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Der größte Frosch der Welt: Alle gegen Goliath

Im Regenwald Kameruns lebt der größte Frosch der Welt: Er misst von Kopf bis Fuß bis zu 85 Zentimeter, die schwersten Exemplare wiegen an die vier Kilo. Doch lange wird es den Goliath-Frosch wohl nicht mehr geben: Sein Lebensraum schrumpft, er wird gnadenlos gejagt und mit Pestiziden vergiftet.
Text: Fabian von Poser, Fotos: Cyril Ruoso / 11 Min. Lesezeit
Goliathfrosch Kamerun größter Frosch der Welt gefährdet Foto: Cyril Ruoso
Rund drei Kilogramm schwer, bis zu 40 Zentimeter lang: Der Goliathfrosch Conraua goliath ist der größte Froschlurch der Welt.
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AN EINEM BACH im Südwesten der Republik Kamerun kauert ein Mann auf einem Stein. Es ist kurz vor Mitternacht, der Regen hat nachgelassen. Das Wasser liegt flach und unbewegt da wie ein Tischtuch. Es ist still. Nur das Rauschen eines Wasserfalls ist in der Ferne zu hören. André Kudhi blickt in die Finsternis. In seiner Rechten hält er ein Netz, auf dem Kopf leuchtet das schwache Licht einer Stirnlampe. Seit Minuten sitzt Kudhi beinahe regungslos da. Immer wieder prüft er mit der Hand, ob die Bleigewichte sich nicht verheddert haben. Eine halbe Ewigkeit vergeht. Dann schleudert Kudhi ansatzlos das Netz ins Dunkel. Drei, vier, fünf Meter fliegt es. Die Maschen öffnen sich wie eine Ziehharmonika, die Bleigewichte sinken auf den Grund. Ein perfekter Wurf. Doch Augenblicke später zieht Kudhi ein leeres Netz an Land.

Kudhi ist auf der Jagd nach einem Tier, das die Einheimischen bébé nennen, weil es so groß ist wie ein menschliches Baby und mit bis zu vier Kilo auch so schwer. Entdeckt wurde die größte aller Froscharten im Jahr 1906. Das Verbreitungsgebiet des Tieres, das Zoologen Conraua goliath nennen, Goliath-Frosch, erstreckt sich über einige wenige Flussläufe im Südwesten Kameruns bis zum Benito-Fluss in Äquatorialguinea – ein Gebiet so groß wie Belgien. Doch die Art verabschiedet sich gerade, still und heimlich. Die Tiere werden gejagt, weil ihr Fleisch als Delikatesse gilt. Und ihr Lebensraum schrumpft, vom Menschen zerstört, zusehends.

Auf den mit feuchten Blättern übersäten Abhängen finden Kudhis Sohlen kaum Halt. Der Jäger klammert sich an Farne und Pflanzen, um nicht abzurutschen. Hin und wieder schlägt er mit der Machete einen Ast ab, um schneller voranzukommen. „Die beste Zeit für die Jagd ist, wenn der Mond nicht scheint“, erklärt er. „Dann fühlen sich die Frösche sicher.“ Der Wald ist voll mit spitzen Dornen, scharfkantigen Steinen und giftigen Tieren. Doch Kudhi bewegt sich im Dunkeln so sicher wie auf einer Autobahn. Immer wieder leuchtet er mit der Lampe ins Wasser. Manchmal erscheinen ein paar funkelnde Augen im Lichtkegel. „Zu weit weg“, sagt Kudhi dann. Denn meistens ist es so: Sobald sich der Jäger nähert sucht das Tier das Weite, um unter einem Stein Unterschlupf zu finden oder sich im weichen Sand des Flussbetts zu vergraben.

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Goliathfrosch Kamerun größter Frosch der Welt gefährdet Foto: Cyril Ruoso
André Kudhi auf nächtlicher Froschjagd: Auch wenn das Netz perfekt geworfen wird, ist es schwierig, die Tiere zu fangen.

Es bedarf ausgeprägter Geduld, um einen Goliath-Frosch zu fangen, denn Conraua goliath ist ein scheues Tier. Es bevorzugt sandige Flussbetten mit schnell fließendem, sauerstoffreichem Wasser. Und mit vielen Felsen, die ihm Schutz bieten.

In Kudhis Dorf Mangamba, einer Siedlung mit zwei Dutzend strohgedeckten Hütten ohne Strom und fließend Wasser, nennen die Einheimischen die Jagd arrêter les grenouilles, Frösche verhaften. Doch das Verhaften wird immer schwieriger.

Das spürt auch Kudhi. Immer weiter muss der 45-Jährige den Tingé-Fluss aufwärtsmarschieren, immer tiefer in den Wald vordringen. „Noch vor wenigen Jahren fingen wir die Tiere direkt beim Dorf. Heute laufe ich in manchen Nächten zwölf Kilometer, um überhaupt noch einen Frosch zu finden.“ Nicht selten ist Kudhi die ganze Nacht unterwegs und kehrt erst im Morgengrauen zurück.

Es ist unmöglich, festzustellen, wie viele Goliath-Frösche es noch gibt. Wie sollte man sie auch zählen? Doch die Tendenz ist eindeutig: Ihre Zahl sinkt rapid. Das sagen die Jäger, das sagt auch die Wissenschaft. Laut Weltnaturschutzorganisation IUCN ist die Zahl der fortpflanzungsfähigen Exemplare in den vergangenen drei Generationen um 50 Prozent zurückgegangen. Aus diesem Grund hat sie den Status der Tiere auf der Roten Liste bedrohter Arten von „gefährdet“ auf „stark gefährdet“ geändert.

Goliathfrosch Kamerun größter Frosch der Welt gefährdet Foto: Cyril Ruoso
Gut getarnter Goliath-Frosch: Sein Lebensraum ist klein – auch wenn der flächenmäßig so groß ist wie Belgien.

„Die Frösche leben in einem sehr kleinen Verbreitungsgebiet, und nicht einmal das ist flächendeckend besiedelt“, sagt Claude Miaud. Der Franzose ist Evolutionsbiologe und Genetiker am Centre d’Ecologie Fonctionnelle et Evolutive (CEFE) im französischen Montpellier. Sein halbes Leben lang hat der 53-Jährige Frösche und ihr Leben auf allen Kontinenten studiert. Nun beschäftigt er sich auch mit dem größten Frosch der Welt. „Ist eine Population so klein wie diese, ist das Risiko groß, dass die Art ausstirbt.“

Das Verhalten des Goliath-Frosches ist bis heute weitgehend unerforscht. Ein Großteil des Wissens über die Tiere stammt von Wissenschaftern, die Anfang des 20. Jahrhunderts den zentralafrikanischen Regenwald erkundeten. Als gesichert gilt: Der Goliath-Frosch wird bis zu 15 Jahre alt und hat ein reiches Nahrungsangebot, denn er frisst fast jedes lebendige Wesen, das er von der Größe her überwältigen kann: Insekten, Reptilien, Krebse, Fische und sogar kleine Wasservögel.

Die Oberschenkel erreichen bei ausgewachsenen Exemplaren die Dicke eines menschlichen Unterarms, die Augen sind so groß wie Kinderaugen. Auf den ersten Blick eine etwas ungewöhnliche Größe für einen Frosch. Warum sind die Tiere so groß geworden? „Alles eine Frage der Evolution“, sagt Miaud. „Lebewesen haben unterschiedliche Strategien entwickelt, um zu überleben. Größe bringt so gut wie immer Vorteile. Je kräftiger, desto wehrhafter.“

Ist eine Population so klein wie die des Goliath-Frosches, ist das Risiko groß, dass die Art ausstirbt.

Claude Miaud, Evolutionsbiologe und Genetiker

Fällt am Goliath-Frosch neben den muskulösen Schenkeln etwas auf, so ist es das riesige Maul. Wissenschafter vermuten, dass die Tiere ein so großes Maul haben, um möglichst große Beute verschlingen zu können. „Aber vieles wissen wir schlichtweg nicht“, sagt Miaud. „Wir können nur Transfers über andere Spezies machen, die wir besser kennen.“ Im Vergleich zu vielen anderen Froscharten gilt der Goliath-Frosch nicht gerade als ausdauernder Springer. Aber er springt weit. Sehr weit sogar – bis zu fünf Meter. Auch deshalb ist es so schwierig, ihn zu fangen.

Immer tiefer taucht André Kudhi in den Wald ein. Seinem sehnigen Körper ist anzusehen, dass er Jäger ist. Im Dorf ist er der Einzige, der mit dem Netz jagt. Kudhi hat zwar das Lächeln eines glücklichen Menschen, doch das Glück ist getrübt, denn seine Frau hat ihn verlassen. Wegen ihr ist er vor 14 Jahren ins Dorf gezogen. Kudhi ist Vater von vier Kindern, jetzt muss er sie allein aufziehen. Den Job des Froschjägers hat er erst vor Ort erlernt, denn Kudhi gehört nicht dem lokalen Stamm der Bakaka an. Doch heute ist er mit Abstand der Geschickteste im Dorf.

In der Trockenzeit von Mitte Dezember bis Mitte Mai geht er zwei-, dreimal die Woche auf die Jagd. Manchmal gehen ihm dabei zehn oder mehr Frösche ins Netz. Kudhi serviert die Tiere auch seiner Familie zum Essen. Doch eigentlich lebt er vom Verkauf.

Vor einem windschiefen Verschlag aus Brettern und Palmwedeln treffen wir Vanessa, eine junge Frau Mitte 20. Sie ist Kudhis beste Abnehmerin. Ihre Hütte als Restaurant zu bezeichnen wäre etwas übertrieben. Doch sie bereitet alles zu, was die Jäger aus dem Wald heranschaffen.

Eben werden am Feuer ein Gelbrückenducker, ein Schuppentier, ein Stumpfkrokodil und eine Ginsterkatze gegart. Die Hausherrin selbst sitzt im Schatten eines Kaffeestrauchs und seziert mit der Machete einen 1,5 Kilo schweren Goliath-Frosch. Als nur noch die Knochen übrig sind, bindet sie mit feinen Fasern aus Bananenblättern die besten Stücke zusammen. Dann brät sie einige Zwiebeln und Tomaten in Palmöl an. „Der Frosch kommt erst ganz am Ende hinzu“, sagt die Köchin. „Maximal fünf Minuten, sonst wird er zäh.“ Wenig später lassen sich ein halbes Dutzend Dorfbewohner Goliath-Gulasch schmecken. Das Fleisch sieht ganz appetitlich aus – bis auf die zehn Zentimeter langen Füße mit den bis an die Zehenspitzen reichenden Schwimmhäuten vielleicht.

Das Geschäft mit einem geschützten Tier

Die Froschjagd hat in den Dörfern der Gegend seit Menschengedenken Tradition. Der Goliath-Frosch zählte schon immer zu den am stärksten bejagten Froscharten in Kamerun. Jeder hier würde einen Goliath-Schenkel einer Schweinslende oder einem Rindsfilet vorziehen. Sogar die Kaulquappen werden gern verspeist, entweder als Einlage für Suppen oder frittiert in Maismehl. Am besten beobachten lässt sich das an der Straße zwischen Loum und der Kreisstadt Nkongsamba. Am Straßenrand dampfen hunderte Garküchen, verkaufen fliegende Händler Buschfleisch. Im Jänner und Februar werden hier vor allem GoliathFrösche angeboten.

Im Dorf Kolla begegnen wir einem jungen Mann namens Pierre Ekane. Neben seinem Job als Friseur arbeitet der 27-Jährige in der Jagdsaison als Froschfänger. Mit seinem breiten Grinsen und in seiner grünen Tunika sieht er beinahe selbst aus wie ein Frosch. Es ist ein einträgliches Geschäft, das Ekane betreibt. Sieben Frösche hat er vergangene Nacht gefangen. Sie sind an Schnüren zusammengebunden – drei, vier an einer Schnur. Lebendig. Wie Marionetten zappeln sie in seiner Hand.

Die meisten Frösche fängt Ekane auf Bestellung. Seine Kunden kommen sogar aus dem zwei Autostunden entfernten Douala. Manchmal sind auch internationale Händler dabei, denn Goliath-Frösche sind auch bei Tierzüchtern aus den USA und Europa begehrt. Was nicht vorbestellt ist, verkauft Ekane an der Straße. Je nach Größe verlangt er zwischen 4.000 und 10.000 CFA-Francs (Zentralafrikanische Francs) pro Tier, zwischen 6 und 15 Euro. An einem guten Tag macht das 150 Euro – viel Geld im Südwesten Kameruns.

Ekane weiß, dass die Jagd illegal ist. Aber die Frösche sind sein Lebensunterhalt. Manchmal halten ihn die Beamten der Waldpolizei aus der nahe gelegenen Ortschaft Manjo auf. Dann nehmen sie ihm alle Frösche ab. Laut Gesetz sollten sie die Tiere daraufhin eigentlich in die Freiheit entlassen. „Aber natürlich essen sie sie selbst“, meint Ekane. Zwar zählt der Goliath-Frosch in Kamerun wie Löwe und Elefant zur schützenswertesten Tierklasse A. Doch niemand kümmert sich darum, weil niemand die Einhaltung der Gesetze kontrolliert.

Goliathfrosch Kamerun größter Frosch der Welt gefährdet Foto: Cyril Ruoso
Auf und davon: Goliath-Frösche können bis zu fünf Meter weit springen.

Tierschutz in Kamerun ist vor allem eines: Theorie. Es ist müßig, den Jägern zu erklären, dass sie die geschützten Tiere besser am Leben lassen. Wer so etwas fordert, erhält Reaktionen wie „Ihr habt Arbeit, ihr habt Geld – wir haben nicht einmal etwas zu essen“. Wobei bis jetzt nicht einmal klar ist, inwieweit die Jagd die Frösche tatsächlich gefährdet.

Wissenschafter sind sich uneins darüber, denn gesicherte Studien gibt es nicht. Fest steht: Es gibt einen zunehmenden Jagddruck auf die Population. Frage an den Experten Claude Miaud: Würde es denn helfen, wenn die Menschen hier keine Frösche mehr fangen? „Wir wissen nicht, ob die Jäger jedes Jahr 20 oder 50 Prozent der erwachsenen Tiere fangen. Deswegen können wir auch nicht sagen, ob die Jagd nachhaltig ist oder nicht.“ Aber durch Schusswaffen und immer günstigere Netze aus China werde die Jagd immer effizienter. „Und wenn die Effizienz in kurzer Zeit um ein Vielfaches steigt, dann hat das unweigerlich auch Auswirkungen auf die Population“, sagt Miaud.

Eine weit größere Bedrohung als die Jagd ist für den Goliath-Frosch allerdings die Vergiftung durch Pestizide. Die Bevölkerung in Kamerun wächst unaufhörlich und damit auch der Bedarf an Feldern und Agrarland. Zwischen Loum und Nkongsamba liegt eine der fruchtbarsten Regionen des Landes. In den grünen Tälern bauen die Einheimischen Bananen, Ananas, Papayas, Kaffee und Kakao an. Doch die Bauern in dieser tropischen Region müssen ihre Pflanzen vor Insekten und Krankheiten schützen. Bereits kurz nach Sonnenaufgang sieht man links und rechts der Straße hunderte Menschen mit roten, blauen, gelben und grünen Kanistern auf dem Rücken auf den Feldern. Durch lange Rüssel aus Metall pusten sie grell glitzernde Giftwolken in die Landschaft.

Den größten Schaden aber fügen der Umwelt im Südwesten Kameruns internationale Unternehmen zu. So pflanzt etwa eine französische Firma bei Loum auf 3.000 Hektar Bananen an – leuchtend grüne Stauden, so weit das Auge reicht. Die Früchte werden fast ausschließlich nach Europa exportiert. Jeden Morgen dröhnen die Motoren der Flugzeuge über der Plantation du Haut Penja, einer der größten Bananenplantagen des Landes. Langsam schälen sich die Flieger aus dem Dunst der Berge und werfen tonnenweise Pestizide ab.

Die Einheimischen nennen den Goliath-Frosch „bébé“, weil er die Dimensionen eines Menschenkindes erreichen kann.

Fabian von Poser, Autor von Terra Mater
Wie der größte Frosch der Welt heranwächst

Kein Auto darf dann die Straße passieren. Die Anwohner sind aus Sicherheitsgründen angehalten, in ihren Häusern zu bleiben. „Doch Frösche haben keine Häuser. Das Gift wird bei tropischem Regen in die Flüsse gespült“, sagt der kamerunische Biologe und Amphibienexperte Nono Gonwouo. Er ist Mitglied der IUCN­Spezialistengruppe für Westafrika, hält an der Universität Yaoundé Vorlesungen über Biodiversität in Kamerun und arbeitet immer wieder für das LeibnizInstitut für Evolutions­ und Biodiversitätsforschung in Berlin. „Deshalb sieht man in dieser Gegend so gut wie keine Frösche mehr.“

Gemeinsam mit der fortschreitenden Zerstörung des Lebensraums der Frösche ist das eine teuflische Mischung, denn negative Umweltveränderungen und Pestizide machen die Tiere anfällig für Krankheiten. Wissenschafter haben seit einiger Zeit vor allem den Chytridpilz in Verdacht, ganze Froschpopulationen hinwegzuraffen.

In Südamerika und Australien hat der Pilz bereits ganze Waldstriche entvölkert und einige Arten an den Rand des Aussterbens gebracht. Der Pilz zerstört die sensible Haut, über die die Tiere atmen und Feuchtigkeit aufnehmen. Um herauszufinden, ob der Pilz auch dem Goliath­-Frosch zusetzt, nimmt Claude Miaud Hautabstriche und Speichelproben, wo er nur kann. Dann sieht man ihn in Gummistiefeln, seiner Hochwasserhose und mit einem Arsenal von Tupfern, Pinseln und Röhrchen durch den Wald pirschen.

Goliathfrosch Kamerun größter Frosch der Welt gefährdet Foto: Cyril Ruoso
Forscher Claude Miaud mit einem Goliath-Frosch: Die Arbeit des Wissenschaftlers hilft, das Leben der Tiere besser zu verstehen

Wissenschafter wie Miaud können helfen, das Leben der Tiere besser zu verstehen. Ihr Sterben verhindern können sie nicht. Es ist schwierig, vorherzusagen, was passiert, wenn es keine Goliath-­Frösche mehr gibt. „Wir können nur Vermutungen anstellen“, sagt Miaud. „Aber mit seiner langen Lebensdauer und den vielen unterschiedlichen Entwicklungsstadien vom Ei über die Kaulquappe bis hin zum ausgewachsenen Frosch, der ganz weit oben in der Nahrungskette steht, hätte sein Verschwinden sicher Einfluss auf zahlreiche Insekten­, Fisch­ und Säugetierarten.“

Dazu kommt, dass der Schutz von Amphibien weitaus komplexer ist als jener der emblematischen Säugetiere Afrikas. „Ein Elefant lebt viele Jahre und kann hunderte Kilometer wandern“, erklärt Miaud. „Wenn der Lebensraum eines Frosches zerstört wird, können sich die Tiere vielleicht ein bis zwei Kilometer fortbewegen. Stirbt an einem Ort eine einzige Generation Frösche aus, dann bedeutet das das Ende für die gesamte Population.“

Stirbt an einem Ort eine einzige Generation Frösche aus, dann bedeutet das das Ende für die gesamte Population.

Claude Miaud, Evolutionsbiologe und Genetiker

Es ist weit nach Mitternacht. Benebelt von der tropischen Schwüle stolpert André Kudhi immer noch durch den Wald. Das Netz hat er jetzt um den Hals geschlungen, die klobigen Bleigewichte baumeln wie Schmuck an seinem Körper. Plötzlich hört der Jäger in der Ferne einen Schuss. Er muss aus einem Gewehr stammen. Vielleicht hat jemand ein Krokodil erlegt. Oder eine Waldantilope. Auch Frösche werden immer öfter mit Gewehren gejagt. „Dann muss man nicht so nah ran“, sagt Kudhi. Doch Kudhi besitzt kein Gewehr. Auch deswegen ist er immer noch mit dem Netz unterwegs. Und mit wechselndem Erfolg. Geduld ist da ein zwingendes Gebot. Doch manchmal hilft selbst die nichts. „Gegen Ende der Trockenzeit im April und Mai wird es immer schwieriger, Frösche zu fangen“, sagt der Jäger. Was er nicht sagt, ist, dass die meisten Frösche in der Nähe seines Dorfes zu dieser Jahreszeit schlichtweg bereits weggefangen worden sind.

Als ein seidenfarbiger Streifen am Himmel den anbrechenden Tag ankündigt, treffen wir Kudhi im Dorf wieder. In seinem Sack zappeln vier lebendige Goliath-Frösche. Einer ist so groß, dass man ihn für ein mutiertes Monster aus einem Science-Fiction-Film halten könnte.

„2,5 Kilo, vielleicht ein bisschen mehr“, sagt Kudhi zufrieden. Die Jagd ist am Ende also doch noch von Erfolg gekrönt gewesen – alles eine Frage der Erfahrung. Kudhi möchte sein Wissen um die Froschjagd möglichst bald an seine Kinder weitergeben. Er war mit ihnen schon draußen im Wald und hat ihnen gezeigt, wie man die Bleigewichte positioniert und wie man das Netz wirft und es wieder einholt. „Natürlich werden sie auch Froschjäger“, ist Kudhi überzeugt. Dass die nächste Generation irgendwann keine Frösche mehr fangen könnte, weil ihnen der Mensch zu sehr zusetzt, daran will er nicht denken. Kudhi ist optimistisch. „Ein einziges Tier legt bis zu 2.000 Eier. Der Goliath-Frosch wird nie aussterben, er wird immer da sein.“

Es ist ihm zu wünschen, dass er recht behält.

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin 6/2015.

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