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Können Safaris zum Schutz der Wildnis beitragen?

Eine neue Art von Safaris verspricht den Gästen unmittelbare Begegnungen mit den Tieren Afrikas – und soll gleichzeitig zum Schutz der Wildnis und zur Entwicklung der bereisten Länder beitragen. Kann das gut gehen? Ein Erfahrungsbericht.
Text: Anja Böck, Fotos: Renée del Missier / 6 Min. Lesezeit
Zwei Giraffen an der Wasserstelle im National Park Sambia. Foto: Renée del Missier
Zwei Giraffen an der Wasserstelle im National Park Sambia.
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Der Tag hat schon früh begonnen. Gemeinsam mit zwei Guides bricht eine kleine Gruppe zu Fuß auf, um die Wildnis des South Luangwa National Park in Sambia zu erkunden. Schon nach einer halben Stunde hebt Troy, der Fährtenleser, die Hand und deutet auf den Boden: Frische Spuren. Von Löwen. Sie zogen in diese Richtung. Schnell hinterher. Wenig später sind die Tiere an einem Flussufer in einer Entfernung von wenigen hundert Metern beim Rasten zu beobachten. Zwischen Raubtier und Mensch: kein Zaun, keine Mauer, kein Hindernis – kein Schutz.

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Zu Fuß durch den South Luangwa National Park in Sambia. Foto: Renée del Missier
Zu Fuß durch den South Luangwa National Park in Sambia.

Die Sehnsucht nach der Begegnung mit schönen, starken und auch gefährlichen Wildtieren in ihrem natürlichen Lebensraum lockt jedes Jahr tausende Menschen nach Afrika. Längst ist der Safari­-Tourismus etwa in Kenia oder Tansania ein relevanter Wirtschaftsfaktor. Die zahlenden Gäste tragen somit zum Naturschutz bei – durch sie bekommen Wildtiere und intakte Landschaften einen ökonomischen Wert, ihr langfristiger Schutz wird zur klugen Investition.

Einige der schönsten Regionen Afrikas verfügen bereits über ein gut ausgebautes Netzwerk von Unterkünften nahe an oder mitten in der Wildnis. Wer genug Zeit hat, wechselt von Lodge zu Lodge und erkundet die Vielfalt der afrikanischen Landschaften in Tagesausflügen. Meist werden die Gäste dabei in Jeeps oder geländegängigen Bussen an die Tiere herangefahren. Mitunter tummeln sich gleich mehrere solcher Fahrzeuge um einen einzigen Elefanten.

Neuheit Walking Safaris

Ein noch unmittelbareres – und auch exklusiveres – Erlebnis bieten Walking Safaris. Dabei geht es nicht mit dem Bus in den Busch, sondern in Kleingruppen zu Fuß auf die Pirsch. Um die Sicherheit kümmert sich ein bewaffneter Ranger, der die Gruppe – und die Wildtiere ringsum – stets im Auge behält.

Besonders gut geeignet für diese Art von Safari ist Sambia. Das Land tief im Süden Afrikas bietet viele, einem breiten Publikum noch wenig bekannte Naturwunder. Und das Land bemüht sich, Gäste auf intelligente und nachhaltige Weise zu Freunden zu machen. Hier geht es nie um die Jagd nach Trophäen, sondern um die Jagd nach Erlebnissen.

Wenn im Nationalpark Ruhe einkehrt

Nur wer zu Fuß durch ein Land geht, lernt es kennen

Ein Pionier dieser Entwicklung war Norman Carr. 1912 als Sohn britischer Eltern im heutigen Mosambik geboren, ging er in England zur Schule, kehrte danach wieder zurück nach Afrika. Damals war eine „Safari“ in der Regel gleichbedeutend mit einer Großwildjagd vom Jeep aus. Carrs Ziel war es hingegen, durch Safaris die Natur zu schützen. Um seine Idee zu verwirklichen, musste Carr die Menschen vor Ort gewinnen. Sein Argument: Mit einer sanften Safari lässt sich langfristig mehr verdienen als mit Jagd und Wilderei. 1950 überzeugte Carr Nsefu, den Anführer des Stammes der Kunda, im Luangwa-Tal im heutigen Sambia ein Stück Land als Wildtierreservat zu deklarieren.

Carr ging noch weiter. Sein Credo: Nur wer zu Fuß durch ein Land geht, lernt es richtig kennen. Wer zu Fuß geht, verursacht auch weder Lärm noch Abgase. Und wer zu Fuß geht, wird rasch merken, wie anders – in jedem Fall intensiver – die Umgebung wirkt, wenn die Sicherheit wegfällt, um im Notfall den Motor starten und davonfahren zu können. Mitten im Park errichtete Carr ein öffentliches Camp zur Tierbeobachtung. Schon Kinder konnten hier lernen, dass lebende Tiere mehr wert sind als tote. Das war die Geburtsstunde des Ökotourismus in Afrika.

Carr wählte nicht zufällig diesen Landstrich für sein Projekt. In Sambia regnet es häufiger als in anderen Teilen des südlichen Afrikas, deshalb überziehen dichte Wälder einen Großteil des Landes. Wasserreiche Flüsse wie der Sambesi und der Luangwa ziehen durch das Land und bieten Flusspferden und Krokodilen beste Lebensbedingungen. An den Ufern grasen Elefanten, Zebras, Kaffernbüffel und Impalas. Die wiederum locken Raubtiere wie Löwen, Hyänen und Leoparden an. Ideale Bedingungen für eine Safari also.

Mitarbeiter des National Parks. Foto: Renée del Missier
Mitarbeiter des National Parks.

Carrs öffentliches Camp wurde zur Keimzelle für den 1972 errichteten South Luangwa National Park. Zwischen den steilen Hängen des Muchinga­Gebirges im Westen und dem Fluss Luangwa im Osten leben heute über 60 Säugetierarten und mehr als 400 Vogelarten.

Trotz dieser idealen Voraussetzungen steckt der Tourismus in Sambia noch in den Kinderschuhen. Das Land verließ sich lange Zeit auf seinen Rohstoffreichtum: Rund sieben Prozent der weltweiten Kupfervorräte werden im zentralsambischen Copperbelt vermutet. Weiter zu Fuß. Jedes noch so leise Knacken lenkt die Aufmerksamkeit auf sich. Es kann von einem unscheinbaren Vogel stammen, der im Unterholz nach Nahrung sucht – oder von einem Elefanten. Die gehen tatsächlich auf Zehenspitzen, während ihr nach oben ragender Mittelfuß auf ein dickes Fettpolster gebettet ist – wie in Stöckelschuhen mit federndem Absatz –, und sie bewegen sich dadurch erstaunlich leise durch das Baum­ und Buschland. Wer als Fußgänger unvermittelt in die Nähe einer Herde Dickhäuter gerät, wird diesen Eindruck niemals vergessen.

Elefanten, die Schädlinge?

Für viele Einheimische sind die Tiere dagegen Schädlinge, die innerhalb einer einzigen Nacht Obstkulturen und Äcker verwüsten können. Auch deshalb wurden die Elefanten in den vergangenen Jahrzehnten erbarmungslos gejagt. Von 1977 bis heute sank ihre Anzahl von 1,3 Millionen auf nur 352.000. Sogar im Lower Sambesi National Park geht der Bestand zurück.

Eine Herde Flusspferde nimmt ein erfrischendes Bad im Wasser. Foto: Renée del Missier
Eine Herde Flusspferde nimmt ein erfrischendes Bad im Wasser.

Auch ökologisch ein Verlust, erklärt Troy. Die Elefanten legen bei der Nahrungssuche innerhalb weniger Tage weite Strecken zurück. Unterwegs fressen sie Früchte und schlucken dabei auch die Samen der Pflanzen. Irgendwann, in einer Entfernung von bis zu 65 Kilometern, scheiden sie die Pflanzensamen unverdaut wieder aus – und tragen so zur Erhaltung der Baumdiversität in der Savanne bei. So wird jeder Elefantenhaufen zum Lehrstück für die Vorbeiziehenden.

Gleich daneben, im weichen Untergrund, noch ein Pfotenabdruck. Spuren von Löwen und Hyänen seien in etwa gleich groß, erklärt Troy, allerdings könnten Löwen ihre Krallen einziehen, Hyänen nicht. Vier kleine Punkte an der Spitze des Pfotenballens machen den Unterschied.

Als die Gruppe sich schon auf den Rückweg zur Lodge gewendet hat, rattert plötzlich ein großer Geländewagen heran. Aus dem Auto winken Kinder. Sie sind auf Klassenausflug. Heute auf dem Lehrplan: die Schönheit der Heimat.

Die Bewohner des Nationalparks

Wenn die Lehrer mit ihrer Bewusstseinsbildung Erfolg haben, wird es eines Tages vielleicht gelingen, das in Sambia vor langem ausgerottete Nashorn wieder anzusiedeln. Erste Versuche gibt es im North Luangwa National Park, wo seit 2003 Schwarze Nashörner heimisch gemacht wurden, und im Mosi­oa­Tunya National Park, wo ein knappes Dutzend Weißer Nashörner rund um die Uhr vor Wilderern bewacht wird.

Der Fahrer gibt Gas. Dieses Geräusch, so Troy, mache die Tiere nervös. Elefanten schlackern mit den Ohren, und Flusspferde gähnen nur scheinbar; sie reißen ihr Maul auf und zeigen damit ihren Unmut. Vielleicht liegt all das daran, dass über Jahrzehnte Jäger aus solchen knatternden Fahrzeugen heraus auf das Wild geschossen haben.

Der Wagen fährt ab, die Kinder winken ein letztes Mal, das Motorengeräusch verklingt. Sofort steigen die Chancen für die Fußgänger, jetzt noch Zebras, Impalas und Elefanten in der rasch einbrechenden Dämmerung grasen zu sehen. Ein Anblick, der die Angst vor den Wildtieren vergessen lässt. An ihre Stelle tritt das bloße Staunen.

Eindrücke der Safari

Steckbrief Sambia

Im südlichen Afrika gelegen, etwa zweimal so groß wie Deutschland, aber nur rund 16 Millionen Einwohner. Ein Großteil des Landes liegt auf Hochebenen, dazwischen eingekerbt sind tiefe Täler. Logische Folge: zahllose Wasserfälle. 19 Gebiete oder acht Prozent der Landesfläche sind als Nationalparks ausgewiesen. Der Tourismus spielt noch keine große Rolle. Das Land ist seit 1963 unabhängig von Großbritannien, aber bis heute Teil des Commonwealth.

  • Beste Reisezeit – Juni bis Oktober – dann ist Winter auf der Südhalbkugel und Trockenzeit in Sambia. Anfangs ist die Vegetation noch üppig, die Tiere sind dann schwieriger zu finden. Je länger die Trockenzeit dauert, desto mehr Tiere sammeln sich um die wenigen Wasserstellen.

  •  Wie komme ich hin? Flug über Addis Abeba nach Lusaka (ab 670 Euro). Der Lower Sambesi National Park ist nur per Charterflug erreichbar. Zum South Luangwa National Park (Mfuwe Airport) werden Linienflüge angeboten (ca. 500 Euro).

  •  In der Nähe – Victoria Falls: Auf einer Breite von 1,7 Kilometern stürzen die Wassermassen des Sambesi 110 Meter in die Tiefe und bilden den größten geschlossenen Wasservorhang der Welt. Sie liegen im Mosi-oa-Tunya National Park, in dem auch die einzigen Weißen Nashörner Sambias leben und rund um die Uhr von bewaffneten Rangern bewacht werden.

Einblick in das Camp-Leben

Camps im National Park

  1. Camp Chongwe – liegt im Lower Sambesi National Park direkt am Chongwe-Fluss. Es ist vor allem für Stippvisiten von Elefanten bekannt, die gerne in der Nähe grasen. Löwen gibt es hier seltener.

  2. Camp Luwi – liegt abgeschieden inmitten des South Luangwa National Park am Ufer des Luwi-Flusses. Die nahe Lagune ist ein Flusspferde-Paradies und lockt als ganzjährige Wasserquelle Tiere von weither.

  3. Camp Nsolo – ebenfalls am Luwi-Fluss, befindet sich zwischen Camp Luwi, Mchenja und Chinzombo. Es eignet sich daher hervorragend für eine Walking Safari zum nächsten Camp. Durch das nahe gelegene Wasserloch im sonst oft ausgetrockneten Flussbett ist die Artenvielfalt hier hoch.

  4. Camp Mchenja – sollte jeder besuchen, der Giraffen sehen möchte. Das Camp liegt am Luangwa-Fluss, wobei die Zelte auch nachts nur durch ein festes Moskitonetz verschlossen werden. Gerade aufgewacht, können Besucher vom Bett aus neugierige Affen und Impalas vorbeihuschen sehen.

  5. Camp Chinzombo – liegt am Rand des South Luangwa National Park und ist ganzjährig geöffnet. Ursprünglich lebte Norman Carr hier während der Regenzeit. Heute besteht das Camp aus sechs luxuriösen Villen, die Tierwelt vor der Tür ist aber noch so faszinierend wie damals.

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin, Jänner 2018. 

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