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Oman: Wenn die Wüste zum Paradies wird

Die Arabische Halbinsel ist eine der trockensten Gegenden der Erde. Doch einmal im Jahr streift der Monsun für wenige Wochen ihren Süden und verwandelt den Oman in ein grünes Paradies. Das Land erstrahlt in ungewohnten Farben – und die Menschen genießen den Regen.
Text: Fabian von Poser, Fotos: Alessandra Meniconzi / 6 Min. Lesezeit
Oman Monsun verwandelt Wüste in Paradies Foto: Alessandra Meniconzi
Wadi Darbat, Oman. Für zwei Monate im Jahr gleicht dieses Tal nahe der Küstenstadt Salala dank des Monsun-Einflusses dem Garten Eden. Wo sonst Staub und Dürre vorherrschen, entstehen verwunschene Picknickplätze.
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Das Wunder ereignet sich gleichsam über Nacht, aber doch regelmäßig jedes Jahr. Ende Juni treiben die Monsunwinde mächtige Regenwolken vom Äquator auch in den äußersten Süden des Oman, in den Küstenstreifen um die Stadt Salala. Dann verdunkelt sich der Himmel zu den finstersten Tagen des Jahres. An den bis zu 2.000 Meter hohen Flanken des Qara-­Gebirges steigt, in wattegleiche Wolken gehüllt, die Feuchtigkeit hoch, und kehrt als Regen zurück. Es sind keine nervösen Unwetter, die dann das Land überschwemmen, keine brachialen Sturzregen: Es ist ein friedlicher Sprühregen, der sich als Schleier über die Landschaft legt, sanft, jedoch beständig. Und mit für die Bewohner der Provinz Dhofar angenehmen Folgen: Für wenige Wochen verwandeln sich die Ausläufer der Wüste Rub al­-Chali, sonst geprägt von ausgedorrten Bergen und knochenharten Tälern, in eine Parklandschaft wie aus Tausendundeiner Nacht.

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Einmal Winter, einmal Sommer

Fahle Sanddünen, rostrote Felsen und staubgraue Pflanzenreste verwandelt das Wasser des Himmels in Kräuter, Gräser, Buschwerk und Blüten. Für wenige Wochen im Jahr verpackt Monsun die Landschaft in grünes Geschenkpapier.

Die Zauberkraft des Regens

Die Wüste Rub ­al­-Chali­ im Süden der Arabischen Halbinsel ist mit einer halben Million Quadratkilometer die weltgrößte Sandwüste. Ihr Name „Leeres Viertel“ bezeichnet einen der trockensten, menschenfeindlichsten Orte auf diesem Planeten. Mehr als zehn Monate regnet es nicht, flirrende Hitze und Temperaturen von 50 Grad und mehr bestimmen das Bild der Landschaft.

Im Juli und August hingegen regnet es im südlichsten Teil der Rub al­-Chali, dem Küstenstreifen am Arabischen Meer, an bis zu 22 Tagen im Monat. Hinter dieser offensichtlichen Laune der Natur steckt ein komplexes Klimaphänomen im Zusammenhang mit dem Monsun.

Monsun bedeutet auf Arabisch „Jahreszeit“, der Südwestmonsun-Ausläufer hier heißt Charif. Ab Juni treiben seine Winde, die als großflächige Luftströmung in den Tropen entstehen, das bis zu 28 Grad warme Oberflächenwasser des Arabischen Meeres in Richtung Nordosten. Dabei steigt das rund zehn Grad kältere Tiefenwasser nach oben. „Wo warme, feuchte Luftmassen auf kaltes Meerwasser treffen, kondensiert die Feuchtigkeit zu Wolken“, beschreibt Prof. Dr. Mojib Latif, Leiter des Forschungsbereichs Ozeanzirkulation und Klimadynamik am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. „Der Wind treibt diese Wolken dann gegen die Berge, wo sie ihre Feuchtigkeit als Steigungsregen abgeben.“

Überlebenswichtige Regenzeit

Das wesentliche Merkmal des asiatischen Südwestmonsuns ist der stetige Wind, der zweimal im Jahr seine Richtung ändert: Ab Juni trägt er feuchte Luft von Südwest nach Nordost, ab Dezember trockene Luft von Nordost nach Südwest. Die Meeresströmungen, die durch die Monsunwinde entstehen, sind seit Jahrhunderten bekannt. Mit dem Monsun gelangten frühe arabische Seefahrer nach Indien: Nur wegen dieser Winde konnten sie die wichtigste Handelsroute der damaligen Zeit entlang ihrer Küste und der ehemaligen Weihrauchstraße unter ihre Kontrolle bringen. „Im Sommer gelangte man mithilfe des Monsuns mühelos nach Indien – und im Winter ebenso mühelos wieder zurück“, sagt Professor Latif. Der Monsum ließ damit an Arabiens Küsten blühende Handelsstädte entstehen, etwa Maskat, Sur und Salala. Zudem bildet er seit Jahrhunderten die Basis des Lebens der Jebali, der Bergnomaden im Süden des Oman.

Nur durch die kurze Regenzeit können sie und ihre Dromedare überleben. Das Wasser versickert im zerklüfteten Kalkstein des Gebirges und füllt dort die Grundwasserreserven auf. Der Regen ermöglicht in dem gerade mal 250 Kilometer langen und zehn Kilometer breiten Küstenstreifen um Salala auch Ackerbau; selbst Obst gedeiht hier, Mangos, Papayas und Bananen.

Oman Monsun verwandelt Wüste in Paradies Foto: Alessandra Meniconzi
Selfie mit Wasserfall. Die Monsun-Variante im Oman ist nicht heftig, aber dennoch ergiebig. Wo sonst nur kahle Felswände aufragen, bilden sich für wenige Wochen Wasserfälle und kleine Seen, deren Reiz begeistert archiviert wird.

Klimaphänomen auch für Touristen

Vom Klimaphänomen profitieren längst nicht nur die Nomaden. Immer mehr Touristen genießen das angenehme Regenklima und bescheren der Region eine einzigartige Hochsaison. Denn während in Maskat, Riad und Doha im Juli und August Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius herrschen, ist es in Salala mit 25 Grad angenehm kühl. Das zieht Besucher von der ganzen Arabischen Halbinsel zur Sommerfrische an. Mehr als 500.000 Menschen machen sich jedes Jahr im Sommer auf den Weg nach Salala, schätzt die Stadtverwaltung.

Einer der beliebtesten Treffpunkte ist das Trockenflusstal Wadi Darbat auf mehr als tausend Meter Höhe, von Salala über eine kurvenreiche Straße gut erreichbar. SUVs, Pick­ups und Geländewagen, durchwegs luxuriös und beladen mit Menschen, Proviant und Campingutensilien, schlängeln sich in langen Kolonnen von der Küstenstadt die Serpentinen hinauf. Dort, wo zehn Monate im Jahr nur Staub liegt, tritt jetzt das Wasser durch den Karstboden zutage. Und das in erstaunlicher Üppigkeit.

Ein Unterschied wie Tag und 1000 und eine Nacht

Für viele Menschen ist der Monsunregen Charif ein Geschenk des Himmels, das einem Wunder gleichkommt.

Wasser, das vom Himmel kommt, ist auf der Arabischen Halbinsel selten

Kinder paddeln mit Tretbooten auf den neu entstandenen Flussläufen. Ganze Familien posieren für Selfies vor bis zu 20 Meter hohen Wasserfällen. Junge Männer in ihren traditionellen blütenweißen Dishdashas recken ihre Arme im Regen in den Himmel. Verschleierte Frauen greifen ungläubig nach den Tropfen und fangen die Pracht mit ihren Mobiltelefonen als Foto ein. Viele der Touristen haben noch nie Regen gesehen, doch sie genießen das Gefühl von feuchten Kleidern auf der Haut. Picknickdecken werden ausgebreitet, dampfender Pfefferminztee kredenzt, Kekse und selbst gemachte Falafel aus Proviantdosen geholt, manche haben sogar Lammfleisch und Hähnchenkeulen dabei – und grillen im Regen.

Die meiste Zeit des Jahres ist Salala trotz 130.000 Einwohnern ein verschlafenes Städtchen. Doch wenn im Hochsommer über 48 Tage lang das Charif-Festival gefeiert wird, das Monsun-Festival, kommt Stimmung auf. Bekannte Musiker und Bands, Dichter und Schauspieler aus der gesamten arabischen Welt treten dabei auf, und die zentrale Straße des 23. Juli verwandelt sich in einen stimmungsvollen Boulevard. Die Hotels sind dann ausgebucht, die Preise für Miethäuser steigen ins Exorbitante. Eine Vier-Zimmer-Wohnung kostet für gewöhnlich 50 omanische Rial pro Tag, das entspricht 115 Euro. Im Charif beträgt die Miete 100 Rial. Viele Gäste bleiben ein Monat und zahlen somit rund 6.900 Euro für ein einfaches Appartement.

Die, die für den Regen kommen

Das hat skurrile Auswirkungen: Im Juli und August versucht fast jeder in der Stadt, die eigene Wohnung gewinnbringend zu vermieten. Doch wo wohnen dann die Einheimischen? In einer Zeltstadt, die alljährlich von der Stadtverwaltung im Stadtteil Itin hochgezogen wird. 10.000 Menschen campieren hier, immerhin gibt es Strom- und Wasserleitungen, öffentliche Toiletten, Kinderspielplätze und sogar eine Polizeistation.

Vom Charif profitieren auch die Tiere. 450 Vogelarten, dazu Oryxantilopen, Berggazellen, Leoparden und Meeresschildkröten bevölkern den Küstenstreifen im Süden des Oman. Bei Wissenschaftlern für Aufsehen sorgt seit einigen Jahren vor allem eine einzigartige Population von etwa 80 Buckelwalen. Im Gegensatz zu anderen Artgenossen wandern die Tiere nicht tausende Kilometer auf der Suche nach Krill, sondern bleiben als einzige bekannte Population der Erde ihrem Standort auf den Hallaniyyat-Inseln etwa 120 Kilometer östlich vor Salala treu. Warum? Im Oman können die Tiere auf Reisen in kältere und somit nährstoffreichere Gewässer wie vor der Antarktis verzichten: Der Monsunwind wirbelt das kalte, nährstoffreiche Wasser ganz von allein heran. DNA-Analysen haben den Forschern gezeigt: Die Gruppe lebt hier isoliert seit tausenden von Jahren – und zwar derart isoliert, dass die Tiere sogar einen eigenen Gesang entwickelt haben, der sich markant von den Gesängen aller anderen Buckelwale unterscheidet.

Oman Monsun verwandelt Wüste in eine Paradies Foto: Alessandra Meniconzi
Jebel Samhan mit sich anstauenden Regenwolken. Auch wenn die Hänge der Wüstenberge wie tot wirken: Irgendwo schlummern doch Samen oder Pflanzen, die bereits die geringste Feuchtigkeit zum Leben erweckt.

Zwei Monate lang treiben die Monsunwinde die Wolken gegen das Qara-Gebirge und die benachbarten Bergketten. Dann aber lässt der Nieselregen plötzlich nach. Ab Anfang September schluckt die Sonne die Wolken. Wie auf ein unhörbares Signal hin verwandelt sich das mystische Zwielicht der Monsunzeit in gleissenden Sonnenschein. Das Wasser gewinnt seine fantastische türkise Farbe wieder, das tägliche Leben zerfließt in Schweiß. Das Grün schwindet so schnell wie es wenige Wochen zuvor gekommen ist. Zurück bleibt eine verdorrte Wüstenlandschaft. Die nächsten zehn Monate bestimmt sie das Bild des Oman.

Bis der Monsun wiederkommt – und mit ihm ein Paradies auf Zeit.

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