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Ein Tag schreibt Geschichte: Das WWW kommt auf die Welt

6. August 1991: Auf einem Web-Server im CERN in Genf erprobte Tim Berners-Lee seine Idee vom World Wide Web. Wichtig war vor allem, dass nicht irgendwer das Gerät irrtümlich ausschaltete.
Text: Wolfgang Hofbauer / 3 Min. Lesezeit
Ein Datum schreibt Geschichte Tim Berners-Lee world wide web Foto: ELISE AMENDOLA / AP / picturedesk.com
Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web: „Das Web, wie ich es mir vorgestellt habe, haben wir noch nicht gesehen. Die Zukunft ist immer noch so viel größer als die Vergangenheit.“
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AM ANFANG WAR DAS CHAOS. Ein Engländer namens Tim Berners-Lee trat an, das Chaos zu beseitigen. Dazu erfand er etwas, was einfach, genial und jedem Menschen auf der Welt zugänglich sein sollte. Und das Chaos? Ist seither noch größer geworden. Das World Wide Web hat allein dadurch, dass es die Menge der frei verfügbaren Information praktisch ins Unendliche vergrößert hat, die Welt erst so richtig unübersichtlich gemacht.

Am 6. August 1991 erblickte dieses World Wide Web das Licht der Welt. Das Internet wird damit dieses 2021 – nein, nicht 30 Jahre alt. Denn Internet ist nichts anderes als die Vernetzung von Computern, und damit begann man bereits in den späten Fünfzigerjahren. An vorderster Front stand dabei die ARPA (Advanced Research Projects Agency) in den USA – wie so vieles andere ein Produkt des Kalten Krieges. Die Agency entwickelte 1969 ein eigenes Netz, das ARPAnet. Es war der mehr oder weniger direkte Vorläufer des heutigen Internets: Dabei waren vier Computer in Kalifornien und Utah vernetzt. Zwei Jahre später waren es schon 23 Rechner. In den Jahren darauf entstanden in mehreren Ländern ähnliche Netze. 1981 waren schon an die 500.000 User via Internet miteinander verbunden und konnten zum Beispiel Nachrichten austauschen.

Doch mit dem heutigen World Wide Web hatte das noch wenig gemein. Es war im Wesentlichen eine akademische, zum Teil auch militärische Angelegenheit. Und es fehlte vor allem jene Auszeichnungssprache, mit der jede Art von Information – egal ob Text, Bild oder Ton – auf jedem Computer der Welt gleichartig darstellbar ist.

Als der Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee 1980 mit 25 Jahren zum ersten Mal ans europäische Kernforschungszentrum CERN nach Genf kam – damals noch als Leiharbeiter für ein halbes Jahr –, war davon noch keine Rede. Aber das Problem, das den Forscher damals beschäftigte, ließ ihn in die richtige Richtung denken.

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Vage, aber aufregend.

Die erste Einschätzung der Idee von Tim Berners-Lee durch seinen Vorgesetzten Mike Sandell, Leiter der Online Computing Group am CERN

Dieses Problem war: Zahlreiche Wissenschafter im CERN publizierten die Ergebnisse ihrer Arbeit und speicherten sie auf ihrem Computer ab. Nach ein paar Monaten zogen sie weiter, und ihre Ergebnisse waren kaum noch auffindbar.

Bald musste auch Berners-Lee weiterziehen. Doch 1984 kam er wieder, und diesmal für länger: Er wurde fest angestellt und widmete sich zunächst der Entwicklung eines Systems, mit dem Echtzeitdaten aus Forschungsprojekten gesammelt und übertragen werden konnten – ein erster Schritt heraus aus dem Chaos. Berners-Lee blieb an dem Thema dran, tüftelte und entwickelte und präsentierte im März 1989 ein Diskussionspapier: „Informationsmanagement – ein Vorschlag“ – er hatte den 30.000 Anschläge langen Text zuvor in seinen NeXT-Computer getippt. 

In diesem Vorschlag, eigentlich das Informationschaos am CERN betreffend, waren bereits die Grundzüge des heutigen World Wide Web enthalten. Sein Vorgesetzter Mike Sandell, Leiter der Online Computing Group, war zwar angetan, es mangelte ihm aber an Weitblick für die wahre Größe der Idee, denn er kritzelte auf das Deckblatt des Papiers die Worte „Vage, aber aufregend“.

Trotzdem ging es nun Schlag auf Schlag. War es Berners-Lee bis dahin noch darum gegangen, das Informationsmanagement des CERN zu verbessern, hatte er nun schon das Internet, wie wir es heute kennen, im Kopf: frei verfügbare Information für jeden auf jedem Rechner – nicht nur im CERN –, dezentral und unreguliert, darstellbar mit speziellen Programmen, Browser genannt. Ein solcher war in einfacher Form Mitte 1990 fertig, und zu dieser Zeit existierte auch schon ein Name für das Projekt: World Wide Web.

Es unsere Pflicht ist, Informationen öffentlich zugänglich zu machen.

Das Credo der Entwickler des World Wide Web

Auf den drei damals von Berners-Lee definierten Kerntechnologien – Übertragungsprotokoll (HTTP), einheitliches Adressierungsschema plus eine Auszeichnungssprache (Markup Language) für Hypertext-Dokumente (HTML) – basiert das Netz bis heute. Dieses Prinzip des Web stellte Berners-Lee mit seinen Mitarbeitern Robert Cailliau und Nicola Pellow, einer Studentin, die er für die Entwicklung des ersten Browsers angeheuert hatte, im Juni 1991 öffentlich vor. Dabei fiel auch der Satz, dass „es unsere Pflicht ist, Informationen öffentlich zugänglich zu machen“.

Berners-Lee hielt sich an dieses Postulat und veröffentlichte das am CERN entwickelte WWW-Protokoll am 6. August 1991 in einer UsenetGruppe, einer Art Forum, wo sich Mitarbeiter und Studenten austauschten. Damit war die Software für jeden zugänglich und wurde von der Internet-Gemeinde auch sofort übernommen.

Von diesem Tag an entwickelte sich das WWW geradezu explosiv bis zu dem Medium, das heute unser Leben bestimmt wie kein anderes je zuvor. Und sein Erfinder ist damit wohl steinreich geworden? Mitnichten: Geld dafür zu nehmen hätte für ihn dem Sinn des Webs widersprochen. Heute ist Tim Berners-Lee, Jahrgang 1955, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA.

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