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„Wir stehen kurz vor der Entdeckung von außerirdischem Leben.“

Ein Interview mit Astophysikerin Lisa Kaltenegger über 40 Milliarden wohltemperierte Planeten und das schöne Gefühl, im Kosmos eingebettet zu sein.
Text: Steffan Heuer, Fotos: Kevin Trageser/ Eso/J.Emerson/Vista.Acknowledgement: Cambridge Astronomical Survey Unit / 5 Min. Lesezeit
Weltall, Sterne, Sonne Foto: Kevin Trageser/ Eso/J.Emerson/Vista.Acknowledgement: Cambridge Astronomical Survey Unit
Ein Blick in den Weltraum.
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Die in Kuchl bei Salzburg geborene Astronomin und Astrophysikerin gehört zu den Spitzen ihres Faches: Nach ihrem Studium in Graz übernahm sie führende Positionen in deutschen und amerikanischen Forschungseinrichtungen. Seit 2014 leitet sie das Carl Sagan Institute an der Cornell University im US-­Bundesstaat New York. Ihre Neugierde gilt der Suche nach fernen Planeten, die Leben beherbergen könnten.

Wer Lisa Kaltenegger nach ihrer Arbeit fragt, bekommt als Antwort einen leidenschaftlichen Vortrag voller überraschender und faszinierender Einsichten zur Suche nach außerirdischem Leben. Autor Steffan Heuer fragte genau nach, und so unterhielten sich die beiden insgesamt sieben Stunden lang. Zu Beginn ging es natürlich um Kalteneggers überraschende Zuversicht, schon bald fündig zu werden.

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Lisa Kaltenegger, Astrophysikerin Foto: Kevin Trageser
Lisa Kaltenegger ist dem Leben im Weltall auf der Spur.

Terra Mater: Frau Kaltenegger, Sie sind überzeugt, dass wir da draußen im Universum bald fremdes Leben finden werden. Was macht Sie so sicher?

Lisa Kaltenegger: Die größte Überraschung wäre für mich, wenn wir nichts finden. Unsere Forschung zeigt, dass jeder zweite Stern von einem Planeten umkreist wird. Und jeder fünfte Stern hat einen Planeten, der gerade so weit von ihm entfernt ist, dass es auf seiner Oberfläche nicht zu heiß und nicht zu kalt ist. Wenn es dort Wasser gibt, könnte es in flüssigem Zustand verfügbar sein. Das wären also günstige Bedingungen für die Entstehung von Leben, wie wir es kennen.

Mit wie vielen solcher lebensfreundlichen Welten rechnen Sie?

Alleine unsere Galaxie, die Milchstraße, hat ungefähr 200 Milliarden Sterne – 200 Milliarden! Wenn jeder fünfte einen wohltemperierten Planeten hat, dann wären das rund 40 Milliarden Planeten – nur in der Milchstraße. Bei dieser Überschlagsrechnung sind noch nicht einmal die Monde dabei. Planeten von der Größe Jupiters etwa könnten mehrere Monde mit guten Bedingungen für die Entstehung von Leben haben. Selbst wenn wir vorsichtiger sind und nur von 10 bis 20 Milliarden Sternen mit geeigneten Planeten ausgehen, ist das immer noch eine enorm hohe Zahl. Und die Milchstraße ist nur eine von Milliarden Galaxien.

Flüssiges Wasser führt aber nicht zwangsläufig zur Entstehung von Leben.

Wir wissen nicht genau, welche Bedingungen für die Entstehung von Leben erfüllt sein müssen. Aber statistisch ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Entstehung von Leben bei dieser Vielzahl von Planeten nur ein einziges Mal hier auf der Erde geklappt hat.

Ihre Überzeugung, dass dort draußen noch etwas oder jemand lebt, gründet also auf Wahrscheinlichkeiten.

Ja. Es wäre obendrein sehr traurig, wenn wir wirklich allein wären. Das macht die Suche nach Exoplaneten ja so spannend. Ich bin sicher, dass wir Planeten finden werden, die in Masse und Durchmesser der Erde gleichen und ähnlich weit von ihrem Stern entfernt sind. Wenn ich in den Himmel schaue, möchte ich doch schon wissen, wer da sonst noch draußen am Leben ist. Das gibt mir das schöne Gefühl, im Kosmos eingebettet oder zu Hause zu sein.

Im besten Fall werden wir zu meinen Lebzeiten einen belebten Planeten entdecken. Im schlimmsten Fall habe ich wenigstens die Vorarbeit dazu geleistet.

Lisa Kaltenegger

Ihr Kollege Frank Drake stellte 1961 eine berühmte Gleichung auf, wonach es garantiert andere bewohnte Welten gibt.Der britische Astronom Peter Ward hat hingegen mit der „Rare Earth“-Theorie von sich reden gemacht. Danach sind wir die Ausnahme im All, weil auf der Erde so viele einzigartige Bedingungen herrschen. Sie stehen wohl auf Drakes Seite?

Zum Glück müssen wir nicht mehr lange raten. Wir haben jetzt Weltraum-Teleskope, um die Atmosphären anderer Planeten zu untersuchen. Damit ist diese Grundsatzdiskussion, ob es im Universum von Leben wimmelt oder ob wir mutterseelenallein sind, bald hinfällig.

Wann werden wir Gewissheit haben?

Wenn wir Glück haben, wenn die Natur tatsächlich überall, wo es möglich ist, Leben hervorbringt und dieses Leben Spuren wie Sauerstoff hinterlässt, die sich messen lassen, dann stehen wir kurz davor. Das sind zugegebenermaßen eine Menge „Wenns.“ Moleküle wie Sauerstoff aus der Ferne zu messen wird dank großer Teleskope in den nächsten fünf bis zehn Jahren möglich sein.

Was macht Sie so zuversichtlich?

Die neuen technischen Möglichkeiten. In der chilenischen Atacama-Wüste wird bald das Extremely Large Telescope in Betrieb gehen, das größte optische Teleskop der Welt. Sein Spiegel hat einen Durchmesser von 39 Metern. Und im Weltraum schwebt bald das James Webb Space Telescope, das ebenfalls ferne Planeten untersuchen wird.

Mit welchen Hürden rechnen Sie?

Wenn sich Leben auf den beobachteten Planeten doch nicht durchgesetzt hat oder wenn es sich noch nicht so weit entwickeln konnte, dass es verräterische Spuren wie Sauerstoff in der Atmosphäre hinterlässt, dann kann die Suche noch länger dauern.

Die Entfernung eines Planeten spielt natürlich auch eine Rolle. Je weiter er weg ist, desto schwächer ist das Licht, das wir messen können, und desto größer muss das Teleskop sein. Aber wir Wissenschaftler bauen bei unserer Arbeit immer auf den Anstrengungen unserer Vorgänger auf. Im besten Fall werden wir zu meinen Lebzeiten einen belebten Planeten entdecken. Im schlimmsten Fall habe ich wenigstens die Vorarbeit dazu geleistet.

Die Erde ist sicher schön, aber sicher nicht die erste Wahl für Weltraumreisende.

Lisa Kaltenegger

Team Drake wird also gewinnen?

Ich denke schon. Drake hat übrigens seine Gleichung damals aufgestellt, um die Frage zu beantworten, warum uns bisher noch niemand einen Besuch abgestattet hat. Das war ein Gedankenspiel zu Zeiten des Kalten Kriegs, als die Angst vor
dem atomaren Weltuntergang grassierte. Wie viele Zivilisationen, wollte er wissen, überleben lange genug, um technologisch so hochstehend zu werden, dass sie inter-stellare Kontakte pflegen können.

Der italienische Physiker Enrico Fermi ging ebenfalls davon aus, dass es außerirdisches Leben im Universum gibt. Das führte ihn 1950 zur berühmten Frage: Wo sind die alle? Warum haben die uns noch nicht besucht?

Ich würde die Frage umdrehen: Wenn es Aliens gibt, warum sollten sie ausgerechnet uns besuchen? So toll ich die Erde finde, weil ich hier wohne – es ist eine ziemlich vermessene Annahme, uns für die Krone der Evolution zu halten. Nehmen wir einmal an, wir finden zwei belebte Planeten, und wir haben das nötige Geld und die Technologie, um einen davon zu besuchen. Wo werde ich hinreisen?

Die Zivilisation auf dem einen ist 5.000 Jahre älter als die auf der Erde und die auf dem anderen Planeten ist 5.000 Jahre jünger. Die meisten Menschen wollen in die Zukunft reisen, weil sie neugierig sind, was noch kommen wird. Warum sollten dann intelligente Aliens, die uns technisch weit voraus sind, ausgerechnet zu uns fliegen? Die Erde ist sicher schön, aber sicher nicht die erste Wahl für Weltraumreisende.

Wir müssen uns also von einigen Annahmen und Vorurteilen freimachen, wenn wir auf Besucher oder außerirdische Signale warten. Was etwa, wenn Lebewesen auf anderen Planeten überhaupt keinen Kontakt aufnehmen wollen, etwa weil sie im Wasser leben und weder Radioteleskope besitzen noch auf Reisen gehen wollen?

Was wäre, wenn wir Spuren von außerirdischem Leben finden, doch dann stellt sich heraus, dass sie von einer Zivilisation stammen, die sich schon zerstört hat?

Natürlich müssen wir zwischen Leben und Leben unterscheiden. Selbst wenn es auf der Erde eine Katastrophe gäbe, wäre es dennoch extrem schwierig, Leben generell auszulöschen. Wir Menschen wären vielleicht weg, aber es gäbe weiterhin Kakerlaken und Mikroben, die kilometertief unter der Erdoberfläche überleben würden.

Um Einzeller zu zerstören, müsste man den ganzen Planeten ein paar Kilometer tief sterilisieren. Es kann gut sein, dass wir keine Radiosignale finden, weil sich alle intelligenten Zivilisationen irgendwann die Köpfe einschlagen.

Aber noch einmal: Es gibt in unserer Milchstraße 40 Milliarden Planeten, auf denen es Leben geben könnte.

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin 4/2021.

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