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Ein afrikanischer Himmel voller Hunde

Jedes Jahr im Oktober verwandelt sich der Kasanka-Nationalpark in Sambia in die größte Voliere des Kontinents. Dann kommen bis zu zwölf Millionen Palmenflughunde auf engstem Raum zusammen.
Text: Fabian von Poser, Fotos: Nick Garbutt / 13 Min. Lesezeit
Mit einem kräftigen Flügelschlag erhebt sich der Palmenflughund in die Lüfte. Foto: Nick Garbutt
Immer noch ein schräger Anblick. Mit einem kräftigen Flügelschlag erhebt sich der Palmenflughund in die Lüfte.
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Vom Western Hide aus, einem drei mal drei Meter großen Holzverschlag auf acht Meter Höhe, bietet sich der beste Blick über den Wald. Um 5.30 Uhr morgens, wenn die Sonne ihre Fühler tastend über dem Kasanka-Nationalpark ausstreckt, ist es noch frisch im Nordosten Sambias. Wasser perlt von den Blättern, die Luft ist feucht. Noch bevor schwarz gepunktete Wolken am Himmel die Invasion der Tiere ankündigen, hört man sie bereits fiepen, quieken, quietschen und zwitschern.

Erst sind es kleine Gruppen von hundert bis zweihundert Exemplaren, die in das nur wenige Hektar große Waldstück im Herzen des Parks einfallen, dann viele hundert, dann tausende, dann Millionen. Wie düstere Geschwader, die Alfred Hitchcocks Horrorklassiker „die Vögel“ als Vorlage hätten dienen können, schälen sich flatternde Lebewesen aus der tintenfarbigen Wildnis. Doch es sind keine Vögel, sondern Millionen und Abermillionen Flughunde der Art Eidolon helvum.

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Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Foto: Nick Garbutt
Kasanka-Nationalpark. In der Abenddämmerung erhebt sich der Schwarm der Flughunde aus den Wäldern.

Seit Stunden liegen wir auf der Lauer, um das Spektakel nicht zu versäumen. Tief im sambischen Busch an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo liegt die kleine Plattform. Nur eine hölzerne Leiter führt hinauf auf das wackelige Deck. Wir sind froh, hier oben zu sein, denn so werden wir nicht von Insekten aufgefressen. Als ein goldener Streifen am Horizont den anbrechenden Tag ankündigt, schweben die Tiere wie auf ein unsichtbares Zeichen hin aus allen Richtungen ein und lassen sich auf den Bäumen nieder.

Oft landen sie so zahlreich auf den Ästen, dass diese unter der Last zusammenbrechen. Viele Flughunde fallen herunter und verenden. Das wiederum zieht Jäger an: Am Boden des Waldes machen Pythons, Schwarze Mambas und Warane Beute, in der Luft kreisen Fisch-, Kron- und Kampfadler. Kaum 25 Minuten dauert die Flugshow jeden Morgen, dann ist sie vorbei. Und es dauert zwölf Stunden, bis sie von neuem beginnt – wenn die Flughunde das Wäldchen für ihre nächtlichen Streifzüge wieder verlassen.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Foto: Nick Garbutt
Gut bewacht. Eingang zum Kasanka-Nationalpark im Nordosten Sambias.

Einmal im Jahr, in einem kurzen Zeitraum von sechs bis acht Wochen zwischen Ende Oktober und Ende Dezember kommen viele Millionen Palmenflughunde im Kasanka-Nationalpark zusammen. Es gibt bei Säugetieren nur wenige Phänomene dieses Ausmaßes. Die große Wanderung in der Serengeti mit 1,5 Millionen Tieren kommt einem in den Sinn.

Doch im Vergleich zu dem, was hier in Sambia passiert, ist die Wanderung der Gnus, Zebras und Gazellen in Kenia und Tansania eine geradezu schütter besuchte Veranstaltung. „In Kasanka versammeln sich bis zu zwölf Millionen Tiere“, schätzt der niederländische Biologe Frank Willems, Chefökologe des Kasanka trust, jener privaten Stiftung, die sich für den Erhalt des einzigartigen Lebensraums im Nordosten Sambias einsetzt. Seit sechs Jahren schon lebt der 38-Jährige, ein hemdsärmeliger Typ in Jeans und ausgebleichtem Safarihemd, in Kasanka und erforscht die Flughunde.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Flughundforscher Frank Willems Foto: Nick Garbutt
Der Spezalist. Flughundforscher Frank Willems liegt auf der Lauer.

Doch wie viele Tiere es genau sind, darüber kann er selbst nur spekulieren, denn die Zahl ändert sich jedes Jahr. „Mal sind es acht Millionen, mal zehn, manchmal auch mehr“, sagt Willems, als wir mit ihm, der nie ohne sein Fernglas aus dem Haus geht, an diesem morgen die Tiere beobachten. Es ist die größte derzeit bekannte Säugetieransammlung der Erde – noch vor der Bracken Cave bei San Antonio im US-Bundesstaat Texas, in der nach jüngsten Erkenntnissen jedes Jahr bis zu zehn Millionen Mexikanische Bulldoggfledermäuse zusammenkommen.

Flughunde leben ausschließlich in den Tropen und in den Subtropen. Sie kommen nur in Afrika, Asien, Australien und Ozeanien vor. Insgesamt gibt es mehr als 190 Arten. Der Unterschied zu Fledermäusen liegt nicht nur in der meist kräftigeren Statur und der deutlich erkennbaren Kralle am Daumen, sondern auch in der fehlenden Echo-­Ortung. Neben dem Sehsinn ist bei ihnen auch der Geruchssinn für die Orientierung entscheidend.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Foto: Nick Garbutt
Verblüffende Choreographie. Fast tanzend bewegen sich die Palmenflughunde durch die Luft.

Anders als Fledermäuse schlafen viele Flughunde tagsüber in Bäumen und Büschen. Einige von ihnen legen weite Strecken zurück, doch die mit Abstand größte Wanderung ist die der Palmenflughunde nach Kasanka. Die US­-amerikanische Biologin Heidi Richter von der University of Florida in Gainesville war eine der Ersten, die sich intensiv mit der Wanderung in Sambia auseinandersetzte. Sie prägte für die millionenfache Zusammenkunft den Begriff „Big Bang“, großer Knall.

Im Jahr 2005 brachte sie an mehreren Tieren Satellitensender an. Dabei stellte sie fest, dass sie über tausende Kilometer unterwegs waren. Einer der vier besenderten Flughunde legte nach seiner Abreise aus Sambia mehr als 2.500 Kilometer zurück, bevor das Signal nach fünf Monaten nahe der Stadt Basankusu in der Demokratischen Republik Kongo verstummte.

Bis heute geben die Tiere den Wissenschaftern Rätsel auf. Zum Beispiel ist völlig unklar, woher die Palmenflughunde wissen, wann sie aus verschiedenen Teilen Afrikas losfliegen müssen, um alle zum selben Zeitpunkt in Sambia einzutreffen. Vor allem scheint es ihnen auf ihrem langen Flug um Nahrung zu gehen, denn die Tiere kommen wie auf ein geheimes Kommando hin genau zur Reifezeit der Früchte – wilde Mispeln, Myrtenbeeren und wilde Feigen – in Sambia an. Offensichtlich bewegen sie sich also mit dem Regen.

Wahrscheinlich kommen die Tiere schon seit Jahrhunderten hierher.

Frank Willems, Biologe

Auch wie lange die Tiere schon hierherkommen, ist nicht bekannt. Es gibt Aufzeichnungen von Rangern aus den 1920er­Jahren, die von „vielen Flughunden“ in Kasanka berichteten. „Doch wie viele das damals waren, wissen wir nicht“, sagt Frank Willems. „Wahrscheinlich kommen die Tiere schon seit Jahrhunderten hierher.“ Fest steht jedoch: Das Verbreitungsgebiet des Palmenflughunds reicht von Mauretanien und dem Senegal in Westafrika bis nach Äthiopien und von dort bis hinunter nach Südafrika. Auch im äußersten Südwesten der Arabischen Halbinsel gibt es vereinzelte Populationen (siehe auch Karte: „Die Heimat der Flughunde“). Das Gros der Tiere im Wald von Kasanka stammt aber vermutlich aus dem Kongobecken. Doch selbst in diesem Punkt sind sich die Forscher noch unsicher.

Seine enorme Flügelspannweite von bis zu 85 Zentimetern bei 30 Zentimeter Körperlänge macht den Palmenflughund zu einem extrem guten Langstreckenflieger. Auch deswegen können sich die Tiere über so weite Distanzen bewegen. Im Foyer der Wasa Lodge, die vom Kasanka Trust geführt wird, hat Frank Willems in einer Vitrine das Skelett eines Palmenflughunds ausgestellt. Oft sieht man Besucher staunend davor stehen. Im Gegensatz zu ihren wendigeren Artgenossen sind Palmenflughunde mit ihren riesigen Schwingen auf effizienten Langstreckenflug ausgelegt. Bei der Nahrungssuche nähern sie sich einem Baum auch nicht von unten oder im Schwirrflug, sondern landen auf den äußeren Ästen und hangeln sich von dort weiter, während wendigere Flughundarten direkt zwischen die Zweige fliegen.

Die Sonne steigt jetzt über die Wipfel. Im Wald fiept, quiekt und zwitschert es noch. Doch langsam kehrt Ruhe ein in Kasanka. Tagsüber hängen die Tiere kopfüber in den Bäumen und dösen. Dann ist der nur 390 Quadratkilometer große Nationalpark wieder die ruhige Landschaft aus Wald, Seen und Grasland, die er das ganze Jahr über ist. Ein paar Fliegen surren, in den Ebenen grasen Puku­-Antilopen.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Nachtruhe Foto: Nick Garbutt
Schlafplatz. Die Tiere übernachten gerne in Bäumen.

Doch der Park war nicht immer so friedlich. Ende der 1980er­ Jahre lief Kasanka Gefahr, seinen Status als Nationalpark zu verlieren. Jäger hatten ihn fast leer geschossen. 1990 übernahm David Lloyd, ein gebürtiger Brite und Ex­-Kolonialoffizier, das Management des Parks. Mit seinem eigenen Geld baute er Straßen, Brücken und saisonale Camps. Seither erholen sich die Bestände an Pukus, Buschböcken, Rappenantilopen und den seltenen Sitatunga­-Antilopen. Auch die Elefanten kehren nach und nach zurück. Unlängst hat Frank Willems sogar einen Blauducker, ebenfalls eine rare Antilopenart, im Park erspäht. „Ein einmaliges Erlebnis. Hoffentlich sehen wir die Tiere bald wieder häufiger“, sagt der Biologe. Einmal im Jahr haben alle für eine kurze Zeit allerdings nur Augen für die Flughunde, denn die wenigen Touristen, die den Park besuchen, kommen vor allem ihretwegen.

Mit der Präzision eines Uhrwerks erscheinen die Tiere jedes Jahr im Oktober. Doch warum kommen sie genau hierher und warum in solcher Zahl? Wissenschafter können sich darauf bis heute keinen Reim machen. „Der Vorteil einer Kolonie dieser Größe erschließt sich uns noch nicht“, sagt Jakob Fahr, Flughundexperte am Max­-Planck-­Institut für Ornithologie in Radolfzell, das sich mit den Tieren befasst. Derzeit werten er und seine Kollegen die im Herbst 2013 gewonnenen Daten aus.

Flughunde sind ein einmaliges Erlebnis. Hoffentlich sehen wir die Tiere bald wieder häufiger.

David Lloyd, Biologe

An insgesamt 28 Palmenflughunden brachten die Forscher Sender an, um detaillierte Daten über die nächtlichen Streifzüge der Tiere zu bekommen. Nach einer ersten Auswertung legen die Flughunde in Sambia bis zu 100 Kilometer pro Nacht zurück. Das erscheint auf den ersten Blick viel. In Ghana jedoch fanden die Forscher heraus, dass Palmenflughunde je nach Koloniegröße jede Nacht bis zu 180 Kilometer auf der Suche nach Nahrung herumfliegen – und das, obwohl die Kolonien viel kleiner sind als in Kasanka. Wie geht das also zusammen? „Möglicherweise liegt das am Nahrungsangebot“, sagt Experte Fahr. „Ich habe noch an keinem anderen Ort in Afrika eine solche Fruchtdichte gesehen.“ Das könnte auch eine der Erklärungen dafür sein, warum die Tiere gerade in den Nordosten Sambias kommen. „Doch das ist sicher nicht der einzige Grund, es gibt noch viele Fragezeichen“, sagt Fahr.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Ruheposition überkopf Foto: Nick Garbutt
Verkehrt herum. In Ruhepostion hängen die Flughunde mit dem Kopf nach unten.

Stunde um Stunde vergeht in unserem kleinen Versteck über den Wipfeln der Bäume. Am Himmel über Sambia türmen sich am Nachmittag bauschige Gewitterwolken auf. Immer wenn sich ein Fischadler von einem der umliegenden Bäume erhebt, fliegen auch tausende Flughunde erschrocken für einige Minuten auf. Dann verdunkelt sich der Himmel noch mehr. In einem solchen Augenblick erinnert ihre Anwesenheit an eine biblische Plage. Aber das, was in den Wochen der Flughundmigration stattfindet, hat nichts von einem Horrorszenario.

Mit ihrem hellbraunen Fell und den hautbespannten Armen sehen die Tiere zwar unheimlich aus, doch sie sind harmlos, beißen nicht und sind nicht aggressiv. Mit ihren großen dunklen Augen, der langen Schnauze und den kleinen Ohren sehen sie aus der Nähe tatsächlich ein wenig aus wie Hunde.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Kinderbesuch Foto: Nick Garbutt
Unterricht der besonderen Art. Eine Schulklasse besucht den Nationalpark.

Doch im Gegensatz zum besten Freund des Menschen bleiben sie rätselhafte Kreaturen, auch was ihre Fressgewohnheiten angeht. Frank Willems schätzt, dass Palmenflughunde in einer einzigen Nacht Früchte vom Gewicht ihres eigenen Körpers verzehren. „Das müssen sie auch“, sagt der Biologe, „denn bei ihren nächtlichen Streifzügen verbrennen sie unglaubliche Mengen von Energie.“ Ein Flughund wiegt im Durchschnitt ein Viertelkilo.

Wenn jeder bis zu 250 Gramm pro Nacht frisst, macht das bei acht bis zwölf Millionen Flughunden in einer einzigen Nacht eine Menge von 2.000 bis 3.000 Tonnen Obst, rechnet Willems vor. Mit ihren 34 Zähnen zerkauen die Tiere zunächst die Früchte. Dann drücken sie den Fruchtbrei mit der Zunge gegen den harten Gaumen und pressen ihn aus. Den Saft schlucken sie; Schale und entsafteter Fruchtbrei werden hingegen ausgespuckt. Der Verdauungsprozess dauert kaum 30 Minuten. Dann beginnt das Ganze von vorn. Meist lassen die Tiere die Samen und die Schale der Frucht fallen – und es wächst ein neuer Baum.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Schwarm Foto: Nick Garbutt
Dichter Verkehr. Wenn die Flughunde morgens und abends ausschwärmen verfinstert sich für Momente der Horizont.

Gerade deshalb ist es Forschern wie Willems und Fahr so enorm wichtig, die Tiere zu schützen: Sie spielen bei der Ausbreitung von Samen und der Bestäubung von Blüten eine wesentliche Rolle. In vielen Gebieten Afrikas sind sie sogar die letzten verbleibenden Samenverbreiter, da andere Tiere wie Primaten, Hornvögel und Ducker durch die Jagd lokal ausgerottet wurden. Und auch die Bedrohungen für die Flughunde sind vielfältig. „Es ist ein Irrglaube, zu denken, dass sie nicht bedroht sind, nur weil sie in Millionen auftreten“, sagt Willems. Ihr größtes Problem sei der Verlust des Lebensraums. Durch den zunehmenden Ackerbau in der Region und die fortschreitende Industrialisierung Sambias schrumpft der Wald beständig. Außerdem zerstören von Menschen gelegte Buschfeuer das Land. Um wenigstens den Park vor Bränden zu schützen, legt Willems mit seinen Mitarbeitern in der Trockenzeit Dutzende Brandschneisen an.

Es ist ein Irrglaube, zu denken, dass sie nicht bedroht sind, nur weil sie in Millionen auftreten.

Frank Willems, Biologe

Darüber hinaus haben die Tiere mit einer weiteren Bedrohung zu kämpfen: Wenn auch nicht im Nationalpark von Kasanka, so würden gerade Palmenflughunde in vielen Teilen Afrikas gern verspeist, sagt Willems. Am schlimmsten ergehe es ihnen im benachbarten Kongo. Dort spannen Einheimische meterhohe Netze auf, um sie einzufangen. Die Jagd ist für den Bestand vor allem deshalb bedrohlich, weil Palmenflughund­-Weibchen nur einmal im Jahr gebären und dabei nur ein einziges Junges zur Welt bringen.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Skelett Foto: Nick Garbutt
Das Geheimnis ihrer Flugfähigkeit. Das Skelett eines Palmenflughunds zeigt, wie filigran die Knochen gebaut sind.

Für Frank Willems sind die Wochen zwischen Oktober und Dezember die geschäftigsten des Jahres. Ständig kommen Wissenschafter in sein Büro in der nur sechs Kilometer vom Wald entfernten Wasa Lodge. Die Betten der Lodge sind in dieser Zeit fast immer ausgebucht. Nachmittags fallen ganze Schulklassen in den Park ein. Im Rahmen des „Chitambo Education Project“ bringt der Kasanka Trust jeden Tag 25 Schulkinder in das kleine Ausbildungszentrum, das am Rande des Parks eingerichtet wurde, um sie über den Erhalt des Ökosystems aufzuklären. „Das ist wichtig, um ein Bewusstsein für die Tiere zu schaffen und somit ihre Zukunft zu sichern“, meint Willems. Mit bunten Flughund­T­Shirts ausgestattet, besuchen die Kinder dann auch den Park. Doch die Kolonie dürfen sie nicht betreten, denn seit 2011 müssen sich Besucher auf die vier Aussichtspunkte am Rand des Waldes beschränken. „Die Tiere reagieren auf die Anwesenheit des Menschen“, erklärt Willems. „Werden sie zu häufig gestört, ziehen sie an andere Orte.“ Das will der Biologe um jeden Preis verhindern.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Foto: Nick Garbutt
Wo Flughunde wohnen.Die Tiere bevorzugen lichte Wälder, die sich mit Savannenlandschaft abwechseln.

Tagsüber ist das Waldstück, in dem sich die Flughunde ausruhen, ein stiller Ort. Am späten Nachmittag nimmt das Gefiepe und Gequietsche wieder zu. Wenn sich nach Sonnenuntergang der Himmel glutrot färbt, fliegen zuerst einige wenige Tiere aus, um die Lage zu erkunden. Ihnen folgen immer mehr Flughunde, bis der ganze Himmel voller schwarzer Silhouetten ist. Für etwa 25 Minuten vibriert die Luft dann vom millionenfachen Flügelschlag. Rushhour am Himmel. In allen Höhen fliegen die Tiere auf ihrer Nahrungssuche. Wellen von Flughunden bewegen sich ohne erkennbares Ziel in alle Himmelsrichtungen. Tag für Tag geht das so, Woche um Woche.

Doch schon Mitte Dezember verschwinden die ersten Exemplare wie von Geisterhand gelenkt. Anfang Jänner ist das kleine Waldstück wieder wie leergefegt – als ob es die Invasion der Flughunde nie gegeben hätte.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Nahrungssuche Foto: Nick Garbutt
Wenn der Hunger kommt. Flughunde auf ihrem Streifzug nach Nahrung.

Fliegende Wirte

Warum Flughunde als Krankheitsüberträger in Verruf geraten sind. Der afrikanische Regenwald ist die Heimat wenig erforschter Krankheiten, die auch für den Menschen gefährlich werden können. Bislang ist unklar, in welchen natürlichen Wirten die Erreger zirkulieren und unter welchen Bedingungen sie auf den Menschen übertragen werden. Jahrelang untersuchten Wissenschafter Affen, Vögel, Nagetiere und Insekten als potenzielle Wirte – ohne Erfolg. Seit einiger Zeit haben sie verstärkt Flughunde im Verdacht, bedrohliche Viren in die Nähe des Menschen zu bringen. Eine Meldung vom November 2013 brachte auch den Palmenflughund in Verruf.

„Flughundpopulation aus Zentralafrika ist Träger zweier tödlicher Viren“, hieß es darin. In der von der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Cambridge und der Zoologischen Gesellschaft von London durchgeführten Untersuchung an 2.000 Palmenflughunden aus zwölf afrikanischen Staaten hatten Wissenschafter nachgewiesen, dass ein hoher Prozentsatz von ihnen mit dem Lagos-Fledermaus-Virus, einem Verwandten des Tollwutvirus, infiziert war. In vielen Tieren wurden auch Henipa­ähnliche Viren gefunden, die in Asien und Australien bei Menschen zu Hirnhautentzündung geführt haben – in einigen Fällen mit tödlichem Ausgang.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Detail Foto: Nick Garbutt
Nur auf den ersten Blick furchterregend. Die großen Augen und die wirkungsvollen Krallen verleihen den Palmenflughunden zu unrecht eine martialische Optik.

Kurz davor hatte dieselbe Arbeitsgruppe in einem von 262 untersuchten Palmenflughunden aus Ghana erstmals auch Antikörper gegen Ebola entdeckt. Zwar sei das angesichts der weiten Verbreitung, der Größe der Kolonien und der Länge der Wanderungen ein erstaunlich geringer Prozentsatz. Weil Palmenflughunde in großen Kolonien und oftmals in der Nähe von Städten leben, mache sie das dennoch zu einem potenziellen Risiko für den Menschen, so die Forscher. Bei anderen Flughundarten wie dem überwiegend in Höhlen lebenden Nilflughund (Rousettus aegyptiacus) entdecken Wissenschafter immer wieder Antikörper gegen das verwandte Marburg-Virus. Sie gehen auch davon aus, dass sich schon mehrere Menschen durch Nilflughunde damit infiziert haben, darunter auch eine 40-­jährige Niederländerin, die 2008 eine Höhle im Queen-­Elizabeth­-Nationalpark im Süden Ugandas besucht hatte. Sie war kurz darauf an der Krankheit verstorben.

Sambia Flughunde Kasanka-Nationalpark Größe Foto: Nick Garbutt
Prominente Waldbewohner. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 85 Zentimetern sind die Flughunde durchaus respekteinflössend.

Dass auch der Palmenflughund ein potenzieller Virenträger ist, können selbst vorsichtig argumentierende Wissenschafter wie Jakob Fahr vom Max-­Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell nicht bestreiten. Problematisch sind vor allem die für die Tiere typischen Ernährungsgewohnheiten. Palmenflughunde schlucken vor allem den Saft der Früchte und lassen die Reste auf den Boden fallen. Dort werden sie nicht selten von Affen und Antilopen gefressen. Das könnte dafür sorgen, dass gefährliche Erreger auf andere Tiere überspringen. Werden diese wiederum vom Menschen verspeist, besteht die Gefahr einer Ansteckung. Ein noch größeres Risiko sehen Wissenschafter im Verzehr der Flughunde selbst.

Je mehr wir uns für den Schutz der Tiere einsetzen, desto sicherer ist auch der Mensch.

Jakob Fahr vom Max-­PlanckInstitut für Ornithologie

Dennoch schätzt Fahr das Risiko insgesamt als eher gering ein. Vertreibung oder gar das Auslöschen der Kolonien seien jedenfalls keine Alternativen. Die Folgen durch den Verlust essenzieller „Dienstleistungen“ des Palmenflughunds für das Ökosystem wären vermutlich wesentlich gravierender als die vergleichsweise wenigen Fälle von Infektionen. Ebola, Marburg und Co klängen zwar gefährlich, eine weitaus größere Gefahr für Menschen in Afrika stellten aber Malaria und HIV dar. „Je mehr wir uns für den Schutz der Tiere einsetzen, desto sicherer ist auch der Mensch“, ist Fahr überzeugt. Da Flughunde selbst nur selten Krankheitssymptome zeigen und über ein besonders effektives Immunsystem zu verfügen scheinen, seien sie weniger eine Gefahr, meint der Forscher. Ganz im Gegenteil: Sie böten großes Potenzial, um vielleicht einmal Mittel gegen diese Infektionskrankheiten zu finden.

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin, März 2013.

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