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Peru: Giftiges Gold

La Rinconada ist kein Ort für zarte Seelen: Die höchstgelegene Goldmine der Welt hat über 80.000 Glücksritter auf 5.100 Meter Seehöhe gelockt. Die Gier nach schnellem Reichtum vergiftet inzwischen nicht nur die Atmosphäre in der peruanischen Kleinstadt, sondern auch den nicht weit entfernten Titicacasee.
Text: Michael Stührenberg, Fotos: Pascal Maitre / 16 Min. Lesezeit
Giftiges Gold höchtgelegene Mine Peru Titicacasee Foto: Pascal Maitre
Goldbergwerk in La Rinconada, Peru: Der Weg in die Mine führt durch meterdickes Eis. Es muss ständig weggehackt werden, sonst friert der Eingang wieder zu.
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„VERSTECKT EUCH!“, zischt Rubén, der Quechua-Inka, im Bauch des Monte Ananea. Aber er lächelt, seine goldenen Schneidezähne glänzen im Schein der Grubenlampe. Was unter den gegebenen Umständen ja fast emblematisch wirkt. Dieser Berg ist eine Goldmine, die höchstgelegene der Welt. Schon vor über einem halben Jahrtausend schürften Rubéns Ahnen, die Untertanen des Großen Inka Atahualpa, hier in den peruanischen Hochanden. Allerdings mit ganz anderen Werkzeugen. Gerade deponiert einer der insgesamt fünf Mineros Dynamitstäbe in der Nische, die sie zuvor mit Presslufthammer und Meißel ins Erzgestein geschlagen haben. Dann hantiert er verdächtig mit einem Zünder: „Noch genau zwei Minuten bis zur Explosion“, teilt Rubén mit. „Alle Mann in Deckung!

Die anwesenden Nicht-Inka – der französische Fotograf Pascal Maitre, der peruanische Journalist Carlos Fernández Baca und ich – rennen los wie aufgeschreckte Hühner, jedoch in ungewollter Zeitlupe. In 5.300 Meter Höhe hört der Körper nicht so recht auf den Kopf. Schon die geringste physische Anstrengung versetzt einen in akute Atemnot, verbunden mit radikalem Energieschwund. Auch Denken und Sprechen in zusammenhängenden Sätzen gelingt nicht immer. Deshalb haben wir ja Sauerstoff in Spraydosen dabei. „Dreimal kurz in den Mund sprühen, und gleich geht’s besser“, hatte die Verkäuferin in der Apotheke am Titicacasee versprochen. Aber dies ist nicht der geeignete Augenblick für Sprühversuche. So schnell es eben geht, folgen wir dem dunklen Stollen zurück in Richtung Ausgang.

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Die Goldgräberstadt La Rinconada: Die Oberwelt für die Unterwelt

„Wir müssen eine Biegung finden“, schnauft Carlos mit bestechender Logik. Die Sprengung, warnte Rubén eben noch, werde nicht nur Steinsplitter durch den Tunnel schleudern. Sondern auch noch einen Sturm aus Staub und Giftgasen hinterher jagen. Dann stülpen er und seine Leute sich Schutzmasken über Mund und Nase. Wieso haben wir eigentlich keine?

Wir erreichen die nächstgelegene Biegung kurz vor dem Knall, vermummen unsere Gesichter rechtzeitig mit Schals und Hemdkragenzipfel. Die Staub- und Gaswolke streift uns mit einem kalten Hauch, dann beruhigen sich Herz und Atem wieder. Está loco, total verrückt, findet Carlos. Da hat er recht. Ich würde sogar noch weiter gehen: Die heute erlebte Verrücktheit ist Teil eines größeren Wahnsinns, der den Namen La Rinconada trägt. Und er gefährdet weit mehr als nur die Gesundheit von drei Reportern im Goldberg der Inka. Doch das ist eine längere Geschichte.

Im Land des eisigen Morgens

Zehn Tage zuvor. Gegen halb acht in der Früh wirft Wilber Suaña Coyal den Motor seines überdachten Holzschiffs Enlace („Anschluss“) an, nimmt eine Ladung Touristen an Bord und verlässt den Hafen von Puno auf einer silbern glitzernden Wasserstraße, die vom Stadtufer ins Herz der Sonne führt. Natürlich ist dies nur eine Illusion, von dem noch niedrig stehenden Tagesstern auf die Oberfläche des Titicacasees gezaubert.

Aber sie stimmt perfekt auf das Ziel unserer Fahrt ein: die schwimmenden Inseln der Uros, jener – laut Kapitän Wilber – „letzten Nachfahren einer ersten Menschheit“. Ich hätte einen dickeren Pullover mitnehmen sollen. Auf dem peruanischen Altiplano, in 3.800 Meter Höhe, sind die Morgenstunden eisig, egal ob im Winter oder Sommer. Wilber, der Uro, steht kurzärmelig auf dem Bootsdach. Gelassen gleitet sein Blick über die vor dem Bug dümpelnden Abfälle. Die Bucht von Puno, las ich beim Frühstück, müsse täglich 13 Kilo Müll pro Anrainer schlucken. Doch der Kapitän interessiert sich eher für ein großes Schilffeld, vor dem sich die Abfälle stauen. „Totora“, sagt er, „dieser Schilfart verdanken wir Uros, dass wir noch immer so leben können wie die Kinder der ersten Menschheit.“

Der Schilfart Totora verdanken wir Uros, dass wir noch immer so leben können wie die Kinder der ersten Menschheit.

Wilber Wilber Suaña Coya, ein Angehöriger vom indigenen Volk der Uros

Das ist sein Lieblingsthema. Vor sehr langer Zeit, glauben die Uros, lag an der Stelle des Titicacasees ein paradiesisches Tal, in dem Menschen glücklich unter dem Schutz der Berggötter, der Apus, lebten. Doch undankbar, wie unsere Spezies nun einmal ist, schickte sie sich an, den Göttern das Heilige Feuer zu stehlen. Zur Strafe entsandten die Apus menschenfressende Pumas.

Was wiederum dazu führte, dass die Sonne 40 Tage lang weinte. Aus der Sintflut jener Tränen entstand ein See, der alles noch übrige Leben ertränkte. Da ließen es die Götter gut sein und verwandelten die Pumas in Stein. Ein Menschenpaar jedoch hatte sich retten können: in einem Kanu aus Totora-Schilf. Aus diesem Paar erwuchs die neue Menschheit. „Die beiden tauften den See Titicaca“, schließt Wilber seine Geschichte. „Das bedeutet ‚See der Steinpumas‘. Seither ist hier die Heimat der Uros.“

Natürlich gibt es Alternativen zu dieser These. Die wahren Vorfahren der Uros, meint der peruanische Anthropologe Juan Palao Berastain, stammten vom Amazonas. Vor Jahrtausenden folgten sie dessen Nebenflüssen bis zu den Quellen in den Anden, durchwanderten dann die Hochebene zwischen den beiden Kordilleren und gelangten so zum Titicacasee. Dieser bot Nahrung und Schutz – und Totora zum Bau von Hütten, Kanus, ja ganzer Wohninseln, die den Uros derart vollkommen erschienen, dass sie den Veränderungen der weniger perfekten Welt am Ufer fortan lieber aus der Distanz zusahen.

„Auf die Uros folgten weitere Völker“, resümiert Berastain die vergangenen zwei Jahrtausende am Titicacasee. „Zunächst indianische wie die Kollas, Lupacas, Aymaras und Quechua-Inka. Dann Weiße in Rüstungen aus Eisen. Im 20. Jahrhundert hörten die Uros von einem ersten Menschen auf dem Mond. Und dann, dass Satellitenkameras in der Lage wären, sie sogar aus dem Weltall zu fotografieren. Und jetzt erleben sie, wie Menschen aus aller Welt zum Titicacasee kommen, um jene zu bestaunen, die noch immer auf schwimmenden Inseln leben.“

Von 4000 Inseln blieben 332

Mehr als 4.000 solcher Inseln zählten die Konquistadoren im 16. Jahrhundert, jetzt sind es noch 332. Nuevo Amanecer heißt eine von ihnen. Sie gehört Kapitän Wilbers Vetter Samuel Jilapa Suaño. Die „Neue Morgenröte“ bietet Platz für fünf Strohhütten, vier Erwachsene und etliche Kinder. Die Großfamilie ernährt sich von der Jagd auf Fische und Wasservögel – und auf Touristen. Mit einladender Geste weist Samuel auf ein Präsentiertischchen in Inselmitte, wo ein paar bescheidene Handarbeiten auf gutherzige Käufer warten.

Wir springen an „Land“. Stapfen über einen Boden, der sich wie Kaugummi anfühlt und unter allzu kräftigen Schritten schon einmal einbrechen kann. Wieso schwimmen die Inseln der Uros? Weil sie aus Kili sind, erklärt Samuel. Aus Wurzeln des Totora-Schilfs. Sie enthalten Sauerstoff. Presst man sie zusammen, werden sie zu Luftmatratzen.

Wahrscheinlich haben sich die Uros diesen Trick von den Wasservögeln abgeschaut; die bauen ihre Nester genauso. Und das Kili reicht für alle. Im Frühling reißen Überschwemmungen Massen von Schilfwurzeln aus dem Seeboden. „Wir brauchen sie nur einzusammeln“, sagt der Besitzer von Nuevo Amanecer im Tonfall eines totalen Glückspilzes. Zwei Frauen, die Wildenten fürs Mittagessen rupfen, bekunden ihre Zustimmung.

Ein Hauch der guten alten Zeit

Sind sie wirklich so glücklich, wie sie sich geben? Verstohlen blicke ich auf ihre nackten Füße im kalten Morgen. Auf den dürren Komfort ihrer Schlafhütten, der sich auf grobe Decken beschränkt. Auf ihre Küche, die der Feuerstelle von prähistorischen Höhlenmenschen gleicht. Strom? „Brauchen wir nicht“, winkt Samuel ab. Schließlich schauen die Bewohner der „Neuen Morgenröte“ weder fern, noch surfen sie im Internet. Trinkwasser? Kommt aus demselben See, der ihnen als Klärgrube dient. Also kein Problem.

„Wir mögen unser Leben so, wie es ist“, versichert der 64-Jährige. „In der Nacht blicken wir gern auf die fernen Lichter von Puno. Die sehen schön aus. Aber ihr Glitzern zieht uns nicht in die Stadt.“ Wilber pflichtet seinem Vetter bei: „Uros gehören auf Inseln.“

Der Titicacasee wird ermordet

Mag schon sein. Aber dem ganz großen Glitzern hat einmal sogar unser Kapitän nicht widerstehen können. Vor drei Jahren, erzählt er, als wir wieder auf seinem Bootsdach stehen und der Sonnenroute folgen, habe er hier alles stehen und liegen gelassen – seine Wohninsel, die Enlace, Frau und Kinder. Um sein Glück in einer Goldmine in den Hochanden zu suchen. „Ich war besessen von dieser Idee!“ Nach drei Wochen war Wilber wieder zurück, mit leeren Händen, doch beruhigtem Herzen: „Wie ein Verrückter habe ich da oben im Schnee gewühlt. Gefunden habe ich nur die Sehnsucht nach meinem See. Jetzt ist alles in Ordnung.“

Aber was, wenn es bald keinen Platz mehr für Schilfmenschen gibt? Die Goldmine La Rinconada – jene, die Wilber in die Berge gelockt hatte – ist ein heikles Thema in Peru, spannend wie ein Krimi. „Der Titicacasee wird ermordet“, glaubt Gilmar Goyzueta, ein Ökologie-Professor in Puno. „Die Tatwaffe ist Gift. Um das Gold aus dem Gestein zu lösen, benutzen die Mineros Quecksilber und Zyankali. Über den Río Ramis, der bei La Rinconada entspringt und in den Titicaca mündet, verseuchen diese toxischen Stoffe den See. Niemand hat eine Ahnung von den Ausmaßen dieser Katastrophe.“

Dies auch deshalb, weil sich kaum jemand den Kopf darüber zerbrechen möchte. Perus Wirtschaft boomt – mit Wachstumsraten, die sich mit jenen Chinas und Indiens messen können. Edelmetalle spielen dabei eine große Rolle. Früher galt Peru als „Bettler auf einer Bank aus Gold“. Das stimmt längst nicht mehr. 2012 förderte das Land 165 Tonnen Gold, fast ebenso viel wie Südafrika.

Das krasseste Beispiel für den peruanischen Goldrausch ist La Rinconada. Bis zur Jahrtausendwende war der am Ananea-Berg gelegene Ort nur ein Camp, wo ein paar hartgesottene Inka die Geröllfelder nach Goldgestein durchwühlten. Inzwischen ist La Rinconada die höchstgelegene Stadt der Welt, mit einer geschätzten Einwohnerzahl von 80.000.

Grund für die demographische Explosion war nicht etwa die Entdeckung einer neuen Goldader. Dass in den Eingeweiden des Ananea ein Schatz schlummert, wissen die Inka schon seit Ewigkeiten. „Sonnenschweiß“ nannten sie einst das aus dem Berg austretende Glitzerzeug. Die Konquistadoren legten am Ananea „königliche Minen“ an. Einen Goldklumpen, groß wie ein Pferdekopf und über 50 Kilo schwer, will ein Reisender des 16. Jahrhunderts dort gesehen haben. Doch irgendwann war es mit dem goldenen Überfluss vorbei. Die Minen wurden unter einer Eislawine begraben. Sie kam von dem Gletscher, der bis heute den Ananea krönt. Danach herrschte Ruhe am Berg. Geschürft wurde nur noch in der Ebene, am Fuß des Bergs. Untertagebau lohnte sich nicht. Dazu waren die Kosten zu hoch und die Goldpreise lange Zeit zu niedrig.

Dies änderte sich durch US-Präsident George W. Bush. Sein Krieg im Irak verschlang hunderte Milliarden Dollar. Es folgte die Subprime-Krise, die sich zur weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise ausweitete. Und wie üblich zog sich das Kapital aus dem schwachen Dollar ins Gold zurück. Dessen Wert, in US-Währung gerechnet, hat sich seit 2000 fast vervierfacht. Damit wurde der Untertagebau in La Rinconada plötzlich rentabel.

Ein Vollbad kostet 70 Cent

Mit dem Geländewagen sind es vier Stunden von Puno bis zur höchsten Stadt der Welt. Zum Glück begleitet uns Carlos Fernández Baca. Als Regionalkorrespondent der peruanischen Tageszeitung „El Comercio“ berichtet er oft aus La Rinco nada – meist über Themen wie Grubenunglücke, Gletscherlawinen und Raubüberfälle.

Unsere Fahrt ist ein stufenweises Eintauchen in die Welt der Goldgräber. Das erste Etappenziel ist Juliaca, mit 230.000 Einwohnern Perus größte Stadt am Titicacasee. Für Reisende besitzt sie keinen Charme. Anders für die Schürfer. Wer in La Rinconada reich wird, stellt dies in Juliaca zur Schau. Die „Stadt der Winde“, wie sie aufgrund ihrer ungeschützten Lage auch genannt wird, scheint zur einen Hälfte aus Geschäften, Bars und Discos zu bestehen – zur anderen aus den Baustellen der rasch in die Höhe wachsenden Apartmenthäuser für die Neureichen aus El Dorado. „Besonders sehenswert sind Goldgräber-Hochzeiten“, findet Carlos. „Das typische Geschenk an das Brautpaar ist ein Geländewagen plus 100 Kisten Bier.“

Eine Stunde später passieren wir die Kleinstadt Putina, gerühmt für seine heißen Thermalquellen. Diese dienen auch als Hygienezuflucht für Minenarbeiter. „In La Rinconada“, erklärt Carlos, „gibt es kein warmes Wasser. In der Nacht sinken die Temperaturen bis auf minus 20 Grad. Viele Mineros ziehen sich da nicht einmal zum Schlafen aus, geschweige denn zum Waschen. Wer sich den Transport leisten kann, fährt einmal pro Woche nach Putina. Ein 40 Grad heißes Vollbad kostet 2,5 Soles.“ Das sind 70 Cent.

Ein bisschen Farbe im täglichen Leben der Goldgräber

Die Überlandstraße, die ab Putina fast geradlinig das grüne Weideland des Altiplano durchschneidet, mündet in eine Abfolge abenteuerlicher Haarnadelkurven. Etliche hundert Meter höher geht die Reise auf einer Stein-und-Staub-Piste weiter. Diese windet sich zunächst durch ein Chaos aufgeworfener Erdhügel und Tümpel, deren orange gefärbte Ränder auf Zyankali hindeuten.

Das ist die Prärie von Ananea. Sie wirkt, als hätte sich ein Sadist als Landschaftsgärtner versucht. Eine ermordete Natur, deren Leiche man nach der Obduktion zuzunähen vergaß. Hier wird im „aluvialen Verfahren“ geschürft. Das bedeutet, dass der Goldabbau an Wasserläufen stattfindet. Der Goldstaub wird mithilfe von Quecksilber und Zyaniden aus dem Sand gewaschen. Die dazu benutzten Quellbäche münden in den Titicacasee.

Endlich erscheint unser Ziel auf der Bildfläche. Und für einen Augenblick ist die Aussicht betörend. Die Piste läuft auf einen gewaltigen Schneeberg zu. An dessen Fuß blinken Pünktchen in der Sonne wie die künstlichen Eissternchen eines luxuriösen Skiortes. Doch der ferne Zauber ertrinkt schnell im Ekel der Nahsicht. Abertausende Müllsäcke bedecken die Ebene um uns herum. Viele davon sind aufgerissen. Geier, Krähen, ja sogar Möwen picken in den Abfällen. Dazwischen stehen niedlich dreinschauende Alpakas, die es auf letzte Grasbüschel abgesehen haben. Ein skurriles Bild, das mit jedem weiteren Detail abstoßender wirkt.

Beim Erreichen der Minenstadt erweisen sich die „Eissternchen“ als Blechhütten. Wie können Menschen in solchen Kästen leben? In Kälte und Gestank, wahrscheinlich sogar in dem Wissen, dass ihr Trinkwasser, das sie aus Schnee und Eis gewinnen, Quecksilber enthält. Carlos warnt vor voreiligen Schlüssen: „Diese Leute verstehen sich nicht als Opfer. Sie sind freiwillig hier. Weil sie wissen, dass der informelle Bergbau ihnen echte Chancen bietet. Tatsächlich gibt es in der Provinz Puno viel weniger Armut als in anderen Regionen Perus. Dank La Rinconada.“

Da sich das Straßennetz der Stadt nicht für den Autoverkehr eignet, setzen wir unsere Expedition zu Fuß fort. Die überwiegend an Hängen klebenden Hüttenhaufen zerteilen sich in zwei große Bezirke: Die Unterstadt, auch Cerro Lunar genannt, liegt an den Ufern eines durch Gift und Dreck ausgetrockneten Sees. In dessen Umfeld befinden sich Verwaltungsgebäude der Minengesellschaft Corporación Minera Ananea. In ihr, sagt Carlos, haben sich über 100 Grubenbesitzer zusammengeschlossen.

Eine Stadt ohne Namen

Die Oberstadt trägt keinen eigenen Namen. Sie ist aus dem Goldrausch erwachsen und wächst noch immer. Deshalb mangelt es an Platz, alles spielt sich auf engstem Raum ab. Auf den halb gefrorenen Schlammwegen, wo sich Verkaufsstände für Lebensmittel, Textilien und allerlei Krimskrams aneinanderreihen, herrscht Gedränge. Da sind billige Restaurants und Kneipen, werben ungeheizte Bordelle und „Gesellschaftsdamen“ für Dienstleistungen unter albtraumhaften hygienischen Bedingungen.

Die auffälligsten Geschäfte gehören Goldkäufern. Es sind kleine quadratische Zimmer, die nur aus drei Wänden bestehen. Die vierte Wand, jene zur Straße hin, besteht aus eisernen Rollläden, die bei Ladenschluss heruntergezogen werden. Tags­ über haben Kunden Zugang zu einem Tresen, auf dem meistens nur eine zweischalige Waage steht. Goldkäufer gelten als die bestverdienenden Händler vor Ort. Allerdings sind sie auch die häufigsten Opfer von Raubüberfällen.

La Rinconadas Oberstadt ist die Welt der „informellen“ Goldgräber. Wobei informell keineswegs illegal bedeutet. „Im Prinzip bedeutet das, dass ein Informeller zwar außerhalb des Gesetzes steht, sich aber nicht strafbar macht“, schreibt die in Peru lebende deutsche Journalistin Hildegard Willer. „Informell sind in Peru unzählige Händler, Geschäftstreibende, Kleinbauern … und eben auch Goldschürfer, die auf eigene Faust nach Gold suchen, ihre Einkünfte bei der Steuer nicht deklarieren und sich auch sonst nicht um staatliche Vorgaben kümmern. Das Unrechtsbewusstsein eines informellen Goldschürfers ist normalerweise gleich null.“

Nicht dass La Rinconada ein gesetzloser Ort wäre. Nur hat er eben sein eigenes Gesetz. „Eintritt für Diebe unter Todesstrafe verboten“ steht auf einem Schild. Es klebt an einer menschlichen Attrappe, die, als wäre sie gelyncht worden, an einem Strommast baumelt. In ihrem Viertel werde oft eingebrochen, tagsüber, wenn die meisten Männer unter Tage seien, klagt eine Passantin in traditioneller Inka Kleidung mit kleinem schwarzen Hut. Und die Polizei? Die Dame lacht kurz auf und geht unter der „Leiche“ des aufgeknüpften Diebes ihres Weges. Man versteht: Die Polizei hat in La Rinconada nichts zu sagen. Gelegentlich wird sie von aufgebrachten Goldgräbern aus der Stadt gejagt.

Giftiges Gold höchtgelegene Mine Peru Titicacasee Foto: Pascal Maitre
Die Attrappe eines Menschen als Warnung: „Eintritt für Diebe unter Todesstrafe verboten.“

Am Eingangstor der Corporación Minera Ananea stehen bewaffnete Wachposten. Wir stellen uns als „Journalisten aus Europa“ vor, bitten um ein Informationsgespräch. 20 Minuten später empfängt uns ein massiger Vertreter der Direktion mit „Bienvenidos!“, um sogleich das Gegenteil klarzumachen: Betreten der Stollen? Verboten! Fotografieren? Untersagt! Interviews mit Minenarbeitern? Leider unmöglich! „Diese Maßnahmen sind zu Ihrer eigenen Sicherheit!“ Dann verlässt er den Raum und überlässt uns einem ebenfalls für Pressearbeit zuständigen Ingenieur.

Edwin Romero erweist sich als ausgesprochen liebenswürdig. Vielleicht hat er die Order seines Vorgesetzten nicht richtig verstanden. Auf jeden Fall lädt er uns zu einem Spaziergang über das Minengelände ein. Er könne sich Cerro Lunar gut als Touristenattraktion vorstellen, sagt unser neuer Freund, mit dem wir auf der Stelle per Du sind: „Für Europäer ist das alles interessant, oder?“ Sehr sogar, stimme ich zu. „Und auch als Filmkulisse würde es sich eignen“, fährt Edwin fort. Ja, auch das. Die Blechhütten, die Müllberge, der tote See im Tal – bestimmt ließen sich hier prima ein paar Szenen für „The Hunger Games“ drehen.

An einem Stolleneingang dürfen wir die dicke Eisschicht bewundern, die durchbohrt werden musste, um in den Berg zu gelangen. Den Monte Ananea würden die weißen Ingenieure der Minengesellschaft auch La bela durmiente del oro nennen, plaudert Edwin weiter. Gold­-Dornröschen? Er grinst schlau: „Über Jahrhunderte hat dieser Berg geschlafen. Jetzt haben wir ihn geweckt.“

Giftiges Gold höchstgelegene Goldmine Peru Titicacasee Foto: Pascal Maitre
Der Rest vom Fest: Frauen suchen im Abraum der Minen nach Gold, das die Mineros eventuell übersehen haben.

Nicht weit von uns entfernt schuften Inka-Frauen an einem Geröllhang. Pallaqueras heißen sie im Mineros­Jargon. „Die meisten von ihnen sind Witwen“, weiß Carlos. „Oder von ihren Männern verlassene Frauen mit Kindern“, fügt Edwin hinzu. Auf allen vieren wühlen die Frauen im Abraum des wiedererweckten Ananea. Carlos: „Manche finden tatsächlich noch Gold in diesem Schutthaufen.“ Edwin: „Andere finden den Tod.“ Sein ausgestreckter Arm weist zum Gipfel. Dort oben, in fast 6.000 Meter Höhe, thront noch immer jener Gletscher, der die königlichen Minen der Spanier vernichtete. Alle paar Monate bricht eine Scheibe davon ab. Dann stürzen Tonnen von Eis herab, manchmal genau auf jenen Geröllhang dort. „Im vergangenen Jänner“, sagt Edwin, „wurden vier Pallaqueras unter einer solchen Lawine begraben.“

Jetzt würden wir gern noch den Stollen von innen besichtigen. Doch das überfordert selbst den guten Willen von Edwin Romero. „Lasst uns nach Putina fahren und heiß baden“, schlägt er vor. Warum nicht? Bestimmt fühlt es sich gut an, sich von La Rinconada zu säubern. Aber an jedem der nächsten Tage versuchen wir es wieder. Ohne Erfolg. Die Minenarbeiter gehen uns aus dem Weg, die Minenbesitzer lassen uns überwachen – bis dann drei Feiertage aufeinanderfolgen: Da fehlt es in La Rinconada plötzlich an Führungskräften. Die meisten betrinken sich in Juliaca. Nur unter Tage wird weitergerackert.

Die Mineros beziehen hier keine festen Löhne. Sie ziehen ein System namens cacharreo vor. Es ist ein Glücksspiel: 30 Tage schuften die Männer gratis für die Minengesellschaft. Im Gegenzug gehört ihnen alles Erzgestein, das sie am 31. Tag aus der Grube schleppen können. Noch ohne zu wissen, wie viel sie damit verdient haben. Das erfahren sie erst in den Mühlen, wo das Gold mit Quecksilber aus dem Gestein herauslegiert wird.

Wie auch immer. Jetzt sind wir unterwegs zu einer Mine, die sich außer Sichtweite von Unter- und Oberstadt befindet. Vor dem Stolleneingang hockt schon die nächste Schicht. Zerfurchte Inkagesichter mustern uns stumm. Einer der Männer ringt sich zu einem Lachen durch. Er hat goldene Schneidezähne.

Und dann kommt das Dynamit

Dann erhebt sich der Mann – er heißt Rubén –, verpasst jedem seiner Besucher einen Schutzhelm und stapft schweren Schrittes voran in den Berg. Wir folgen, erst aufrecht durch den bläulich schimmernden Eistunnel, dann gebückt unter einer niedrigen Felsdecke. Nach wenigen Minuten gelangen wir in eine spärlich erleuchtete Höhle. Puesto de vigilancia, „Wachposten“, steht auf einem Schild. Daneben zum Glück ein leerer Tisch, ein leerer Stuhl. Also weiter. Aus den Tiefen des Berges klingt Hämmern, manchmal übertönt vom Rattern eines Presslufthammers. Das sei ihre Baustelle am gegenwärtigen Ende des Stollens, erklärt einer der „Informellen“. Als wir den Ort erreichen, stellen die Inka dort ihre Arbeit ein. Sie haben auf die Ankunft unseres Trupps gewartet. Dann zieht einer die Dynamitstäbe aus seiner Tasche…

So also sind wir in den Bauch des Inka-Berges und in diese unvernünftige Situation geraten. Auch für Carlos Fernández Baca ist es eine Premiere. Schon oft hat er vergeblich versucht, sich in einen der Stollen von La Rinconada hineinzumogeln. Was er nun sieht, bestätigt seine Furcht: „Das viele Sprengen und Bohren im Berg wird ein Riesenproblem. Sie haben das „goldene

Dornröschen“ in einen Schweizer Käse verwandelt. Niemand weiß, wie viele Stollen schon in den Berg getrieben worden sind. Viele sind schon eingestürzt. Eines Tages wird der Ananea in sich zusammensacken und alle unter sich begraben.“

Giftiges Gold höchstgelegene Goldmine Peru Titicacasee Foto: Pascal Maitre
Tunnelblick: „Über Jahrhunderte hat dieser Berg geschlafen. Jetzt haben wir ihn geweckt.“

Auf dem Rückweg ins Freie erholen wir uns einen Augenblick in der leeren Wachposten­höhle. Die Inka kauen getrocknete Kokablätter, erzählen Geschichten von Gold und Glück. Aber auch von Unglück. Ich denke an Carlos’ düstere Prophezeiung von dem Berg als Massengrab. Haben sie keine Angst? Rubén schüttelt den Kopf: „Wir sind geschützt.“ Er deutet auf ein Häufchen, das am Boden vor der Stollenwand liegt. Im Halbdunkel hatte ich es für Müll gehalten. „Es ist ein Opfer für Pachamama. Das hat ein Experte für uns gemacht, ein echter Uro vom Titicacasee.“

Ich weiß, von wem die Rede ist. Wir haben den alten Romualdo in Puno getroffen. Er ist der berühmteste Schamane von Peru. Einst Schutzbeauftragter von zwei peruanischen Staatspräsidenten, Alberto Fujimori und Alan García. Heute arbeitet er für die Besitzer von Goldminen. Wird in La Rinconada ein neuer Stollen gegraben, muss Romualdo el pago a la tierra besorgen: die Opfergaben an die Erdgöttin Pachamama.

Wie das vor sich gehe, habe ich ihn gefragt. Das Wichtigste, betonte der Greis, sei das Verbrennen von vier menschlichen Föten: „Nie weist Pachamama ein solches Opfer zurück.“ Und warum gibt es dann Grubenunglücke? „Die gibt es nur, wenn Pachamama zornig ist. Dann müssen neue Opfer gebracht werden.“ Und wie findet es Mutter Erde, dass die Goldschürfer den Titicacasee vergiften? „Pachamama verzeiht alles!“ Es war ein absurdes Gespräch.

Pachamama verzeiht alles!

Romualdo, der berühmteste Schamane Perus

Und hier im Ananea-­Berg fallen mir als Fazit unserer Reise nur Binsenweisheiten ein. Etwa dass wir Menschen zwar die Natur lieben, aber stets vor dem Goldenen Kalb in die Knie gehen. Und dass, sollte im Titicaca tatsächlich ein Schatz schlummern, dieser nun bald zu Tage treten müsse – angesichts der in den See eingeleiteten Mengen an Quecksilber und Zyankali.

Aber im Ernst: Perus Regierung will den Titicacasee auf die Welterbeliste der UNESCO setzen lassen. Gute Idee. Warum fängt sie dann nicht damit an, dem giftigen Spuk in La Rinconada ein Ende zu setzen? Es gebe da ein neues Gesetz, heißt es in der peruanischen Hauptstadt Lima. Demzufolge müssten sich informelle Goldschürfer jetzt „formalisieren“. Das heißt, sie sollen nachweisen, dass sie alle gültigen Steuer­, Umwelt- und Arbeitsrechtsvorschriften einhalten. Wer das nicht tut, gelte als Krimineller und werde dementsprechend verfolgt.

Doch ob in den Stollen von La Rinconada oder an den Ufern des Titicacasees: Zu spüren ist von dem neuen Gesetz bis jetzt noch nichts.

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin

2/2015

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