Kolumne Mooslechners Merkwürdigkeiten: Der Traum des Fremden

Als Terra Mater Kolumnist Markus Mooslechner letztens, vornübergebeugt, den dunklen Rand seiner Badewanne reinigte, erinnerte er sich an eine seltsame Begegnung, die er vor ein paar Jahren auf einer Konferenz hatte.
Text: Markus Mooslechner / 2 Min. Lesezeit
Mosslechners Merkwürdigkeiten Kolumne Traum des Fremden Foto: WikiImages
Die neue These vom Ursprung des Lebens: Dieser liegt nicht am Boden der Ozeane, sondern in Tümpeln, die sich aus Thermalquellen speisen.

Der Mann, der im November 2017 die Bühne betrat, war mir unbekannt. Sein unrasiertes, fast kindliches Lächeln erregte meine Aufmerksamkeit. Ebenso seine Kleidung, die ihm oder ins Jahr 2017 irgendwie nicht passte. Vielleicht ein Zeitreisender? Bevor er zu sprechen begann, war der Blick des Mannes um den Bruchteil einer Sekunde zu lange auf das Publikum gerichtet. Irgendetwas stimmte nicht. Dann, plötzlich, öffnete sich sein Mund, um sich wortlos wieder zu schließen. Einem Griff in die Außentasche seines roten Lederjacketts folgte ein verschmitztes „Do you know what this is?“ Die Augen des Mannes glühten. Ich wusste, ich war Zeuge eines besonderen Moments.

Der Mann hielt einen handflächengroßen Stein in seiner Hand. In der Mitte war eine Delle. Kreisrunde Stufen umgaben wie Reisterrassen die Vertiefung. Mit diesem Stein, sagte der Mann, spürbar gerührt von dem, was er vorhatte zu erzählen, seien er und sein Forscherteam drauf und dran, das Buch des Lebens neu zu schreiben. Ich hatte nicht vor, den Saal zu verlassen.

Über den Ursprung des Lebens ist wenig bekannt. Außer, dass er vor etwa 3,5 Milliarden Jahren stattgefunden haben dürfte. Tief unten am Boden der Ozeane, wo bis zu 400 Grad Celsius heißes Wasser aus der Erdkruste auf das eiskalte Wasser der Tiefsee trifft. Hier soll tote Materie begonnen haben, sich zu -organisieren. So steht es in den Biologiebüchern meiner Kinder.

Während des Vortrags fand ich heraus, dass der Mann auf der Bühne Bruce Damer heißt und Mikrobiologe an der Universität Santa Cruz in Kalifornien ist. Ein seltsamer Traum auf einem Überlandflug habe ihn zu seinen Forschungsarbeiten inspiriert.

Mein Putzlappen ist das Ende des Wunders aller Wunder.

Markus Mooslechner, Terra Mater

Der Ursprung des Lebens liege nicht am Boden der Ozeane, sondern an Land. In kleinen Tümpeln, die sich aus Thermalquellen speisen, die den Wasserspiegel heben und senken.

Genau hier, wo das Wasser steigt und sinkt, bildet sich ein Saum aus Ablagerungen, in denen leblose Moleküle über Jahrmillionen Zeit hatten, sich auszutauschen. Zu trocknen, sich zu lösen, sich mit anderen zu kombinieren, Neues zu schaffen. Irgendwann trafen in dieser kosmischen Lotterie zwei Molekülfragmente aufeinander und verschmolzen. Das Ergebnis war robuster als alles andere und überdauerte längere Zeiträume. Und wieder vergingen Jahrmillionen. Moleküle trieben hin und her, trockneten, zerbrachen, ordneten sich neu. Und wieder trafen zwei aufeinander, die zusammenpassten. Und wieder -entstand Neues. Diesmal die Fähigkeit, eine Kopie von sich selbst anzu-legen. Tote Materie war damit zum Leben erwacht.

Plötzlich verstand ich das Strahlen in den Augen des mir
nicht mehr fremden Redners, und ein Blitz durchzuckte mich: In meiner Badewanne treiben etwa 1.000.000.000.000.000.000.000.000.000 Moleküle, hier könnte, würde ich nur lange genug warten, das Wunder des Lebens erneut beginnen. Wären da nicht ich und mein Putzlappen: das Ende des Wunders aller Wunder.

Ende des Jahres 2020 wurde Bruce Damers Forschung
im renommierten Magazin „Nature“ gewürdigt.

Mooslechners Merkwürdigkeiten Kolumne Traum des Fremden Foto: Markus Mooslechner
Terra Mater Kolumnist Markus Mooslechner ist Journalist, Moderator und TV-Produzent für die Terra Mater Factual Studios.

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