Nachrichten aus der Steinzeit

In Namibia entdeckt ein ehemaliger Landvermesser eine der reichsten Ansammlungen von Felsgravierungen in Afrika. Terra Mater beobachtete die Archäologen beim Entziffern der Botschaften.
Text: Fabian von Poser, Fotos: Andreas Balon / 8 Min. Lesezeit
Namibia Felszeichnungen Steinzeit Foto: Andreas Balon
10.000 Jahre alt: Frühzeitliche Jäger gravierten in Namibia Tierdarstellungen in einen Felsen, vielleicht als Vorzeichen für reiche Beute.

Die karge Wüstenlandschaft hier im Nordwesten Namibias ist menschenleer. Zumindest fast: Ein genauer Beobachter kann gegen den braun-staubigen Horizont zwei Gestalten ausmachen. Vorneweg marschiert Joe Walter, ein pensionierter Landvermesser und passionierter Felsbild-Fan. Hinter ihm Peter Breunig, Professor für afrikanische Archäologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Es ist ein Spätsommertag in einer der trockensten Gegenden der Erde. Das Thermometer zeigt 41 Grad, die Hemden der Männer sind vom Schweiß dunkel verfärbt. Als sie schließlich einen Felsvorsprung erreichen, lassen sich die beiden auf Knie und Hände nieder und kriechen unter den überhängenden Felsen. Suchend blicken sie nach oben – und entdecken das Ziel ihres mühsamen Marschs. Über ihnen spannt sich ein Himmel voller wundersamer Felsbilder: Ein filigran gezeichneter Springbock ist zu erkennen, stilisierte, spinnenbeinige Menschen, daneben zwei rote Elefanten, über und über mit weißen Punkten versehen.

Für moderne Augen sind die Zeichnungen schlicht Kunstwerke. Das macht sie zum Teil eines Kunstschatzes, der bis heute der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist und dessen Ausmaß die Wissenschaftler erst langsam erkennen. 61 Fundstellen entdeckte Walter, 142 weitere Funde gelangen Breunig und seinen Mitarbeitern, die sich jetzt um die fachgerechte Dokumentation und Analyse der Darstellungen kümmern.

Der Formenreichtum ist erstaunlich: Da gibt es einfache Symbole, aber auch höchst lebendig wirkende Darstellungen von Wildtieren – Nashörnern, Giraffen und Elefanten. Manche davon sind klein wie ein Handteller, andere wiederum mehrere Meter groß. Die meisten Zeichnungen sind in den weichen Stein graviert. Einige wenige wurden mit Farbe aufgetragen.

Der Spürsinn des Fährtenlesers

Der Deutsche Archäologe Peter Breunig dokumentiert und untersucht in Namibia die Felsgravuren und -malereien mit modernsten Methoden: Gemeinsam mit seinem Team erstellt er orthogonale Fotos aus bis zu 500 Einzelbildern, produziert mithilfe von Drohnen 3D-Modelle der Landschaft und fertigt UV-Aufnahmen an.

Zusätzlich testen die Forscher auch eine erst selten für Felsbilder angewandte Datierungsmethode. Mit diesem aufwendigen Verfahren – genannt Optisch Stimulierte Lumineszenz-Datierung (OSL-Datierung) – können die Forscher bestimmen, wann zuletzt Sonnenlicht auf eine Felsoberfläche gefallen ist. Wenn nun eine Steinplatte mit einer Gravur in den Sand gestürzt ist, lässt sich mit dieser Methode ein Mindestalter der Gravur ermitteln. Die ersten Felsproben liegen nun bei Susanne Lindauer vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim.

Namibia Felszeichnungen Steinzeit Foto: Andreas Balon
Die Mik-Berge im Nordwesten Namibias: Die Erforschung der Felszeichnungen soll Aufschluss geben über das Leben während der Steinzeit.

Aber noch ist Breunig mit seinen Mitarbeitern damit beschäftigt, die Felsdarstellungen zu inventarisieren. Klar ist schon jetzt: Der Fund stellt viele der bekannten Fundstellen in Namibia in den Schatten. Bisher haben Joe Walter und Peter Breunig nur wenige Vertraute und Forscherkollegen zu dieser Schöpfung geführt. Zu groß ist ihre Sorge, dass neugierige Besucher die Werke beschädigen, bevor sie nach allen Regeln der Wissenschaft dokumentiert worden sind. Das Terra Mater Magazin ist das erste Medium, das umfangreich von diesen Felsbildern berichten darf.

Auch sonst ist Peter Breunig vorsichtig, etwa bei der Datierung. Einige der Darstellungen könnten gut 10.000 Jahre alt sein, schätzen die Forscher. Andere sind möglicherweise erst vor 500 Jahren entstanden. Nun wollen Breunig und seine Mitarbeiter Proben ziehen, die dann später in Deutschland datiert werden sollen. Erst dieses Verfahren könnte Gewissheit bringen. Doch unabhängig von ihrem Alter beeindrucken die Muster und Tierdarstellungen auch beim Anblick mit freiem Auge: Sie erlauben einen kleinen Einblick in die steinzeitliche Lebenswelt der Menschen im südwestlichen Afrika.

Es hat mich umgehauen, was ich hier zu sehen bekam.

Joe Walter, pensionierter Landvermesser und passionierter Felsbild-Fan.

Welche Bedeutung die Zeichnungen für ihre Schöpfer ganz genau hatten, werden wir allerdings naturgemäß niemals erfahren: Zeichneten etwa Jäger jene Tiere, die sie möglichst bald erlegen wollten? Schufen sie ihre Werke aus reiner Freude am Dekorieren? Oder ritzten sie die Bilder aus bloßer Langeweile in den Stein, während sie auf Beute warteten?

Schatzsucher in der Wüste

Die Entdeckung des Bilderkosmos begann im Jahr 2000. Mit dem Spürsinn eines Fährtenlesers suchte Joe Walter auf Online­-Satellitenaufnahmen nach Landschaften in seiner namibischen Heimat, die für Jäger und Sammler in grauer Vorzeit attraktiv gewesen sein müssten. In den Mik-­Bergen entdeckte er ein Areal, das ihm so vielversprechend erschien, dass er noch im Dezember – also zur Zeit der größten Hitze – mit seiner damaligen Frau aufbrach.

Verwittertes Gestein und staubtrockene Erde bedecken den heute unbewohnten Ort. Nischen und Felsüberhänge hatten den Jägern und Sammlern Schutz vor Wind und Sonne geboten. Von den Anhöhen aus hatten sie nach Beute Ausschau halten können.

An dem Ort, den Joe Walter „Backenzahn“ nannte, untersuchten er und seine Frau erstmals überhängende Felsformationen und fanden sie mit Malereien verziert. „Es hat mich umgehauen, was ich hier zu sehen bekam“, erinnert sich Walter an diesen Moment. Die Zeichnungen hatten in diesem trockenen Klima tausende Jahre praktisch unversehrt überdauert. Immer mehr Felsbilder entdeckte er in der Folgezeit.

Walter nahm die GPS-­Daten auf und kümmerte sich darum, dass sein Fund wissenschaftlich untersucht wird.

Namibia Felszeichnungen Steinzeit Foto: Andreas Balon
Ausgangspunkt der Forschungsarbeit: Camp der Wissenschaftler in den Mik-Bergen.

Jetzt ist er regelmäßig mit niemand Geringerem unterwegs als mit Peter Breunig, einer Koryphäe für afrikanische Archäologie. Immer wieder besuchte der seither diese entlegene Region Namibias, um hier Pilotstudien vorzunehmen. Er durchstöbert jeden Winkel, verortet, dokumentiert. Inzwischen kennt er die Gegend. Seit 2017 unterstützt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die systematische Erfassung dieser Bilderwelten.

Mittlerweile haben die Forscher über 200 Fundstellen mit fast 10.000 Einzelbildern ausgemacht und dokumentiert. Schon die schiere Menge der Gravierungen und Malereien verdeutlicht den Stellenwert der Bilder. Zum Vergleich: In Twyfelfontein, der bekannten Fundstelle steinzeitlicher Felszeichnungen ebenfalls im Nordwesten Namibias, entdeckte man 2.500 Gravuren und Malereien – und dieses Gelände zählt seit 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Namibia Felszeichnungen Steinzeit Foto: Andreas Balon
Eindeutig erkennbar: ein Nashorn in seiner ganzen Pracht.

Die meisten Jäger und Sammler besaßen nicht viel mehr, als sie tragen konnten, lebten in kleinen Familienverbänden und waren ständig unterwegs.

Joe Walter, pensionierter Landvermesser und passionierter Felsbild-Fan.

Archäologie verlangt Ausdauer. Zwei Monate ist Breunig mit seiner Frau und drei Doktoranden aktuell unterwegs, um zu katalogisieren und zu dokumentieren. Kein fließendes Wasser, kein Handyempfang, kein Internet. In ihren Autos stapeln sich Kisten voller Konserven, Kanister mit Trinkwasser, Solarzellen, Kameras und Computer. Geschlafen wird im Zelt. Wer hier forscht, braucht asketische Hingabe und das Talent zu logistischen Meisterleistungen.

Vom Sinn der Bilder

An einem dieser Tage stehen Breunig und seine Frau in einer 300 Meter langen Schlucht, an deren Ende eine Wasserstelle liegt: Rhino Spring. Die Quelle hat wohl über Jahrtausende Menschen und Tiere angezogen. Aus der Steinwüste ringsum schälten sich in Jahrmillionen gerundete Felsrücken. Sie sind übersät mit Gravuren: Springböcke, Oryxantilopen, Elefanten, Giraffen, Nashörner. Breunig ist umschwärmt von Mopane-Bienen, die versuchen, den Schweiß auf seiner Haut aufzusaugen. Es weht ein Wind, der nicht kühlt. Doch der 65-Jährige und seine Frau verorten, vermessen, fotografieren, kartieren und nummerieren jede einzelne Gravur. Stunde um Stunde, Tag um Tag.

Wer aber hat diese Bilder geschaffen? Aus Untersuchungen in Twyfelfontein und anderen Fundstellen ahnen die Archäologen zumindest, wie man sich das Leben in jener Zeit vorstellen kann. „Wir sind sicher, dass die Felsbilder von Jägern und Sammlern geschaffen wurden“, sagt Breunig. „Die meisten von ihnen besaßen nicht viel mehr, als sie tragen konnten, lebten in kleinen Familienverbänden und waren ständig unterwegs.“ Es könnten Vorfahren der San gewesen sein, das sind Mitglieder der bis heute bestehenden ältesten Ethnie im südlichen Afrika; oder es waren Damara, ebenfalls eine der ältesten Volksgruppen mit Siedlungsgebiet Namibia.

Welchen Nutzen hatten die mühevoll erstellten Bilder tatsächlich? Einige Wissenschaftler vermuten, dass sie von Schamanen stammen, die verewigen wollten, was sie in Trance erfahren hatten. Tatsächlich wirken einige der Motive ziemlich psychedelisch: Einmal sieht man mysteriöse Punktwolken in den Stein gekratzt, ein andermal sind Wesen mit menschlichen und zugleich tierischen Körperteilen zu erkennen.

Zu den Kennzeichen des menschlichen Bewusstseins gehört das symbolische Verhalten. Bilder stellen den Inbegriff symbolischer Ausdrucksweise dar.

Joe Walter, pensionierter Landvermesser und passionierter Felsbild-Fan.

Breunig hält dagegen, dass die allermeisten Darstellungen doch sehr naturalistisch sind. Seine Theorie: „Möglicherweise sind die Tierdarstellungen als Manifestation des Anspruchs auf hier vorhandene Ressourcen zu verstehen.“ Schließlich war das Gebiet dank seiner Quellen wohl schon vor Jahrtausenden ein „ökologischer Gunstraum“ (Breunig) – und damit für die Menschen zu bestimmten Jahreszeiten ein ertragreiches Jagdrevier. „Hier fanden sie tierische Nahrung, ohne dass sie der Beute tagelang durch die Wüste folgen mussten.“

Irgendwann betrachteten die Menschen ihre Umgebung wohl mit anderen Augen. „Wir können von einer kognitiven Entwicklung sprechen“, meint Breunig, „im Homo sapiens erwachte das Bewusstsein für Veränderungen im Leben, auf die niemand Einfluss hatte – wie den Lauf der Zeit, Vergangenheit und Zukunft, aber auch Fragen zur Entstehung der Welt, zum Tod.“ Das manifestiert sich vor allem in der Kunst. „Zu den Kennzeichen des menschlichen Bewusstseins gehört das symbolische Verhalten. Bilder stellen den Inbegriff symbolischer Ausdrucksweise dar.“

Namibia Felszeichnungen Steinzeit Foto: Andreas Balon
Alte Meister: Diese Felsgravuren in den namibischen Mik-Bergen sind möglicherweise an die 10.000 Jahre alt.

Doch damit nicht genug. „Die Endlichkeit des eigenen Lebens zu erkennen muss zwangsläufig Fragen nach Mächten, die außerhalb unserer Kontrolle stehen, aufgeworfen haben“, sagt Breunig. Die frühen Menschen hätten nach der Ordnung der Welt gesucht, nach den Mächten, die sie erschuf und erhält, nach Wegen, mit ihnen in Kontakt zu treten, um sie zum positiven Eingriff in das eigene Leben zu bewegen. „Es mag weit hergeholt erscheinen, aber irgendwann muss sich ein Göttergedanke entwickelt haben“, überlegt der Forscher. „Vielleicht müssen wir die Felsbilder auch aus dieser Perspektive betrachten.“

Neue Funde

Immer noch finden die Forscher neue Felsbilder. Erst jüngst haben Breunig und seine Doktoranden ein ganzes Tal voller Gravuren entdeckt, das sie wegen des grauen Dolomitgesteins „Grey Canyon“ nennen. Der vielleicht spektakulärste Fund aber glückte Joe Walter: In einem schwer zugänglichen Talkessel von mehr als zwei Kilometern Durchmesser stieß er 2010 auf eine Fülle von Gravierungen.

Die erste Inventur der Bilder im „Amphitheater“ im Jahr 2015 umfasst beinahe 1.500 Felsbilder, darunter außergewöhnliche Werke wie eine Giraffe, mit dreieinhalb Metern die größte bekannte Gravierung Namibias. Außerdem noch mehrere ebenfalls fast lebensgroße Elefanten sowie eine acht Meter lange Wand mit einer bis dato einzigartigen Dichte von mehr als 330 einzelnen Gravierungen, die die Forscher „Newspaper Wall“ tauften.

Anhand der Patinierung und der Stellung der Werke neben- und übereinander können die Wissenschaftler erkennen, in welchem zeitlichen Ablauf die einzelnen Bilder entstanden sind, und sie haben eine Steinzeit-Stilkunde erstellt.

Namibia Felszeichnungen Steinzeit Foto: Andreas Balon
Akribie ist Pflicht: Eine Archäologin dokumentiert neu entdeckte Felszeichnungen.

Die ältesten Darstellungen sind schlichte Symbole wie Dreiecke oder Kreise. Ihnen folgt die Hochphase der Felskunst, aus der die zum Teil filigranen Tierdarstellungen stammen. Danach kam eine dritte Phase, in der die Kunstfertigkeit abnahm. In dieser Epoche entstanden meist schlichtere Tierbilder.

Vorsichtige Deutung

Jene Bilder, die eine Exkursionsteilnehmerin von Breunig nahe der „Newspaper Wall“ fand, stammen aus der Hochphase der Felskunst: ein sieben Meter langer Fries, auf dem Tiere dargestellt sind, daneben Menschen mit weit von sich gestreckten Armen. „Etwas Vergleichbares ist uns bislang in Namibia nicht bekannt“, sagt Breunig. Wegen der kräftigen Figuren, die offenbar besser genährt sind als viele der an anderen Fundstellen abgebildeten Menschen, nannten die Wissenschaftler den Ort später scherzhaft „Götterplatte“.

Doch auch an diesem einzigartigen Fundort hält sich der Archäologe mit Deutungen zurück. „Wir brauchen nur unsere eigenen Symbolsprachen anzusehen: Können wir allein aus den Objekten christlicher Symbolik wie dem Kreuz, dem Altar und einer Frau mit Kind im Arm die komplexe christliche Glaubenswelt verstehen?“

Abends sitzen die Archäologen auf Campingstühlen vor ihren Zelten zusammen. Die Sonne versinkt hinter den Hügeln. Zum Abendessen brät Breunig Antilopensteaks, Jazz perlt aus den Boxen. „Archäologie darf auch Spaß machen“, sagt der Wissenschaftler. Sobald das Feuer erlischt und es ganz dunkel wird im Camp, spannt sich ein für Mitteleuropäer beeindruckender Sternenhimmel über die Zelte.

Namibia Felszeichnungen Steinzeit Foto: Andreas Balon
Eindeutig erkennbar: Die Felsritzungen zeigen Menschen und Tiere.

Man fühlt sich in diesen Momenten den Frühmenschen, die hier einmal lebten, seltsam nah. Die Jäger und Sammler waren in dieser kargen Landschaft perfekte Überlebenskünstler. Vermutlich verließen sie den Ort aber auch irgendwann genau wegen seiner Kargheit.

Als wir am letzten Tag das „Amphitheater“ verlassen und uns an den Abstieg machen, sind wir überwältigt von diesen Bildern. In ihnen taucht etwas längst verloren Geglaubtes auf: die Klarheit und Einfachheit des Lebens.

Ganz wesentliche Eigenschaften von Tieren wie Elefanten und Nashörnern sind mit wenigen Strichen wiedergegeben. Die Bilder spiegeln damit eine berührende Wahrhaftigkeit wider. Walters und Breunigs Entdeckungen sind damit nicht nur Funde von Weltrang, sondern auch faszinierende Erinnerungen an die frühen Tage des modernen Menschen: Sie geben uns eine Vorstellung vom vergessenen Leben unserer Vorfahren.

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin 4/2018.

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