla Lohmann
Das Klettern am Vulkan ist ziemlich anspruchsvoll und die Absicherung äußerst kompliziert.

Noch bevor ich schreien kann, ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Mir wird bewusst, dass wir in dem engen Trichter gefangen sind. Wenn sich der Gassturm weiter unten wiederholt, wird’s eng. Basti und Thomas beraten, ob wir umkehren sollen. Thomas misst mit seinem maschinenpistolenartigen Infrarot­Fernthermometer die Temperatur auf der dritten Terrasse. Es hat 50 Grad. Ganz schön warm.

Andererseits: In jeder Sauna ist es heißer. Nach einer längeren Diskussion siegt die Abenteuerlust über die Vernunft: Wir seilen uns ab. Als Erster verschwindet Basti im Schlund des Vulkans, bald kann man ihn nicht mehr sehen. Es dauert eine Ewigkeit, bis endlich der erlösende Funkspruch kommt: „Ich bin unten. Und es ist verdammt einmalig.“ Er hat recht: Der Anblick des Sees ist das Faszinierendste, was ich je gesehen habe. Er blubbert, brodelt, spritzt.

Ich bin unten. Und es ist verdammt einmalig.
Basti Hofmann, Kletterexperte

Wie ein lebendiges Wesen hebt und senkt sich die Lava – als würde man der Erde in ihr offenes pulsierendes Herz schauen. Auch die Geräusche sind unheimlich: als würde ein gewaltiger Topf mit einer zähen Flüssigkeit hundertfach verstärkt vor sich hin kochen. Ich schaue nach oben. Der Himmel über uns ist so klein wie der Handtuchgarten eines Reihenhauses. Wir sind da: am Rande des Lavasees, am Rande des Abgrunds, am Rande des Wahnsinns.

Haunah die Lava spüren.

Thomas Boyer macht sich an seine Arbeit. Im Hitzeschutzanzug sieht er aus wie ein Darsteller aus einem Weltraum­-Katastrophenfilm. Die Messungen, die er vornimmt, sind nur hier möglich: Er misst die Temperatur des Sees (er ist noch heißer als angenommen – 1.276 statt 1.200 Grad), er vermisst dessen Ausdehnung mit einem Laser, untersucht Fumarolen und nimmt mit einer „Lavabombe“ – einem erkalteten Lavastein an einem Stahlseil – Proben frischer Lava, sogenannte Zero-Samples.

All das wird dabei helfen, Vulkane und das Geschehen im Erdinneren besser zu verstehen. Ich hingegen genieße das intensive Gefühl, in die Hölle zu blicken. Und gleichzeitig den Himmel auf Erden zu erleben.

Der große Feuerring

Warum es rund um den pazifischen Ozean so viele Vulkane gibt. Der Pazifische Feuerring umschließt den Pazifik bogenförmig auf einer Länge von 40.000 Kilometern. Er ist die längste zusammenhängende Reihe von teils hoch aktiven Vulkanen, verantwortlich auch für Erdbeben und Tsunamis.

Wenn die Gase ins Zelt kriechen, dann fangen die Augen an zu tränen, und man sieht so viel wie beim Autofahren in dichtem Nebel: nichts.
Foto: Ulla Lohmann
Wenn die Gase ins Zelt kriechen, dann fangen die Augen an zu tränen, und man sieht so viel wie beim Autofahren in dichtem Nebel: nichts.

Die Ursache für die explosive Kette ist seit fast 50 Jahren bekannt: Wenn die ozeanischen Platten tief unter andere Platten absinken, dann wird unter hohem Druck und Hitze in großer Tiefe Wasser im Gestein frei, was den Schmelzpunkt des Gesteins im Mantelkeil darüber senkt. In der Folge steigt flüssiges Magma bis zur Oberfläche auf.

Erst vor ein paar Wochen gelang es Geologen der Universität Oxford, zu erklären, warum der Feuerring nur wenige Kilometer schmal ist. Mithilfe eines mathematischen Modells für den Hitzetransport an den Plattengrenzen fanden sie heraus, dass wasserarmes Gestein dafür verantwortlich ist. Die in schmalen Zonen entstehende Schmelze steigt auf und bahnt dem wasserreichen Magma in der Umgebung den Weg.

Thomas Boyer hat ihn nun erstmals genau vermessen. Sein Durchmesser beträgt 45 Meter, die Fontänen, die gelegentlich aus ihm hochspritzen, sind 25 bis 30 Meter hoch.
Foto: Ulla Lohmann
Thomas Boyer hat ihn nun erstmals genau vermessen. Sein Durchmesser beträgt 45 Meter, die Fontänen, die gelegentlich aus ihm hochspritzen, sind 25 bis 30 Meter hoch.

Historische Vulkanausbrüche

Calbuco – Chile, 23. April 2015

Nach einer 15 Kilometer hohen Eruption bedeckte eine 50 Zentimeter dicke Ascheschicht einen Umkreis von 30 Kilometern. 6.000 Menschen mussten evakuiert werden. Nach dem 23. April folgte am 30. April der vorläufig letzte Ausbruch.

Cotopaxi – Ecuador, 15. August 2015

Eine fünf Kilometer hohe Aschewolke mit einem Volumen von 700.000 Tonnen reichte bis zur 60 Kilometer entfernten Hauptstadt Quito. Der ausgerufene Ausnahmezustand dauert noch immer an, der Berg bewegt sich nach wie vor.

El Chichón – Mexiko, 29. März 1982

Dem ersten Ausbruch folgten am 3. und 4. April zwei weitere Eruptionen. 7 Millionen Tonnen Schwefeldioxid und 20 Tonnen Asche- und Gesteinsmaterial verursachten in der Folge einen weltweiten Temperaturabfall von immerhin 0,2 Grad Celsius.

Krakatau – Indonesien, 27. August 1883

Nach dem Ausbruch rasten pyroklastische Ströme mit 800 km/h über das Meer. Es folgte ein Tsunami mit 40 m hohen Wellen, etwa 36.400 Menschen starben. In der nördlichen Hemisphäre sank daraufhin die Temperatur um 1,2 Grad.

Ein Schauspiel der Natur.

Merapi – Indonesien, 5. November 2010

Asche und Geröll wurden vier Kilometer in die Luft geschleudert, bis zum 29. November wurden 390.000 Menschen evakuiert, 324 starben, 26 Dörfer wurden zerstört.

Mount St. Helens – USA, 18. Mai 1980

In der neun Stunden dauernden Eruption reichten die Asche- und Gaswolken bis in eine Höhe von 18 Kilometern. 57 Menschen starben, mehr als 3 Kubikkilometer Gestein wurden bewegt, der pyroklastische Strom erreichte mit 1.080 km/h Schallgeschwindigkeit und zerstörte eine fächerförmige Fläche von 600 km2

Nevado del Ruiz– Kolumbien, 13. November 1985

Der von Eis und Schnee bedeckte Berg ruhte 240 Jahre, ehe er wieder ausbrach. Schlammlawinen überspülten die 47 Kilometer entfernte Stadt Armero, 23.000 Einwohner starben. Ende Juni 2012 spuckte der Berg abermals eine 8 Kilometer hohe Aschewolke aus.

Pinatubo – Philippinen, 15. Juni 1992

Nach 550 Jahre Ruhezeit produzierte der Berg eine Eruptionssäule mit 10 Milliarden Tonnen Material, die bis in die Stratosphäre reichte. Die Erde wurde mit einem schwefelsäurehaltigen Nebel überzogen, die Temperatur fiel um 0,5 Grad. 875 Tote trotz Evakuierungen.

Popocatépetl – Mexiko, 8. Mai 2013

Der „Rauchende Berg“ rumorte dreieinhalb Stunden, ehe er mit einer 3 Kilometer hohen Aschesäule ausbrach. Seither ist der Vulkan in ständiger Bewegung.

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin, Jänner 2016.

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