Zukunft auf Sand gebaut: Wo die Nordfriesen dem Wattenmeer Land abringen

Die Durchschnittstemperaturen steigen, das Klima verändert sich, das Meer überflutet immer mehr Landstriche. Gibt es noch einen Ausweg?
Text: Andrea Jeska, Fotos: Samuel Zuder / 11 Min. Lesezeit
Aufschüttung zu einem Siedlungshügel (Warft).
Foto: Samuel Zuder
Zukunft auf Sand gebaut: Auf der Marschinsel Langeneß im nordfriesischen Wattenmeer lassen Aufschüttungen einen Siedlungshügel entstehen, eine Warft.

In der Nacht auf den 12. Oktober 1634 fegt eine schwere Sturmflut über die Nordsee und die westliche Küste von Schleswig-Holstein hinweg. Die Wellen türmen sich bedrohlich auf, der Wind orgelt schauerlich dazu, und in den Häusern und Kirchen ducken sich die Menschen und beten. Gott möge den Sündern noch einmal verzeihen und ihnen gnädig sein! Vom Gebet beruhigt und im Vertrauen auf die Standhaftigkeit der Deiche, legt man sich schließlich schlafen.

Doch die Gnade Gottes bleibt aus. Als der Morgen graut, ist nichts mehr wie zuvor. Die Flut verändert mit ihrer Vehemenz die gesamte Küstenlandschaft. Inseln wie Alt-Nordstrand zerreißen in mehrere Teile wie mürbe Leinwand, andere gehen einfach unter. Teile des Lands werden weit ins Meer gespült, Dörfer, Häuser, Mühlen und Kirchen vernichtet, Felder und Wiesen ersaufen und spülen an die 15.000 Menschen mit sich.

Die nordfriesische Gemeinde Gröde.
Foto: Samuel Zuder
Liegt gefühlt nur eine Handbreit überm Wasser: die nordfriesische Gemeinde Gröde.

Die große alles verändernde Flut

Die Burchardiflut 1634, benannt nach einem heilig gesprochenen Benediktinerbischof, geht in die Geschichte der Nordsee sowie ins kollektive Bewusstsein der am schwersten betroffenen Nordfriesen ein, als weitere Grote Mandränke. Die Zweite Marcellusflut 1362 (die Erste Marcellusflut war 1219) hatte bereits die Uthlande zerrissen, die von Friesen bewohnte Inselgruppe dicht am Festland; diese zweite Grote Mandränke lässt nun das sagenhafte Rungholt untergehen. Wie keine Flut zuvor verändert sie das Verhältnis der Menschen zum Meer. Spätestens von jenem Tag an sind sie Feinde: die Nordsee und die siedelnden Menschen an ihren Ufern.

Jahrhunderte später hat sich an dieser Kluft wenig geändert. Wohl sind die Schutzmaßnahmen gegen den Blanken Hans, wie die Sturmfluten bezeichnet werden, ausgefeilter geworden. Doch das Meer hat einen neuen Verbündeten im Duell mit den Menschen: den Klimawandel und den daraus resultierenden Anstieg des Meeresspiegels.

 In Schleswig-Holstein im Norden Deutschlands baut man aus diesem Grund seit 2014 für die Zukunft: Klimadeiche, die höher und breiter sind und zum Meer hin flacher auslaufen, sollen die Wellenenergie brechen und das Land samt seiner 350.000 Menschen sowie Sachwerte von 50 Milliarden Euro auch noch in ein, zwei weiteren Jahrhunderten schützen.

Prognostiziert sind 0,5 bis ein Meter Meeresspiegelanstieg in den kommenden 100 Jahren. Wir sind selbst bei zwei Metern noch auf der sicheren Seite.
Frank Barten, Zuständig für den Bereich Küstenschutz und Häfen

Von einem schlichten Zweckbau in der nord-friesischen Stadt Husum aus setzt eine Behörde um, was die Politik an Maßnahmen für den Erhalt von Leben, Land und Eigentum entlang der Nordseeküste beschließt: der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN.SH). Zuständig für den Bereich Küstenschutz und Häfen ist Frank Barten, ein Mann mit 30 Jahren Erfahrung im Bereich des konventionellen Deichbaus. Barten ist zuversichtlich, dass die Klimadeiche für vier Generationen reichen werden: „Prognostiziert sind 0,5 bis ein Meter Meeresspiegelanstieg in den kommenden 100 Jahren. Wir sind selbst bei zwei Metern noch auf der sicheren Seite.“

Nach der Burchardiflut war Deichbau eine Verpflichtung der Menschen, die an der nordfriesischen Küste siedelten. Keen nich will dieken, de mutt wieken: Wer nicht deichen will, muss weichen; so war es verankert im Bewusstsein jeder Generation.

Erst als nach einer weiteren verheerenden Überflutung der nordfriesischen Marschinseln, der Halligen, im Jahr 1825 (Große Halligflut) offensichtlich wurde, dass hausgemachte Deiche zu wenig sind, um Katastrophen abzuhalten, übernahmen das Land und später der Bund diese Aufgabe.

Geflochtene Dämme als Schutz vor dem Wasser.
Foto: Samuel Zuder
Flut macht erfinderisch: geflochtene Dämme als Schutz vor dem Wasser.

Ohne Deichschutz geht nichts

Was passiert, wenn man Deichschutz vernachlässigt, hat es sogar in die Literatur geschafft: Keiner hat es dramatischer dargestellt als Dichter Theodor Storm in seinem „Schimmelreiter“, dem inoffiziellen Nationalepos der Nordfriesen. Es ist die Geschichte des Deichgrafen Hauke Haien, dem ein Deich in einer Sturmflut bricht: Er hat ein Gebiet eingekoogt – so heißt es, wenn um Vorland oder Salzwiesen ein Deich gezogen wird, um dort Wiesen für Landwirtschaft entstehen zu lassen – und dabei übersehen, dass der alte Schutzdeich von Mäusen unterhöhlt war.

Als eine Sturmflut kommt, hält der neue Deich nicht, und auch der alte bricht. Haien muss mitansehen, wie seine Frau und sein Kind ertrinken, und stürzt sich dann selbst verzweifelt in die Fluten. Als Geist galoppiert er seither bei Sturm auf seinem Schimmel an der Küste entlang.

Ungefähr 300 Kilometer der Westküste Schleswig-Holsteins werden heute von Schutzdeichen begleitet. Diese werden gemäß eines Küstenschutzplans alle zehn Jahre untersucht und ihre Schutzfunktion durch das Messen des sogenannten Überlaufs bestimmt: jener Wassermenge, die bei Sturmfluten über die Deichkrone ins Land gelangt. Denn läuft das Wasser bei Flut immer wieder über den Deich, erodiert die den Sandkern schützende Schicht aus Klei, entwässertem Sediment. Die Krone wird niedriger, der Überlauf entsprechend größer – und schließlich bricht der Deich. In Schleswig-Holstein passierte das zuletzt bei der großen Sturmflut von 1962.

Kluge Strategien bewahren Halligen und Küsten.
Foto: Samuel Zuder
Mit dem Meer und gegen das Meer: Kluge Strategien bewahren Halligen vor den Gezeiten, etwa durch etwa Abfluss­systeme.

Klimadeiche wurden bislang dort gebaut, wo dazumal die Burchardiflut am schwersten wütete, auf Nordstrand, einst Teil der zerrissenen Insel Alt-Nordstrand, sowie zum Schutz der an der Küste gelegenen Stadt Büsum und südlich des Fährhafens Dagebüll. Dafür wurde das Verhältnis von Höhe zu Breite geändert, von 1 zu 8 auf 1 zu 10. Auch die Deichkrone wurde verbreitert, auf ebenfalls zehn Meter.

Das erlaubt einen möglicherweise notwendigen Klimazuschlag: die weitere Erhöhung. Schon jetzt kostet ein Kilometer Deich drei bis vier Millionen Euro. Insgesamt investiert man hier 60 Millionen Euro im Jahr in den Küstenschutz. „Was wir dadurch bewahren, liegt ja im Wert um ein Vielfaches höher“, sagt Barten dazu. „Außerdem sind wir auch verpflichtet, Leben zu schützen.“

Bewahren diese Maßnahmen Schleswig-Holstein vor künftigen Katastrophen? Im Gegenteil, sagt Karsten Reise, Geologe und langjähriger Leiter der Wattenmeer-Schutzstation auf Sylt. Der über 70-Jährige ist bereits in Rente, doch noch immer trifft man ihn fast täglich in seinem Büro beim Alfred-Wegener-Institut auf Sylt an. Das Leben auf der Insel hat nicht nur seine Haut gegerbt, sondern ihn auch geprägt und einen Kämpfer aus ihm gemacht.

Der pensionierte Leiter der Wattenmeer-Schutzstation auf Sylt.
Foto: Samuel Zuder
Hat täglich noch immer das Meer im Kopf: der pensionierte Leiter der Wattenmeer-Schutzstation auf Sylt Karsten Reise.
Hier findet ein Stellungskrieg statt, der nichts mit der Realität zu tun hat. Deiche sind für Sturmfluten gemacht, nicht für den Meeresspiegelanstieg.
Karsten Reise, Geologe und langjähriger Leiter der Wattenmeer-Schutzstation auf Sylt

Der falsche Weg?

Reise ist der vehementeste und lauteste Kritiker der heutigen Küstenschützer. Die Vorstellung, höhere und breitere Deiche könnten den Meeresspiegelanstieg und die zu erwartenden heftigeren Stürme und Fluten kompensieren, sei blanker Unsinn, Tünkram; und jene, die ihn verantworteten, seien eine Deichmafia. Überalterte Experten, eine unflexible Politik und sturköpfige Friesen: Sie alle, so Reise, hielten zusammen an einem unzeitgemäßen Küstenschutz fest. „Hier findet ein Stellungskrieg statt, der nichts mit der Realität zu tun hat. Deiche sind für Sturmfluten gemacht, nicht für den Meeresspiegelanstieg.“

Reises Ansatz ist ein anderer: Öffnet die Deiche, baut sie zurück, lasst das Meer ins Land. Und Reise findet dafür gute Argumente, etwa unberechenbare Schmelzvorgänge im Polareis, die den Meeresspiegel bis 2200 um drei Meter anwachsen lassen könnten. Eine Höhe, der kein Deich mehr gewachsen sei, zumal, wenn man die Sturmfluthöhen noch draufrechne. „Wenn dann die Deiche überfluten, läuft das Hinterland voll wie eine Badewanne. Und sie werden überfluten. Also ist es doch Wahnsinn, sich darauf zu verlassen.“

Ein Viertel von Schleswig-Holstein ist potenziell überflutungsgefährdet. Wo heute die Deichlinie steht, war noch vor vielen Jahren Wasser. Immer neue Flächen haben die Menschen dem Meer abgetrotzt, indem sie durch Eindeichung Köge schufen. Das Meer nimmt, das Meer gibt; auch das sagen sie in dieser Gegend.

Das Gegebene wurde entwässert, verdichtete sich – und sank. Was bedeutet: Je weiter man ins Hinterland kommt, desto tiefer liegt das Land, desto undurchdringlicher muss die Frontlinie gegen das Meer sein. So denkt der konventionelle Küstenschützer. Reise hingegen denkt: Damit es nicht absäuft, muss man es wieder erhöhen – und zwar durch Sedimente, die das Meer mit jeder Flut heranträgt und dort ablagert, bevor es sich wieder zurückzieht.

Bagger gegen die Erosion.
Foto: Samuel Zuder
Sisyphus auf modern: Bagger kämpfen gegen die Erosion an.

Während also Politiker, Deichbauern und Küstenschützer ihre Gedanken auf das kommende Jahrhundert richten, hat Reise gleich fünf Jahrhunderte im Sinn. Denn damit sich das Land mit den Sedimenten hebt, wird es eine Menge Meer brauchen – und den bislang undenkbaren Gedanken, gutes Bauernland, Salzwiesen und vielleicht auch Gehöfte, ja ganze Dörfer, aufzugeben.

Reise hat über all das ein Buch geschrieben („Kurswechsel Küste: Was tun, wenn die Nordsee steigt“, Wachholtz Verlag, 2015). Darin legt er die erdgeschichtlichen und gegenwärtigen Vorgänge im Meer, Wattenmeer, auf den Inseln und hinter den Deichen dar und seine Forderung nach einer Aufgabe der Befestigungslinie: etwa durch Deichrückbau, Öffnung der Köge oder durch Siele, verschließbare Durchlässe in einem Deich, die Wasser nicht nur aus dem Land lassen, sondern auch hinein.

Als Alternativen zur Marschwiesen-Landwirtschaft schlägt Reise das Grasen von Wasserbüffeln vor, den Anbau von Lotos und schwimmende Dörfer als Touristenattraktion. Es ist die Gedankenwelt eines Geologen: Wie man einem Friesen Wasserbüffel und Lotos schmackhaft machen soll, ist eine andere Frage.

Hier werden die Ufermauern auf Sylt erhöht.
Foto: Samuel Zuder
Sand und Beton gegen die Fluten: Hier werden die Ufermauern auf Sylt erhöht.

Nicht Meer, nicht Insel

Dem Meer ungeschützt ausgeliefert zu sein: Dieses Gefühl kennt man am besten auf den Halligen, die der Küste vorgelagert sind. Zehn gibt es, acht sind bewohnt. Einzigartige geologische Gebilde, nicht Meer, nicht Insel, sondern etwas dazwischen oder auch jenseits davon: „Schwimmende Träume“, schrieb einst Theodor Storm.

Eine der kleinsten ist Hallig Gröde, zweieinhalb Quadratkilometer groß. Dort leben neun Menschen, 2000 Schafe, ein paar hundert Gastkühe, die sich den Sommer über auf den Weiden satt fressen, und zahllose Vögel. Post und Lebensmittel kommen per Schiff, aber wenn Land unter ist, also alles überflutet ist, eben auch nicht.

Berechnungen des Weltklimarats zufolge sind die Halligen in einem Jahrhundert unbewohnbar, sie liegen nur zwei, drei Meter über dem Meeresspiegel. Man kann sie nicht mit Deichen befestigen, denn sie sind Land, das stets seine Form verändert, bedingt durch Wind und Wellen. Die Häuser stehen daher auf Warften, hügelähnlichen Erhöhungen.

Auf Gröde ist es die Knudtswarft, drei Häuser, drum herum ein wenig Garten. Als Gröde vor Jahrhunderten vermutlich noch die dreifache Größe hatte, gab es etliche weitere Warften, doch die hat sich längst das Meer geholt. 90-mal im Jahr war früher die Hallig überschwemmt, heute, nach Befestigung der Uferkanten mit Steinwällen, geschieht das noch rund 20-mal. Mit jeder Überschwemmung erhöht sich das Land um zwei, drei Millimeter: Wäre es nicht so, wären die Halligen längst im Meer verschwunden.

Volker Mommsen vor seinem Haus.
Foto: Samuel Zuder
Einer von neun Bewohnern von Gröde: Volker Mommsen vor seinem Haus.

Um die Bewohner der Halligen für den Meeresspiegelanstieg zu rüsten, hat das Land Schleswig-Holstein ein Programm zur Erhöhung der Warften beschlossen und dafür 30 Millionen Euro veranschlagt. Auf den drei größeren Halligen Langeneß, Hooge und Nordstrandischmoor wird schon eifrig gebaggert. Auf Hooge wird eine bestehende Warft ähnlich den Klimadeichen aufgefrischt, auf Langeneß gar eine neue errichtet. Auch auf Gröde sollte eigentlich bereits eine neue Warft entstehen. Doch es tut sich nichts. Weil die Bewohner sich nicht einigen könnten, sagt das Landesamt. Weil das Landesamt der Planung zwei Jahre hinterherhinke, sagen die Bewohner.

Volker Mommsen war 30 Jahre lang Bürgermeister auf Gröde, bis er schließlich im vergangenen Jahr seine Aufgaben an Jürgen Kolk, den zweiten Mann auf der Insel, abgab. Der dritte ist Mommsens Bruder. Alle drei Männer sind Angestellte des Landesamts für Küstenschutz, denn andere bezahlte Arbeit gibt es auf Gröde nicht.

Die drei kümmern sich um alles, was dem Schutz der Insel vor dem Wasser dient, und betreiben Landwirtschaft. Harmonisch ist das Zusammenleben nicht immer. „Wir diskutieren noch über das Thema neue Warft und neue Häuser“, sagt Mommsen sehr zurückhaltend, denn jeder falsche Satz könnte bei so wenigen Bewohnern den Halligfrieden gefährden. Dass man umziehen müsse, stehe fest. Nur zu welchen Bedingungen, da herrsche noch Uneinigkeit.

Problematisch am Warft-Ertüchtigungsprogramm ist, dass das Land zwar die Kosten für die Warften übernimmt, aber nicht für den Neubau der Häuser. Da ist höchstens mit Fördermitteln zurechnen. Weil alles Baumaterial per Schiff transportiert werden muss, liegen die Kosten für einen Hallig-Neubau um 30 Prozent über dem auf dem Land. „Es ist ja nicht so, dass man auf den Halligen reich wird“, erklärt Mommsen. Andererseits sei es schon immer so gewesen: Wenn das Meer eine Warft bedrohte, hätten die Leute sie aufgegeben und weiter landeinwärts neu gebaut.

Hallig Gröde
Regelmäßig den Deich abgehen und nach Schäden suchen, das ist eine Pflicht, der man sich nicht entziehen darf.
Jens-Georg Jacobsen, freiwilliger Deichgänger

Das Nordfriesische ist eine menschenleere und baumlose Landschaft, durchzogen von Deichen und Wassergräben, und so flach, dass am Ende des Blicks Land und Himmel eins werden. Melancholie ist fühlbar und eine unheilbare Einsamkeit. Im Herbst, wenn die Nebel es überziehen und Mensch und Vegetation vom harschen Wind gebeugt werden, verschwimmen alle Konturen wie auf den Gemälden von Emil Nolde, der seine Aquarelle dort im Ort Seebüll malte. Und wenn die Winterstürme toben, verliert das Land bei tiefhängenden Wolken alles Licht, wird zu einem Schattenriss. Wer hier lebt, der muss biegsam und hart zugleich sein. Und immer gewahr der Gefahr, die vom Meer kommt.

Die Deichgrafen, wie Hauke Haien einer war, gibt es heute nicht mehr. Auch nicht die Deichverbände, die für den Erhalt des Deiches zuständig waren. Wohl aber die Deichgänger, ein Ehrenamt für jeden Bürger. Auch Jens-Georg Jacobsen erfüllt diese Aufgabe: „Regelmäßig den Deich abgehen und nach Schäden suchen, das ist eine Pflicht, der man sich nicht entziehen darf.“

Die Familie Jacobsen betreibt auf Nordstrand seit 1906 in vierter Generation Landwirtschaft hinter dem Deich. Längst ist der ehemalige Inselrest zur Halbinsel geworden, weil durch Landgewinnung mit dem Festland zusammengewachsen. An den saftigen Marschwiesen, die dem Meer dort und an vielen anderen Stellen abgerungen wurden, sind die friesischen Bauern reich geworden.

Man kann das an den großen, prachtvollen Höfen sehen. Doch die fetten Jahre sind lange vorbei, immer mehr Landwirte geben ihre Höfe auf. Die Jacobsens bauen Weizen und Raps an, halten Schweine und vermieten an Feriengäste; eine Mischung, die ihm ermögliche, den Hof zu halten, sagt Jens-Georg Jacobsen.

Sabine und Jürgen Kolk leben auf Gröde.
Foto: Samuel Zuder
Sabine und Jürgen Kolk leben auf Gröde: Statt 90-mal ist die Hallig jährlich nur mehr 20-mal überflutet – den Schutzbauten sei Dank.

Der 50-Jährige ist auf diesem Land aufgewachsen: „Der Küstenschutz wird uns in die Wiege gelegt.“ Vom Klimadeich ist Jacobsen begeistert, von den Ideen eines Karsten Reise hat er noch nie gehört. „Das Wasser ins Land lassen? Die Deiche durchlässig machen?“ Jacobsen sitzt am Tisch in der heimischen Küche, umgeben von Gemütlichkeit, und man sieht ihm an, dass er den Gedanken beunruhigend findet. „Das hieße, alles aufgeben, was unsere Vorfahren geschaffen haben“, sagt er ratlos. „Dem Meer kann man nicht trauen. Das muss da draußen bleiben.“

Und Wasserbüffel? Die Äcker versalzen lassen? Jacobsen schüttelt den Kopf. Der tägliche Kampf um den Erhalt des Hofs ist schwierig genug. Und bis das Meer so weit steigt, „bün ik dood“. Wenn dann die Deiche nicht hielten, sei das Sache seiner Urenkel, die könnten dann ja umsiedeln.

„Herr, Gott, nimm mich; verschon die anderen!“, ruft Hauke Haien, ehe er mit seinem Schimmel in die Flut reitet. Lange sah es so aus, als hätte er Gehör gefunden. Doch steigt und steigt das Meer, ist die Schonzeit vielleicht vorbei.

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin, März 2020.

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