Namibias Festung der wilden Tiere

Menschlicher Einfallsreichtum kreierte in den 1970er-Jahren auf dem Waterberg in Namibia ein tierisches Paradies. Auch heute noch liegt dieses Reservat wie eine Arche Noah in der Steppe der Kalahari, als Beispiel für außergewöhnlichen Tierschutz.
Text: Harald Pokieser, Fotos: Studio Muti / 13 Min. Lesezeit

WER VON NAMIBIAS HAUPTSTADT WINDHUK DIE B1 NACH NORDEN FÄHRT, WIRD SICH SPÄTER AN WENIG ERINNERN. An eine schnurgerade Asphaltstraße, das Gefühl befreiender Leere, flaches, steiniges Land, Rinderzäune, ein paar Hinweisschilder, die ins Nichts zeigen. Aber eines bleibt hängen: die Fata Morgana eines gestrandeten Wals, der blau schimmernd aus der Westlichen Kalahari ragt.

Der Wal ist ein Berg, der Waterberg. Dieser steht wie ein Monument in einer weiten Ebene und ist doch nur Rest eines gewaltigen Plateaus, das über Jahrmillionen von Wind und Wetter abgetragen wurde. Übrig blieb ein Tafelberg, 45 Kilometer lang, 15 Kilometer breit und bis zu 200 Meter hoch. Die ihn umgebenden Steilwände sind von tiefen, senkrechten Rinnen durchschnitten; aus den Scharten wachsen Bäume, hier nisten Adler und in dunklen Nischen warten Fledermäuse auf die Nacht. Diese lebende Wand macht den Waterberg zur Festung.

Der Name sagt es bereits: Inmitten einer Halbwüste fängt, sammelt und spendet der Waterberg Wasser und lässt Quellen aus den tiefer gelegenen Felsen sprudeln, für Tiere, Pflanzen und auch für Menschen, die seit mehr als 10.000 Jahren von dieser magischen Burg angelockt werden. Zuerst kamen die Khoisan, die „Buschleute“, im 18. Jahrhundert die Herero mit ihren Rindern und hundert Jahre später die deutschen Siedler.

Oben auf dem Plateau liegt der Waterberg Nationalpark mit seiner tausendköpfigen Büffelherde, mit raren Pferde- und Rappenantilopen und den vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörnern. Aber so paradiesisch war es nicht immer, denn auf dem Plateau gab es ursprünglich kaum Wasser.

Omaheke heißen solche trockenen, mit Dornenbüschen bewachsenen Landstriche in der Sprache der Herero, Sandvelt in Afrikaans.Vom seltenen Regen, der irgendwann zwischen Dezember und April fällt, hält sich nur wenig in Becken und Senken. Der Großteil des Wassers versickert durch den Sandstein, bahnt sich einen Weg durch das Labyrinth im Berginneren und trifft schließlich auf undurchlässiges Sockelgestein. Dort sammelt sich das Wasser und füttert stetig und rund ums Jahr die Quellen am Fuß der Klippen. Auf dem Plateau hingegen gäbe es ohne Bohrlöcher, Pumpen und künstliche Tränken weder Antilopenherden noch Büffel.

Der Waterberg ist der Rest eines gewaltigen Plateaus, das über Jahrmillionen von Wind und Wetter abgetragen wurde. Ein Tafelberg, 45 Kilometer lang, 15 Kilometer breit, bis zu 200 Meter hoch. Die ihn umgebenen Steilwände machen den Berg zu einer Festung.
Die Kurzbeschreibung eines namibischen Naturdenkmals

Wie also kamen die Tiere auf den Waterberg? Die Geschichte begann Anfang der 1970er Jahre. Namibia existierte noch nicht, das Gebiet Südwestafrika stand unter südafrikanischer Verwaltung, und im Nordosten, im Caprivistreifen, kam es zu ersten Scharmützeln mit Einheiten der SWAPO-Rebellen, angeführt vom legendären Sam Nujoma, der 20 Jahre später erster Präsident Namibias werden sollte. Ein Mann namens Bernabé de la Bat, Leiter des Ministeriums für Naturschutz, wusste, dass die Kämpfe mitten in einem Tierparadies stattfanden und dass vor allem die großen Antilopen das Gemetzel nicht überleben würden. Es musste etwas geschehen. De la Bat, ein Meeresbiologe, den es in die Wüste verschlagen hatte, beauftragte den jungen Biologen Polla Swart, das Problem zu lösen.

Polla Swart lebt heute im beschaulichen Dorf Outjo, 130 Kilometer nordwestlich des Waterbergs. Er ist 83 Jahre alt, ein drahtiger Mann mit klaren Augen und den sicheren Bewegungen eines ehemaligen Rugby-Spielers. „Nachdem ich das Caprivigebiet besichtigt hatte, stand fest, dass wir zuerst die Pferdeantilopen retten mussten“, beginnt Swart zu erzählen. „Es sind die zweitgrößten Antilopen der Welt, seltene Tiere und bei Jägern seht begehrt.“

Wie man Antilopen fängt, wusste Swart; er war als Leiter der Forschungsabteilung auch für Fang und Transport von Wildtieren zuständig, und er packte stets mit an. Mit dem Stolz eines Lausbuben erzählt er die Geschichte vom verwaisten Nashornkalb, das er mit bloßen Händen im Lauf stoppte und samt seinen 200 Kilo festhielt, wie er es beim Rugby gelernt hatte. Die ersten Antilopen, Schwarznasenimpalas, fing Swart ebenfalls händisch, nachts, mit Scheinwerfern: „Im Licht waren sie orientierungslos. Ich packte sie bei den Hinterläufen, zwölf Stück fing ich in einer Nacht.“

Im Kriegsgebiet kamen solche Stunts nicht infrage, und auch die üblichen Lkw waren in der Wildnis des Caprivistreifens keine Option. Polla Swart: „Ich dachte, am schnellsten geht das mit einem Transportflugzeug. Ich fragte also die Generäle der Luftwaffe, ob sie uns eine Hercules leihen würden, und das taten sie. Es kam tatsächlich eine Maschine aus Pretoria angeflogen. Zuvor war ich mit erfahrenen Piloten vor Ort. Sie fanden ein ausgetrocknetes Flussbett, das breit genug war, um den Riesenvogel zu landen.“

Im Licht waren die Schwarznasenimpalas orientierungslos. Ich packte sie bei den Hinterläufen, zwölf Stück fing ich in einer Nacht.
Polla Swart, Biologe und Initiator der Rettungsaktion am Waterberg

Das Abenteuer begann schon bei den Vorarbeiten. Im Zielgebiet jagte Swarts Team mit kleinen Helikoptern und Betäubungsgewehren wenige Meter über den Bäumen den Herden nach. Diese Fangmethode ist buchstäblich brandgefährlich, gegen den Wind und in die Staubwolken zu fliegen kann böse enden; es darf nicht zu heiß und nicht zu dunkel sein, und die betäubten Antilopen müssen umgehend versorgt und abtransportiert werden. Leichter gesagt als getan: Pferdeantilopen sind große Brocken, die Männchen begegnen einem Zweimetermann auf Augenhöhe und wiegen gut 800 Kilogramm. Dennoch fing das Team in kürzester Zeit 76 Pferdeantilopen.

Die nächsten drei Monate verbrachte die Herde in einem Quarantäne-Gehege, erst dann kam die Hercules-Maschine aus Pretoria angeflogen. Polla Swart: „Die Landung im Flussbett war unglaublich, als würde eine Atombombe hochgehen. Es gab einen Sandsturm, und riesige Staubwolken stiegen in den Himmel. Wir sedierten die Antilopen, sie befanden sich in einer Art Halbschlaf, eine Vollnarkose wäre gesundheitlich wesentlich riskanter gewesen. Dann banden wir sie auf Paletten und flogen los. Während des Flugs liefen wir ständig von einer Antilope zur nächsten, um zu schauen, wie es ihnen geht und ob das Mittel noch wirkt. Letztlich verloren wir nur ein Tier, dem der Stress zu viel war.“

Es gibt wenig Schönes zu erzählen über das Südafrika der 1970er-Jahre, und umso erstaunlicher erscheint heute diese Rettungsaktion. Der Schauplatz des Abenteuers, das Grenzgebiet zu Angola und Botswana, war einst eine Sicherheitszone, ein Kriegs- und kein Naturschutzgebiet. Obwohl Swart und sein Ministerium im Caprivistreifen nichts zu melden und gar zu suchen hatten, machten alle mit – seine Vorgesetzten, die das Geld freigaben, das Oberkommando des Militärs, die Luftwaffe und die Piloten, die für ein paar Dutzend Antilopen ihr Leben riskierten.

Es war eine Weltpremiere, nie zuvor hatte man Wildtiere auf diese Art transportiert. Die Pferdeantilopen wurden zuerst in ein Gehege im Westen des Etosha-Nationalparks gebracht. Dann flogen die Piloten zum Auftanken nach Windhuk und wieder zurück ins staubige Flussbett. Drei solche Runden waren nötig, um wirklich alle Antilopen in Sicherheit zu bringen. Später, als sich die Herde erholt und vermehrt hatte, transportierte man die erste Tranche, insgesamt 40 Pferdeantilopen, mit dem Flugzeug vom Etosha-Nationalpark zum Waterberg.

Warum dieser Aufwand – und warum der Waterberg? Polla Swarts Chef, Bernabé de la Bat, war ein Visionär und ist heute als Naturschutzpionier gewissermaßen eine Legende. Er erkannte schon in den 1960er-Jahren, dass der Waterberg mit seinem isolierten Plateau und den nie versiegenden Quellen eine natürliche Arche Noah darstellt, ein perfektes Reservat für bedrohte Tierarten. Das Plateau war Staatsbesitz, doch die größte Quelle und das Umland gehörten einem Mann namens Hinrich Schneider-Waterberg. Der Rinderzüchter hieß nicht zufällig wie der Berg, die Familie Schneider änderte 1952 offiziell ihren Namen, weil sie, das Land und der Berg längst eins waren. Hinrich wuchs am Fuß des Waterbergs auf, auf einer Farm namens Okosongomingo. Die Farm hatte sein Vater 1908 gekauft, in Zeiten, als das Land noch Deutsch Südwestafrika hieß.

Die Jungs haben die Wildtiere auf den Berg transportiert und dachten, mehr braucht es nicht. Aber das Wild wäre zum Trinken vom Plateau runtergewandert, hätte alles niedergetrampelt und die Quelle ruiniert. Ich habe sie überzeugt, das Wasser nach oben auf das Plateau zu pumpen.
Hinrich Schneider-Waterberg, Rinderzüchter und Besitzer des Umlandes am Waterberg

Hinrich verkaufte das gewünschte Land samt Quelle an die Naturschutzbehörde. Weil er am Waterberg jeden Stein kannte und ein begabter Ingenieur war, half er bei der Errichtung des Schutzgebiets gleich mit. Hinrich lebt heute mit seiner Frau in einem großen, schattigen Haus auf der Farm, die längst sein Sohn Harry leitet. Die mächtige Veranda gleicht einer Empfangshalle, im dunklen Innenraum zeichnen sich Konturen einer mächtigen Bibliothek ab. 87 Jahre hat Hinrich am Waterberg gelebt, still kramt er in seinen Erinnerungen: „Die Jungs haben die Wildtiere auf den Berg transportiert und dachten, mehr braucht es nicht. Aber das Wild wäre zum Trinken vom Plateau runtergewandert, hätte alles niedergetrampelt und die Quelle ruiniert. Ich habe sie überzeugt, das Wasser nach oben auf das Plateau zu pumpen, das haben wir dann gemeinsam so gemacht.“

Als Hinrich ein junger Mann war, lag die Farm inmitten einer grenzenlosen Wildnis. „In der Regenzeit wanderten damals große Herden von Elenantilopen auf das Plateau, um die frischen Blätter zu fressen. Wurde es zu trocken, zogen die Antilopen zurück in die Ebene, wo sie umgehend von Großwildjägern über den Haufen geschossen wurden.“ Zweihundert Jahre lang wurde in diesem Land ohne Plan und Rücksicht gejagt, bis im 20. Jahrhundert ein Großteil der Wildtiere ausgerottet war. Deshalb wollte Bernabé de la Bat das Schutzgebiet, und deshalb zog man um die zugänglichen Teile des Plateaus einen Zaun.

Hinrich Schneider-Waterberg schrieb gemeinsam mit Bernabé de la Bat die ersten Richtlinien für den Naturschutz in Südwestafrika, ein dünnes, aber kluges Papier, das noch immer das einzig gültige Regelwerk für das Management der Nationalparks ist. Das war 1963. Zehn Jahre später flog Polla Swart seine vierzig Pferdeantilopen auf den Waterberg.

Es waren nicht seine ersten und nicht seine letzten Passagiere. Schon zuvor wuchtete man ein Dutzend Breitmaulnashörner auf den Berg, es folgten Elenantilopen und Spitzmaulnashörner aus dem Kriegsgebiet, schließlich vier afrikanische Büffel, die Swart in Südafrika kaufte.

Die Büffel kamen in den 1980er-Jahren, und sie fühlten sich offenbar auf dem Waterberg wie zu Hause. Heute ist die Herde auf über tausend Tiere angewachsen. In Afrikas Savannen treten Büffel mitunter in Armeestärke auf, doch in Namibia sind sie rar. Sie können Maul- und Klauenseuche übertragen; das geschah im Norden des Landes zuletzt vor fünfzig Jahren und hätte das Land der Rinderzüchter um ein Haar ruiniert. Seither werden wilde Büffel wie der Teufel persönlich behandrlt, weder auf privaten Jagdfarmen noch in kommunalen Schutzgebieten ist ihre Haltung erlaubt.

Wild lebende Büffel – nachweislich gesund und frei von den gefürchteten Erregern – findet man in Namibia nur auf dem Waterberg. Wer den Plateau-Nationalpark betritt, der steht gleichsam vor einer Wand. Im Eingangsbereich, dem Bernabé de la Bat Camp, blickt man auf rostrote Felsen, die aus einem Wald über hundert Meter hoch emporsteigen. Noch näher betrachtet wird die Wand mit ihren senkrechten Scharten zum Kunstwerk. Wasserfälle, Flechten, Moose und oxidierte Metalle zauberten grüne, gelbe, blaue und orange Muster auf den roten Stein. Bärenpaviane und Nashornvögel schreien und schimpfen um die Wette, und hoch über den Klippen kreisen Geier und Bussarde, doch Polla Swarts wertvolle Fracht bleibt unsichtbar.

Fahrten auf eigene Faust sind unerwünscht. Wer in den Nationalpark will, muss eine Tour buchen, in einem vielsitzigen Landrover den halben Waterberg umrunden, ein schweres Eisentor passieren um schließlich im Schneckentempo über einen bedrohlich steilen Pfad aufs Plateau zu fahren.

Dort steht man gewissermaßen auf einer Insel, nach unten fallen die Wände senkrecht in den Busch, und im Osten erstreckt sich flaches, staubtrockenes Buschland bis zum Horizont. Nirgendwo ist die große Kalahari trockener, nirgendwo ist Wasser so rar und kostbar wie hier. Das Plateau ist dicht mit Dornenbüschen, Akazien und anderen botanischen Überlebenskünstlern bewachsen. In der Regenzeit ist der Busch blickdicht, ab Juli lichtet sich das Blattwerk, und die Menagerie des Waterbergs zeigt sich: einige Büffel, ein nervöser Kudu, eine Waldantilope, dazu eine Gruppe Giraffen. Die Raritäten sieht man an den Wasserlöchern. Die schmalen Wege dorthin sind beidseitig mit Holzzäunen abgeschirmt, man endet in einem finsteren Bunker. Schmale Luken geben den Blick auf eine große, kahle Fläche frei, in ihrer Mitte stehen Betontröge, ein Wasserrohr ragt aus dem Boden.

Hier versammeln sich die Pferde- und Rappenantilopen, die vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörner und natürlich die Büffel, die aus allen Richtungen zur Wasserstelle strömen. Selten sieht man so viele Tiere in so kurzer Zeit, es scheint, als wäre das Plateau des Waterbergs bis zum Rand mit Leben gefüllt.

Die Farmer haben einfach alles abgeschossen, was ihnen über den Weg lief. Der Waterberg war daher von Beginn an als Reservat für bedrohte Arten gedacht, so zusagen als Genbank für die Nationalparks und auch die privaten Schutzgebiete.
Polla Swart, Biologe und Initiator der Rettungsaktion am Waterberg

Es gibt viel zu sehen, aber einen Nationalpark stellt man sich anders vor. Die Gäste bestaunen die Aussicht, besuchen ein, zwei Wasserlöcher und werden wieder hinauschauffiert, mehr ist nicht gestattet. Der Park wird hermetisch abgeschirmt, und das liegt vor allem an den Nashörnern. In Afrika werden jedes Jahr mehr als 1000 von Wilderern getötet; auch Namibia ist betroffen. Polla Swart, der 1980 Bernabé de la Bat als Direktor der Nationalparks ablöste, brachte die ersten Spitzmaulnashörner auf den Waterberg. „Das war schon damals ein Problem: Die Farmer haben einfach alles abgeschossen, was ihnen über den Weg lief. Der Waterberg war daher von Beginn an als Reservat für bedrohte Arten gedacht, so zusagen als Genbank für die Nationalparks und auch die privaten Schutzgebiete.“ Bis zur Jahrtausendwende blieb der Waterberg tatsächlich eine Insel des Lebens, denn auf den umliegenden Rinderfarmen gab es kaum noch Wildtiere. Überweidung und Erosion hatten wie überall im Norden die Böden ruiniert, und Dornenbüsche überwucherten das einst offene Land. Geparde können hier nicht jagen, Antilopen finden kein Gras. Der letzte Löwe der Region wurde 1920 von Reinhard Schneider, dem Gründer der Okosongomingo-Farm, höchstpersönlich geschossen.

Der Enkel des Jägers, Harry Schneider-Waterberg, ist aus anderem Holz geschnitzt. Wie seine Vorfahren ist er Viehzüchter und kümmert sich um 1.600 Rinder und 40.000 Hektar Land, aber er brennt auch für den Naturschutz. Gemeinsam mit aufgeschlossenen Nachbarn betreibt er die Waterberg Nature Conservancy, ein stetig wachsendes Areal aus unberührter Wildnis und Farmland mit natürlichen Wasserstellen, an denen Rinder und Wildtiere Frieden schließen sollen.

Die Dimensionen das Projekts sind beeindruckend; unter anderem wurden auf 180.000 Hektar die Wildzäune entfernt, Kudus, Oryx- und Elenantilopen können sich heute frei bewegen. Das Herzstück ist die sogenannte Kleine Serengeti des Cheetah Conservation Fund, der sich der Erforschung und dem Schutz von Geparden widmet. Gründerin ist die US-Zoologin Laurie Marker, die scheinbar Unmögliches in die Tat umsetzt. So lässt sie seit Jahren auf dem ehemaligen Weideland hektarweise Buschwerk ausreißen, vergiften und niederbrennen. Deshalb liegt heute am Fuß des Waterbergs ein weites Grasland mit großen Herden von Springböcken, Oryxantilopen und Giraffen.

Laurie öffnete damit ein Fenster in alte Zeiten, als der Waterberg in einer Savanne stand, die sich bis nach Botswana erstreckte. Offenes Grasland ist nicht nur die Lebensgrundlage von Antilopen. Namibias berühmte Geparde sind nicht zuletzt daher vom Aussterben bedroht, weil sie im dichten Busch nicht jagen können. Die Kleine Serengeti hilft zwar, wird aber die Geparde nicht retten.

Daher betreibt Laurie Marker unermüdlich Forschung und Aufklärungsarbeit bei den Farmern. Harry Schneider-Waterberg ist pessimistisch: „Ich fürchte, die Geparde werden das nicht schaffen, es gibt ja kaum noch welche hier. Wenn doch einer auftaucht, wird er sicher von irgendeinem Farmer erschossen. Obwohl jedem klar sein muss, dass Geparde keine Kälber und schon gar keine erwachsenen Tiere reißen. Die werden aus Gewohnheit erschossen, weil es immer so war.“ Harrys Großvater, der Farmgründer, stammte aus Hessen und kam 1908 als Soldat ins Land.

Obwohl jedem klar sein muss, dass Geparde keine Kälber und schon gar keine erwachsenen Tiere reißen, werden sie aus Gewohnheit erschossen, weil es immer so war.
Harry Schneider-Waterberg, Viehzüchter und Naturschützer

Er rückte bei der deutschen Schutztruppe ein, jener Armee, die vier Jahre zuvor in der Schlacht am Waterberg tausende Hereros abschlachtete und zehntausende zum Sterben in die Wüste jagte. Die Schandtat geistert mit Schlagworten wie „Völkermord“, „Konzentrationslager“ und „Entschädigung“ bis heute durchs deutsche Feuilleton. Auch alle Etagen der Politik sind beschäftigt; erst kürzlich hat eine Gruppe Herero die deutsche Regierung vor einem US-Gericht verklagt.

Je näher man aber dem Waterberg kommt, desto ferner scheint jener Krieg. Gewiss, hinter dem Besucherzentrum des Nationalparks liegt ein Soldatenfriedhof. Das ummauerte Viereck befindet sich mitten im Busch, die Gräber sind renoviert, die Grabsteine geputzt, die Inschriften nachgezeichnet. Die Deutsche

Kriegsgräberfürsorge hat ganze Arbeit geleistet, aber es gibt nur wenige Besucher, und die Leitung des Nationalparks lässt den Friedhof buchstäblich links liegen. Über die Vergangenheit wird hier nicht viel geredet. Aber alle, Viehzüchter und Landarbeiter, Parkwächter und Kellner reden über den Regen. Regen, der im Süden fiel, aber nicht hier. Regen, der heuer zu spät oder gar nicht kommen wird. Und Regen, der in der Hitze des Nachmittags verdampfte, bevor er zu Boden fiel.

Auf das Wetter ist kein Verlass, auf den Waterberg und seine Quellen sehr wohl. Die größte und berühmteste sprudelt am Fuß der senkrechten Klippen. Im Garten zwischen Umzäunung und Quellfassung liegt das Grab von Reinhard Schneider-Waterberg und seiner Frau. Das kleine Stück Land ist noch immer im Familienbesitz.

Die Zeit der Pioniere, der Herero-Krieg und die wilden Gründungsjahre des Nationalparks mögen längst vorbei sein, aber die Quelle neben dem Grab liefert unermüdlich Wasser. Eine Pumpe befördert es hinauf auf das Plateau des Waterbergs. Aus der Ferne erinnert er an einen gestrandeten Wal, der blau schimmernd aus der Kalahari ragt.

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