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Mooslechners Merkwürdigkeiten: Der Überallpilz

Terra Mater Kolumnist Markus Mooslechner hat die Antwort auf das Rätsel gefunden, warum Menschen in der Krise Hefe horten. Der Weg dahin hat ihn ins alte Ägypten geführt.
Text: Markus Mooslechner, Fotos: Markus Mooslechner / 2 Min. Lesezeit Video / 6 Min. Dauer
Terra Mater Kolumne Mooslechners Merkwürdigkeiten Foto: Krzysztof Jaracz/Pixabay
Wer hätte es gewußt? Die Hefe ist das Fundament der Zivilisation.
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HEISST JEMAND SEAMUS BLACKLEY, IST ER AUTOMATISCH ZU HÖHEREM GEBOREN. Ein Markus Mooslechner stößt sich irgendwann den Kopf an der hölzernen Decke, die ihn vom Weltruhm trennt. Teilchenphysiker Blackley erfindet hingegen im Vorbeigehen die legendäre Spielkonsole Xbox und erweckt 4.500 Jahre alten ägyptischen Sauerteig zum Leben.

Das hat mich neugierig gemacht.In meinem Kühlschrank wohnt eine Tausende Jahre alte Kultur, die der menschlichen um nichts nachsteht: Saccharomyces cerevisiae. Ein Volk mit 720 Milliarden Einwohnern, weniger dramatisch bekannt als Hefe oder Germ. Früher habe ich sie respektlos als Backhilfe bezeichnet, bis alles ganz anders kam.

Hefe ist ein lernfähiger Pilz und kommt wahrscheinlich aus China. Man kann ihn abrichten wie einen Hund. Manche erschnüffeln Sprengstoff, andere erzeugen elektrischen Strom und wieder andere Benzin oder Diesel. Es gibt 1.500 unterschiedliche Arten: Bei mir wohnt das Völkchen, das sich mit dem Brotbacken auskennt und bei Bedarf auch Bier zaubern kann.

Seamus Blackley wollte also wissen, wie Brot im alten Ägypten geschmeckt hat. Er bekam Zugang zu einer Antikensammlung eines Museums und durfte eine Tonscherbe aus einem ägyptischen Backofen genauer untersuchen. Vorsichtig spülte er Wasser in jede noch so kleine Ritze, in der Hoffnung, Reste jener Hefe aufzustöbern, die die Bäcker damals verwendet hatten.

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Hefe ist ein lernfähiger Pilz und kommt wahrscheinlich aus China. Man kann ihn abrichten wie einen Hund.

Markus Mooslechner, Terra Mater

Hefe ist hart im Nehmen. Manche meinen gar, sie ist unsterblich. Ist es zu trocken, kann sie Tausende Jahre warten. 2021 schickt die NASA einen Hefe-Stoßtrupp in Richtung Sonne, um die Bewohnbarkeit des lebensfeindlichen Weltraums zu erforschen. Der Pilz hat sich die Erde längst untertan gemacht, in jedem Atemzug, in jedem Lebewesen, in jedem Ozean. Vorsichtig träufelte Seamus Blackley Roggenmehl auf das Wasser, mit dem er die Tonscherbe abgespült hat. Getreide ist das Leibgericht der Organismen, nach ein paar Stunden bildet der Teig Bläschen. Die 4.500 Jahre alte Hefe lebt und furzt fröhlich vor sich hin. Vorn Zucker rein, hinten CO2 raus.

Dieser Umstand ist für viele Forscher das eigentliche Fundament unserer Zivilisation. Nicht die Erfindung des Rades oder des Ackerbaus. Nein: Es war die Hefe, die dem Menschen das nahrhafte Brot brachte. Im Gegenzug versorgte der Mensch die Hefe mit Getreide. Der Rest ist Geschichte. Auch das Bier, denn der Mensch lebt ja bekanntlich nicht vom Brot allein.

Warum horten wir also Hefe in Zeiten der Krise? Weil sie uns seit Jahrtausenden wie ein treues Haustier freundschaftlich begleitet, auch wenn wir das längst vergessen haben. Irgendetwas in uns erinnert sich daran. Doch das Leben ist nicht zu Ende, wenn es keine Hefewürfel mehr im Regal gibt. Für ein Glas Wasser und etwas Roggenmehl kommt sie ganz freiwillig zu Ihnen nach Hause. Versprochen. Kostenlos noch dazu.

PS: Ist das Logo der Xbox ein Brotlaib?

Terra Mater Kolumne Mooslechners Merkwürdigkeiten Foto: Markus Mooslechner
Terra Mater Kolumnist Markus Mooslechner ist Journalist, Moderator und TV-Produzent für die Terra Mater Factual Studios.