Querschnittlähmung: Der nächste Schritt

Ein Team der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne lässt – unterstützt von der Stiftung Wings for Life – Querschnittgelähmte aufstehen und gehen. Das ist noch keine Heilung, doch ein Meilenstein auf dem Weg dorthin.
Text: Werner Jessner, Fotos: Roman Burri & Konrad von Schubert / 6 Min. Lesezeit
Querschnittlähmung Heilung STIMO WingsforLife
Foto: Roman Burri & Konrad von Schubert
Der Weg zurück ist möglich: Sebastian Tobler, nach einem Fahrradunfall inkomplett querschnittgelähmt, lernt durch STIMO, die Elektrostimulation seiner Muskulatur, wieder gehen.

DER VIERFACHE SCHWEIZER VATER SEBASTIAN TOBLER WAR 43, als er mit dem Mountainbike in Gegenwart seines ältesten Sohnes Tom – auch er ein begeisterter Biker – stürzte. Ein relativ banaler Crash auf seinem Touren-Mountainbike, mit einem Helm auf dem Kopf, wie man ihn bei normalen Ausflügen ins Gelände trägt.

Tobler ist Familienmensch, konsequent, empathisch, kein Adrenalinjunkie, vielleicht ein bisschen. Einer, der Freude am Draußensein hat, der die Natur an sich und Bewegung in der Natur liebt – als Ausgleich für seinen leitenden Job an der Berner Fachhochschule, Fachgebiet Fahrzeugbau.

Dann der Sturz, über den er mittlerweile emotionslos reden kann: „Eine Welle, es hat mich ausgehoben, durch die hohe Sattelposition war der Überschlag nach vorn unvermeidlich. Beim Aufprall ist der Helm gebrochen, ich habe nicht mehr geschafft, mich abzurollen. Als ich wieder aufstehen wollte, habe ich von der Brustabwärts nichts mehr gespürt.“

Der Fachterminus für Querschnittlähmung, die alle vier Extremitäten betrifft, heißt Tetraplegie (sind nur die Beine betroffen, spricht man von Paraplegie). Sebastian hat eine sogenannte inkomplette Lähmung: Manche Nervenbahnen sind nicht völlig durchtrennt, irgendwo können sich noch elektrische Impulse durchzwängen.

Wie im normalen Leben gilt bei Querschnittgelähmten ganz besonders: Jeder ist anders. Sebastian Tobler beschreibt sein Körpergefühl so: „Bis zur Brust spüre ich alles ganz normal. Je weiter nach unten es geht, desto weniger Oberflächengefühl ist tendenziell vorhanden. Manchmal bemerke ich mit geschlossenen Augen an einigen Stellen am Bein, ob mich jemand berührt. Werde ich auf die Füße gestellt, spüre ich so etwas Ähnliches wie Druck. Andere Körperteile antworten überhaupt nicht.“

Die motorische Funktion der Arme und Hände ist bei Tobler – für einen Tetraplegiker – noch sehr gut erhalten: „Mein größtes Problem ist der Kreislauf.“ Ein bekanntes Phänomen: Viele Rollstuhlfahrer brauchen morgens lang, um in Schwung zu kommen. Sebastians Herz schlägt nur noch mit maximal 98 Schlägen pro Minute, was zu dem bizarren Effekt führt, „dass ich trainieren kann, bis mir schwarz vor Augen wird, aber jemand, der meine Herzfrequenz überwacht, könnte meinen, ich sei noch im grünen Bereich.“

Diese Voraussetzungen – und das Mindset eines Sportlers, der in den ersten vier Jahren im Rollstuhl härter trainiert hat als die Jahre zuvor – haben Sebastian Tobler zu einem der ersten drei Patienten von Professor Grégoire Courtines revolutionärer Methode STIMO gemacht: Dabei bekommt die beschädigte Nervenbahn durch externe Impulse einen Bypass. Ein implantierter Impulsgeber aktiviert dabei präzise jene Nervenbahnen, die die Beine für die Befehle zum Gehen brauchen.

Wie STIMO funktioniert, ist einfach erklärt:

  1. Das beschädigte Rückenmark verhindert, dass die vom Gehirnausgehenden Impulse in den Extremitäten ankommen.

  2. Ein implantierter Impulsgeber (Neurostimulator) schickt über eine auf der Rückenmarkshaut sitzende Elektrode elektrische Signale (Detail) in den unverletzten Teil des Rückenmarks unterhalb der traumatisierten Stelle, etwa den Befehl zum Losgehen.

  3. Die STIMO-Elektronik wird per Voice-Control-System und über eine Smartwatch aktiviert und gesteuert.

  4. Der magische Moment: Die durch die Elektrostimulation präzise aktivierten Nervenbahnen „erwachen“ gleichsam und beginnen wieder in Richtung verletzter Stelle zu wachsen.

Gehenlernen ist Schwerarbeit, die glücklich macht

In der Regel trainiert Sebastian Tobler dreimal pro Woche, im Schnitt 20 Stunden neben dem normalen 40-Stunden-Job und der Familie. Zusätzlich hat er ein Trike für Gelähmte konstruiert, das geländetauglich ist und Arme wie Beine bewegt – letztere mit einem eigenen Programm seines implantierten Geh-Gehirns. Die wichtigen Atemübungen absolviert er zwischendurch, etwa während er auf Kollegen wartet. „Ich will nicht in meinem Rollstuhl in einem Restaurant sitzen, wenn ich in der gleichen Zeit etwas zur Verbesserung meiner körperlichen Restfunktionen tun kann.“

Salle 3025, dritte Etage des orthopädischen Krankenhauses in der Avenue Pierre Decker, Lausanne. Vor der Tür Krankenhaus-Linoleum und lange Gänge, drinnen Rockmusik. Sebastians Trike im Eck. Eine lange Tischreihe mit Computern, eine Liegefläche, ein Barren. Die Fensterfront nach Süden, zwei Patienten trainieren. Einer, dessen Verletzung weniger gravierend war als die Sebastians, geht unter präziser Kontrolle seiner Physiotherapeutin auf einem Laufband und beobachtet im Spiegel die eigenen Schritte.

Sebastian hat sich umgezogen, seine Betreuerin montiert mit Klettbändern orthopädische Stützen an die Sprunggelenke: „Die Gefahr, dass er beim Gehen umknöchelt, ist ohne sie zu groß.“ Auf der rechten Seite seines Bauches sitzt eine kleine Narbe: Darunter ist der Impulsgeber implantiert. Die Kabel, die zu den Elektroden an der Wirbelsäule führen, kann man durch seine Haut fühlen.

Tobler setzt sich über die Ellbogen auf, schwingt sich in den Rollstuhl – klassische Bewegungsmuster eines geübten Gelähmten. Nun wird das Gestell für den FLOATan ihm befestigt, eine Art Motorkran, der in einer Schiene an der Decke geführt wird und dazu dient, Gewicht von Sebastians noch schwachen Beinen zunehmen. Jetzt wird das Hilfssystem auf 50Prozent eingestellt: Bei seinem Körpergewicht von 70 Kilo müssen Sebastians gelähmte Beine 35Kilo tragen – und in dem Moment, wo er ein Bein vor das andere setzt, eines diesen Wert ganz allein.

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Foto: Roman Burri & Konrad von Schubert
Der Traum des Sebastian Tobler. „Eines Tages möchte ich über einen Waldboden gehen“, nennt der nach einem Radunfall querschnittgelähmte Sebastian Tobler – hier mit STIMO-Entwickler Professor Grégoire Courtine – das Endziel seiner Rehabilitation.
Eines Tages möchte ich über einen Waldboden gehen.
Sebastian Tobler, nach einem Fahrradunfall inkomplett querschnittgelähmt

Bevor alle zu ehrfürchtig werden, holt sie Professor Courtines Humor ein. Der 44-Jährige, der in seiner Jugend ein wilder Snowboarder war und der es bis in den Kletter-Weltcup geschafft hat, stürmt ins Labor und verströmt geradezu eine Aura der Leichtigkeit. Tobler und Courtine sind ein eingespieltes Team, sie reißen Witze; fast meint man, in den Fitnessraum eines sportlichen Trainingslagers geraten zu sein. Die nächste Stunde ist eine Mischung aus Staunen (die Beobachter), Analyse (das Team) und Kämpfen (Sebastian). Ein Sender wird in einer Bauchtasche um Sebastians Taille geschnallt, dann über Bluetooth per Smartphone angesteuert.

Programm eins: aufstehen. Sebastian erhebt sich mit FLOAT-Unterstützung aus eigener Kraft aus seinem Rollstuhl. Ein berührender Moment, Sebastian Tobler hingegen bleibt ganz cool, mit der Routine tausender bereits absolvierter Wiederholungen: „Am Anfang hatte ich Probleme mit dem Kreislauf, und ich musste mich nach vier Jahren des Sitzens wieder an die neue Optik von hier oben gewöhnen.“

Inzwischen kann er schon eine Hand vom Barren nehmen oder überhaupt frei stehen, bis ihn der Gurt des FLOAT vor dem Um-fallen rettet.

Programm zwei: gehen. Der Impulsgeber, das im Bauch implantierte Gehirn, gibt an den unverletzten Teil des Rückenmarks unterhalb der verletzten Stelle den Befehl zum Losgehen. Das rechte Bein schwingt vor, dann das linke, noch recht ungestüm. Mit jedem Schritt wird es geschmeidiger. Sebastian ist nicht gänzlich ferngesteuert, kontrolliert seine Bewegungen durchaus auch willentlich, und es wird immer besser. Die noch vorhandenen Nerven zu stimulieren und zu kontrollieren – darum geht es. Außerdem sollen Muskeln an den Beinen aufgebaut werden. Tatsächlich zeichnen sich bereits zarte Muskelpakete unter den Shorts ab, Ergebnis der Mühen. Einmal im Gehen fällt auf, dass Sebastian die Knie nicht völlig durchstrecken kann: Die elektrische Stimulation aktiviert Muskelbündel im Gesamten und damit manchmal eben auch den Gegenspieler. Man unterschätzt, welch komplizierter Bewegungsablauf der menschliche Gang ist. Sebastian Tobler setzt sich freilich das größtmögliche Ziel: „Eines Tages möchte ich über einen Waldboden gehen.“

Bei Sebastian Toblers steiler Lernkurve, bei künftigen Verbesserungen an der Steuerungselektronik von STIMO und Toblers Trainingsethos scheint es nicht ausgeschlossen, ihn eines Tages tatsächlich mit seiner Familie und auf eigenen Beinen im Wald bei Bern zu begegnen. „Ich sehe nicht die Fortschritte. Ich sehe die Möglichkeiten“, sagt Sebastian Tobler, bevor er ins Auto steigt. Präziser lässt sich der Spirit von Salle 3025 nicht zusammenfassen.

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