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Die schicksalshafte Entdeckung des Pharaos Tutanchamun

„Ich sehe wunderbare Dinge“ entfuhr es dem Archäologen Howard Carter, als er erstmals in die Grabkammer des Pharaos Tutanchamun lugte. 100 Jahre später soll erstmals der gesamte Schatz öffentlich zugänglich werden. Doch wer war der Pharao?
Text: Gottfried Derka, Fotos: Mauritius Images / 9 Min. Lesezeit
Tutanchamun, Maske, Kopf, Pharao, Ägypten, Terra Mater Foto: Mauritius Images
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Howard Carter muss einigermaßen angespannt gewesen sein. Seit sechs Jahren schon grub er sich durch das Tal der Könige. Alles hatte er erduldet: die Hitze. Den Staub. Das Lächeln der Konkurrenz, die ohnehin amüsiert herabsah auf den nimmermüden Mann aus einfachen Verhältnissen. Selbst Lord Carnarvon, sein Freund und Financier, mit dem der Engländer die Liebe zu allem Altägyptischen teilt, beginnt im Herbst 1922 zu zweifeln.

Hatten sie nicht schon genug Geld in den Sand gesetzt? War hier in dem Tal am Rande der Wüste nicht ohnehin schon alles gefunden, was es zu finden gab? War das goldene Zeitalter der Ausgrabungen nicht längst vorbei? Carter aber war sich sicher, dass in dieser lebensfeindlichen Umgebung noch ein Grab verborgen war: das von einem gewissen König Tutanchamun, der vor rund 3.300 Jahren über das Land am Nil geherrscht hatte. „Gib mir noch eine Chance“, sagte Carter zu Carnarvon. „Gib mir noch ein paar Monate.“ Da ließ sich der Lord noch einmal erweichen. Eine allerletzte Grabungskampagne wollte er noch finanzieren.

Im November, als die Hitze im Tal endlich halbwegs erträglich wurde, trommelte Carter seine Arbeiter zusammen und markierte die Stelle, an der sie graben wollten: nicht oben in den Hängen, wo die 61 zuvor entdeckten Gräber liegen. Sondern ganz unten, am Fuße eines Hügels. Als Carter am Morgen des dritten Tages zur Ausgrabungsstätte kommt, sind seine Helfer ungewöhnlich still. Sie hatten etwas gefunden. So begann das spektakulärste Kapitel in der Geschichte der modernen Archäologie: Carter fand Tutanchamuns Grab und darin einen seit drei Jahrtausenden verborgenen, unermesslich wertvollen Schatz.

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Die prächtige Goldmaske wurde zur Ikone einer neuen, weltweiten Ägyptomanie, seine Sandalen und seine in Richtung Schläfen verlängerten Lidstriche zum modischen Vorbild. Tutanch-Superstar zieht bis heute: Die Goldmaske und die Grabbeigaben werden die zentrale Attraktion des neuen, riesengroßen Museums, das derzeit auf dem Plateau von Gizeh entsteht. Erstmals soll hier das gesamte Grab-Inventar für ein Millionenpublikum ausgebreitet werden.

Der Fund machte Carter zum erfolgreichsten, aber nicht zum glücklichsten aller Archäologen: Seinem Förderer Carnarvon kostete die Sensation später indirekt das Leben. Der Forschung eröffnet das Grab bis heute Einblicke in eine besonders bewegte Epoche der ägyptischen Geschichte: Zu Tutanchamuns Zeiten war das Land reich und mächtig. Künstler und Handwerker profitierten von Handelsbeziehungen bis nach Kleinasien, arbeiteten mit den ausgesuchtesten Materialien und eindrucksvollen Kenntnissen. „Es war ein goldenes Zeitalter“, sagt der renommierte Ägyptologe Aidan Dodson von der Universität Bristol. An der Spitze des Staates rangen Herrscher und ihre Gemahlinnen um Macht und Einfluss – und fochten nebenbei einen erbitterten Glaubenskrieg aus. Verglichen mit ihren Fehden und Intrigen wirken die Kabalen der Streaming-Spektakel so beschaulich wie die Abenteuer von Wickie und den starken Männern.

All das kann Carter nur erahnen, als er im November 1922 mit seinen Arbeitern vor einer halb freigelegten Steinmetz-Arbeit am Fuße des Hügels steht. „Nach ein wenig Graben zeigte sich, dass wir am Anfang einer Stiege standen, die in den Fels hinunterführte“, erinnerte er sich später. Stufe für Stufe wird freigelegt, bis die Männer schließlich auf eine mit Mörtel verschmierte Wand stoßen. Carter entziffert die Symbole darauf und erkennt: Das ist der Eingang in ein königliches Grab.

Die ersten Schritte zu Tutanchamuns Grab.

Endlose zwei Wochen dauert es, bis der aus Großbritannien herbeigerufene Lord Carnarvon am Nil eintrifft. Erst jetzt bricht Carter ein Loch durch die Türe. Dahinter liegt ein Korridor, gefü̈llt bis unter die Decke mit Schutt und Sand. Den schaffen die Arbeiter jetzt weg. Pedantisch prüft Carter den Aushub, kein noch so kleines Artefakt soll versehentlich auf der Abraumhalde landen. Es dauert Wochen, den exakt 7,6 Meter langen Gang auszuräumen. Dann stoßen die Archäologen auf eine zweite Tür. Auch sie ist mit Mörtel verputzt, auch sie trägt Insignien eines Königsgrabes und Spuren einer Renovierung. Wurde das Grab etwa schon beraubt und dann wiederhergestellt? Carter öffnet die Wand, vorsichtig, um im Raum dahinter keinen Schaden anzurichten. Dann bricht er durch die Mauer.

Warme Luft strömt ihm aus dem Inneren ins Gesicht, Luft, die zuletzt vor 3.300 Jahren geatmet worden war. Die Kerze flackert im Lufthauch, Carter blickt ins Dunkel. Hinter ihm steht sein Freund Carnarvon. „Können Sie irgendetwas erkennen?“, fragt er ungeduldig. „Ja“, sagt Carter, „wundervolle Dinge.“ Dabei war das erst die Vorkammer des eigentlichen Grabes. Hier lagern Kutschen und Bettgestelle, mumifizierte Fleischrationen und verblüffend viele Gehstöcke. „Carter war Autodidakt, war aber vielen seiner Kollegen weit voraus“, sagt Konservatorin und Restauratorin Katja Broschat. Ihre Basis ist das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz; ihr Arbeitsplatz liegt aber in Kairo, wo sie immer wieder mit Objekten aus Carters Jahrhundertfund zu tun bekommt. „Er wusste, dass er die schiere Menge der Objekte nicht aufarbeiten konnte.“

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Mit viel Sorgfalt und Andacht begutachtet Howard Carter der Zustand von Tutanchamuns Sarg.

Also engagierte er Naturwissenschafter, Restauratoren und – den Fotografen Harry Burton vom Metropolitan Museum of Art in New York. Er begleitete die Grabungen bis zum Ende und dokumentierte die Funde und Befunde des Grabschatzes in tausenden von Aufnahmen. Die Botschaft der Entdeckung im Tal der Könige macht rasch die Runde. Besucher und – noch lästiger – Journalisten aus aller Welt strömen scharenweise herbei, um mehr von Tutanchamun zu erfahren und mehr zu sehen. Mitten unter ihnen: Arthur Weigall. Auch er ist Ägyptologe, kennt Carter von früher. Jetzt ist er im Auftrag der Londoner Daily Mail am Nil. „Weigall hoffte, von Carter Informationen aus erster Hand zu bekommen“, weiß Aidan Dodson, der nicht nur selbst Archäologe ist, sondern auch die Geschichte der Archäologie beforscht.

„Weigel musste jedoch bald bemerken: Financier Lord Carnarvon hatte einen lukrativen Exklusivvertrag mit der Konkurrenz geschlossen.“ Als Carter später die Grabkammer öffnete, war ein Reporter der Times unmittelbar dabei. Weigall musste draußen warten. Wenige Wochen nach der Graböffnung starb Lord Carnarvon im Alter von nur 56 Jahren an den Folgen eines Moskitostichs in die Wange, der sich entzündet hatte . Weigall strickte daraus den „Fluch des Pharaos“. Die Geschichte fiel auf fruchtbaren Boden. Schließlich bewegten sich die Archäologen in einem Grab. Sogar Carter hatte mitunter Bedenken, die Totenruhe des Pharaos zu stören. Dass Eindringlinge Rache fürchten müssten, steckte also in vielen Köpfen.

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Eine damals entstandene Originalaufnahme des Sarges des Pharaos Tutanchamun.

Später meldeten die Gazetten sogar, dass im Grab eine Inschrift gefunden worden sei: „Der Tod wird auf schnellen Schwingen zu demjenigen kommen, der die Ruhe des Pharao stört.“ In Carters minutiösen Aufzeichnungen und auf Burtons detailreichen Fotos findet sich keine Spur dieser sagenhaften Tafel. Archäologe Aidan Dodson hält einen solchen Fluch für völlig unägyptisch. Wenn es je einen „Fluch“ gegeben hätte, sagte Carter selbst viel später, dann war das die übergroße Neugierde der Journalisten. Carter versuchte, sich bei den Ausgrabungen nicht irritieren zu lassen. Insgesamt fand er Räume im Ausmaß von rund 92 Quadratmetern – seltsam beengt für einen König der 18. Dynastie.

Dodson erklärt sich das so: Der Pharao war überraschend jung gestorben, und sein Grab war noch nicht fertig gewesen. Damit alle im Jenseits notwendigen Güter hineinpassten, wurden sie beinahe lieblos hineingestopft. Carter brauchte zehn Jahre, um jede einzelne Pretiose zu dokumentieren und zu inventarisieren. Früh stellte er fest, dass bald nach der Grablegung Diebe in die Grabkammern eingedrungen waren. „In einer Kiste wurde etwa ein Tuch gefunden, in das acht Goldringe und zwei Skarabäen gewickelt waren, fertig für den Abtransport“, so Broschat. „Offensichtlich wurden die Diebe aber von Tempeldienern erwischt, die dann den Schmuck in eine der Truhen zurückgelegt und das Grab erneut versiegelt haben.“

Carters Weg bis zur Mumie erinnert an das Spiel mit russischen Holzpuppen. Die Grabkammer war fast ausgefüllt mit einem vergoldeten Sarkophag. Darin: ein weiterer Sarkophag. Insgesamt vier solcher gipsverkleideter Holzkonstruktionen umschlossen das Zentrum. Dort lag zuoberst ein massiver Sargdeckel aus Quarzit. Darunter drei Särge ineinander, der innerste aus Gold, zwei bis drei Millimeter stark, 225 Kilogramm schwer. Und darin: die mumifizierten Überreste des Pharaos mit der Goldmaske. In den 16 Lagen Leinen, die um den Leichnam gewickelt waren, entdeckte Carters Team zahlreiche Schmuckstücke und Amulette von herausragender Qualität und Schönheit. So auch einen 34 Zentimeter langen Dolch: „Das Material für die Klinge stammt von einem Meteorit“, so Broschat, die mit Kollegen das Stück untersucht hat.

Das Material für die Klinge stammt von einem Meteorit.

Konservatorin und Restauratorin Katja Broschat

Insgesamt schickte Carter rund 5.300 Einzelstücke an das Ägyptische Museum in Kairo. Zu diesem Zeitpunkt lief längst schon die historische Spurensuche. Tutanchamun war, das wusste Carter, ein Nachfolger des Pharaos Echnaton. Der wiederum ist als „Ketzerkönig“ in die Geschichte eingegangen, weil er sein Volk zum Glauben an nur einen einzigen Gott bekehren wollte. Und das im alten Ägypten! Hier wurden nach aktuellen Zählungen rund 1.500 Gottheiten verehrt. „Möglicherweise war dieser Schritt auch politisch motiviert“, sagt die österreichische Ägyptologin und Archäologin Irene Forstner-Müller. „Damit schwächte er die mächtigen Priester und die Wirtschaftsmacht der Tempel.“ Von nun an sollte nur noch dem Sonnengott Aton gehuldigt werden, praktischerweise in Gestalt von Echnaton und seiner Frau Nofretete.

Bequem war die Religionsausübung nicht. „In den Zeremonien ging es darum, möglichst lange in der prallen Sonne zu stehen“, so Forstner-Müller, die seit vielen Jahren auch im südlichen Ägypten gräbt. „Die Hitze ist dort mit der eines Sommertages in Europa nicht zu vergleichen.“ Als Tutanchamun auf den Königsthron gehievt wurde, war er zehn Jahre alt. Sein Berater war Eje, ein Mitglied der alten Nomenklatur. Auffällig ist, dass während der folgenden Jahre der Aton-Kult wieder an Bedeutung verliert und die alten Götter zurückkehren. Tutanchamun stirbt im Alter von rund 18 Jahren. Einige Archäologen glaubten, am Schädel Spuren von stumpfer Gewalteinwirkung erkannt zu haben.

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Grabbeigaben übereinandergestapelt im Grab Tutanchamuns. Nur so passte alles hinein.

War der Pharao etwa erschlagen worden? Vielleicht, weil es Eje mit der Restauration der alten Götterherrlichkeit nicht schnell genug gegangen war? Neuere Untersuchungen haben die Mordthese längst widerlegt. Die Brüche im Schädel sind erst nach dem Tod des Pharaos passiert. Neu entdeckt wurde, dass Tutanchamun schlechte Zähne und einen Klumpfuß hatte, daher die vielen Gehstöcke im Grab. Dazu sind seine Beine mehrfach gebrochen, möglicherweise die Folge eines tödlichen Kutschenunfalls. Erbgut-Analysen der Mumie brachten zudem abenteuerliche Familienverhältnisse im Pharaonenclan zutage: Tutanchamun war kein Schwiegersohn von Echnaton – sondern sein Sohn.

Tutanchamun war kein Schwiegersohn von Echnaton – sondern sein Sohn.

Verehelicht war er mit einer Halbschwester. In seinem Grab fand Carter zwei mumifizierte Föten, von beiden war Tutanchamun der Vater. Hinweise auf das Schicksal seiner Witwe fanden sich im Tontafelarchiv des hethitischen Königshofes in der heutigen Türkei. Dort entzifferten Schriftgelehrte die Botschaft einer ägyptischen Pharaonin aus jener Zeit. Ihr Mann sei eben gestorben, schrieb sie an den Standesgenossen im Norden. Sie selbst habe keinen Sohn. Könnte nicht der Herr König einen Prinzen schicken? Mit dem würde sie sich vermählen, und beide könnten gemeinsam den ägyptischen Thron behaupten. Die Hethiter zögerten, bevor sie doch einen Kandidaten schickten. Der aber kam nie an. Überliefert ist lediglich, dass nach dem Tod Tutanchamuns der alte Eje das Kommando im Staat übernahm. Von der Witwe des Königs aber hat nie mehr jemand etwas gehört.

Was passierte nach der dramatischen Entdeckung des Grabes?

Howard Carter arbeitete noch jahrelang an der Dokumentation seines Fundes. Während andere Archäologen seiner Generation im heimatlichen London geadelt wurden, blieb er, was er zeit seines Lebens war: ein gesellschaftlicher Außenseiter. Er starb 1939. Kurz zuvor war bereits der aufdringliche Journalist Arthur Weigall einem Krebsleiden erlegen. Weil er nur 53 Jahre alt geworden war, vermuteten seine Kollegen prompt den Fluch des Pharaos als wahre Todesursache. „Was für eine Ironie der Geschichte“, so Dodson. In Tutanchamuns Grabkammern sind nur die prächtigen Wandmalereien und Beschriftungen geblieben. Dahinter vermutet manch Ägyptologe weitere, möglicherweise reich gefüllte Grabkammern. Mehrere Untersuchungen mit Bodenradar kamen zu widersprüchlichen Resultaten.

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Totenmaske zeigt den Pharao Tutanchamun, der vor 3.343 Jahren das Land am Nil beherrschte.

Im Februar 2020 meldeten ägyptische Forscher, Anomalien im Boden entdeckt zu haben. Sie hoffen, die Ruhestätte Nofretetes zu finden. Die Goldmaske des Tutanchamun lag jahrzehntelang in einer Vitrine im alten Museum von Kairo. Ein Besuchermagnet, wie da Vincis „Mona Lisa“ im Pariser Louvre oder Klimts „Kuss“ im Oberen Belvedere in Wien. Als im Jahr 2014 Beleuchtungskörper der Vitrine gewechselt werden sollten, brach der Goldbart ab. Eine Katastrophe! Zu eilig fixierten Mitarbeiter den Bart mit Zweikomponentenkleber wieder am königlichen Kinn. Katja Broschat und ihr Mann, der Restaurator Christian Eckmann, brauchten Monate, um den Kleber zu entfernen und den Bart in seiner ursprünglichen Position neu zu befestigen.

Haben sie bei der hautnahen Arbeit an der Goldmaske etwas vom Fluch gespürt? „Und ob“, lacht Broschat, meint allerdings jenen Fluch, unter dem schon Carter gelitten hatte. „Wir bekamen pro Tag ungefähr hundert Medienanfragen aus aller Welt.“ Dass das Prunkstück aus dem traditionsreichen alten Museum in Kairo in das neue Museum übersiedeln wird, erfüllt sie mit Wehmut und Zuversicht zugleich: „Dort werden die Schätze gut aufgehoben sein.“

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