Nollywood: Nigerias große Filmindustrie

Mit lächerlichen Budgets und improvisierten Rahmenbedingungen dreht die Traumfabrik bis zu 3.000 Filme pro Jahr, die in ganz Afrika reißenden Absatz finden. Und prägt damit die Kultur des ganzen Kontinents.
Text: Andrezej Rybak, Fotos: Bénédicte Kurzen / 17 Min. Lesezeit
Hauptdarsteller Lolo Eremie erscheint zu einer Premierenfeier. Foto: Bénédicte Kurzen
Hauptdarsteller Lolo Eremie erscheint zu einer Premierenfeier.

Die Kameras laufen, die Schauspieler sind bereit. „Szene 19.21.23, Einstellung zwei!“, ruft der Regieassistent und schlägt die Filmklappe. Rita Dominic, ein gefeierter Star in Nigeria, sitzt mit Filmehemann und ‑schwiegermutter in einem chinesischen Restaurant – und traut ihren Ohren nicht. „Mutter“, sagt der Mann allen Ernstes, „du kannst jederzeit zu uns ziehen.“ Dominics Miene spricht Bände. Was für eine absurde Idee! Kann schon sein, dass die Alte niedergeschlagen ist, weil ihr Ehemann, der Senator, mit einer Jüngeren schläft. Trotzdem ist sie eine Hexe! Rita Dominic ringt um Fassung, kippt ein Glas Sekt hinunter, kneift wütend die Augen zusammen und …

… ein markerschütternder Krawall flutet den Raum, die Stimmen der Schauspieler werden übertönt. Jemand hat irrtümlich die Tür zum Nachbarzimmer aufgerissen, wo eine Schar ziemlich betrunkener Chinesen mit Karaoke Geburtstag feiert. „Cut! Verdammt noch mal, Cut!“, schreit Regisseur Teco Benson. „Lieber Gott, können diese Chinesen nicht fünf Minuten lang stillsitzen?“

Nollywood-Star Tana Adelana beim Schminken. Foto: Bénédicte Kurzen
Nollywood-Star Tana Adelana beim Schminken.

Der letzte Drehtag

Es ist Abend in Lagos, der siebente und letzte Drehtag für den Film Mr. & Mrs. Revolution. Die Nerven liegen blank, die Crew hat täglich 14 Stunden gearbeitet, die Müdigkeit ist jedem ins Gesichtgeschrieben. Auch Benson, ein großer Mann mit glatt rasiertem Kopf, hat Ringe unter den Augen. „Stellt dort jemanden vor die Tür, er soll niemand rauslassen“, kommandiert er, dann wendet er sich entschuldigend an die Stars. „Das Geld ist aus, wir konnten nicht das ganze Restaurant mieten. Lass uns die Szene schnell wiederholen.“

Benson ist ein Veteran des nigerianischen Kinos, er hat seit 1994 etwa 50 Filme gedreht, zuerst als Schauspieler, dann auch als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent. Nigerias Ex‑Präsident Goodluck Jonathan hat ihm für sein Schaffen den Orden der Föderalen Republik verliehen, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes. Benson lächelt halb stolz, halb ironisch: „Eine große Ehre, ohne Zweifel. Wenn ich aber von der Bank Geld für eine neue Produktion brauche, spielt der Orden keine Rolle.“ Das Geschäft ist schwierig, in Nigeria werden jedes Jahr 2.000 bis 3.000 Spielfilme produziert. Etwa 50 davon kommen pro Woche auf den Markt. Vielleicht sogar mehr. So genau weiß das niemand. Viele kleinere Produktionen werden bei der zuständigen Nigeria Film Corporation nicht einmal registriert.

Improvisation Regisseur Teco Benson (re.) und Star Rita Dominic drehen eine Szene in einem chinesischen Restaurant. Foto: Bénédicte Kurzen
Improvisation Regisseur Teco Benson (re.) und Star Rita Dominic drehen eine Szene in einem chinesischen Restaurant.

Das Geld ist aus, wir konnten nicht das ganze Restaurant mieten. Lass uns die Szene schnell wiederholen.

Benson ist Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent

A star is born: Nollywood

Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, hat vor zwei Jahren Südafrika als größte Volkswirtschaft des Kontinents überholt. Während der Staatshaushalt weiterhin komplett von Ölexporten abhängig ist und voriges Jahr nach dem Preisverfall bedrohlich schrumpfte, schafft die Filmindustrie neue Arbeitsplätze. Bis zu einer Million Menschen, von Schauspielern bis zu Video-­CD-Händlern, verdienen ihren Unterhalt beim Film. Damit ist Nollywood, wie Afrikas Traumfabrik im Volksmund heißt, der größte private Arbeitgeber des Landes. Rund fünf Milliarden Dollar setzte die Branche 2013 um, schätzt das nigerianische Statistikamt. Damit erwirtschaftete sie 1,4 Prozent des nigerianischen Bruttoinlandsprodukts.

In Lagos ist die Popularität von Nollywood nicht zu übersehen: Die Filmstars sind allgegenwärtig, auf den Straßen lächeln sie von riesigen Werbetafeln, auf denen sie für verschiedene Kosmetikprodukte werben. Ihre Party­ und Premierenfotos füllen die Seiten vieler bunter Magazine, die die fliegenden Händler an verstopften Straßenkreuzungen verkaufen. Jedes Wochenende finden in Nigerias Hauptstadt Filmpremieren statt, zu denen die Schauspieler mit Stretchlimousinen angefahren kommen. Und einmal im Jahr feiert sich die Branche mit der Verleihung der Nolly Awards selbst – sofern sich ein Sponsor findet; in diesem Jahr wurde die Veranstaltung vom Frühjahr kurzfristig auf Oktober verschoben.

Längst strahlt Nollywood über die Grenzen Nigerias hinaus, sein Einfluss macht sich inzwischen in ganz Afrika bemerkbar. Die in Lagos produzierten Filme werden überall zwischen Kapstadt und Kairo, zwischen Dakar und Daressalam regelrecht verschlungen, meist auf Video-CDs, aber auch im Fernsehen oder auf Streaming-Plattformen im Internet. Sogar in den USA und Europa ist Nollywood bereits angekommen – zumindest bei den dort lebenden Afrikanern.

Drehpause Rita Dominic am Set von „Mr. & Mrs. Revolution“. Foto: Bénédicte Kurzen
Drehpause Rita Dominic am Set von „Mr. & Mrs. Revolution“.

Die Auswirkungen sind eindrucksvoll: Tansanier und Sambier sprechen oft Englisch mit nigerianischem Akzent, Frauen in Kenia oder Sierra Leone kleiden sich wie Nollywood-Stars und tragen ähnliche Frisuren. Selbst, die in den Filmen übliche protzige Villenarchitektur und der schwülstige Einrichtungsstil finden Nachahmer.

Während Afrika sich früher an der Kultur und dem Lebensstil der ehemaligen Kolonialmächte orientierte, ist es dank Nollywood nun dabei, seine eigenen Vorlieben und Vorstellungen zu definieren. Das geschieht mit einer Selbstverständlichkeit, die nur das selbstbewusste Nigeria aufbringen kann, das sich als natürlicher Anführer des Kontinents sieht. „Es gibt kein Geheimnis des Nollywood-Erfolgs“, sagt etwa Regisseur Kunle Afolayan. „Wir erzählen afrikanische Geschichten, Geschichten aus unserem Leben und nach unserem Geschmack. Die Zuschauer können sich mit unseren Helden jederzeit identifizieren.“

Afolayan, ein korpulenter 42-jähriger Mann mit einer Unfallnarbe über dem rechten Auge, ist einer der berühmtesten nigerianischen Filmemacher. Wir sitzen am Küchentisch in seiner zweistöckigen Villa in einem Vorort von Lagos, die er erst vor kurzem bezogen hat. Wie es sich für einen Star gehört, ist das Haus ziemlich extravagant: Die Wand zum Garten besteht aus bruchsicherem Glas und ist etwa sechs Meter hoch. „Ich habe das Material aus China importiert, in Nigeria werden keine Glasscheiben in dieser Größe produziert“, erzählt Afolayan. Der Blick hinaus zeigt ein Schwimmbecken, daneben parkt ein Mercedes, Jahrgang 1960, den der Regisseur für seinen Film „October 1“ restaurieren ließ. Besonders stolz ist er allerdings auf seinen privaten Kinosaal, der mit einem hypermodernen Tonsystem ausgestattet ist und 15 Besuchern Platz bietet.

Starlet Zainab Balogun gibt anlässlich der Premiere des Films „Entreat“ bereitwillig Interviews. Foto: Bénédicte Kurzen
Starlet Zainab Balogun gibt anlässlich der Premiere des Films „Entreat“ bereitwillig Interviews.

Es gibt kein Geheimnis des Nollywood-Erfolgs. Wir erzählen afrikanische Geschichten, Geschichten aus unserem Leben und nach unserem Geschmack. Die Zuschauer können sich mit unseren Helden jederzeit identifizieren.

Kunle Afolayan, Regisseur

Afolayan wurde in das Filmgeschäft hineingeboren. Sein Vater, Ade Love, gehörte nach der Unabhängigkeit Nigerias 1960 zu den beliebtesten Schauspielern und erfolgreichsten Produzenten des Landes. „Mein Vater hat uns immer davor gewarnt, in das Filmgeschäft einzusteigen. Wir sollten anständige, krisenfeste Berufe lernen“, erinnert sich Afolayan. Er habe zwar Wirtschaft studiert, doch nach dem Tod des Vaters dessen Warnungen in den Wind geschlagen. Nutzlos war das Studium trotzdem nicht: Afolayan ist einer der wenigen Produzenten in Nollywood, die wissen, wie Produktplatzierungen funktionieren und wie man Fördergelder akquiriert. Während der Dreharbeiten für seinen neuen Film „The CEO“ hat er zum Beispiel Air France als Sponsor gewonnen – die Franzosen übernahmen die Reisekosten der Crew zwischen den Drehorten in Afrika.

Die alten Griechen behaupteten, die Welt sei aus dem Chaos entstanden. In Lagos, der mit 20 Millionen Einwohnern größten Stadt Afrikas, glaubt man das sofort. In der Tat scheint der tägliche Irrsinn die Kreativität zu fördern und erstaunliche Energien freizugeben. Nigerianische Musik und Malerei, Mode und Design sind dabei, den Kontinent zu erobern. Und nun auch die Filmindustrie. „Nollywood konnte nur in Nigeria entstehen“, so Kunle Afolayan. „Hier muss Jeder Ideen entwickeln, um zu überleben. Jeder ist gezwungen, Unternehmer zu sein, weil der Staat dem Bürger elementarste Dienstleistungen verweigert.“

Ich suche Drehorte aus, trommle die Crew zusammen, verhandle mit Schauspielern … und wenn ich dann drehen will, ist alles ganz anders.

Kunle Afolayan, Regisseur

Da der Strom immer wieder für Tage ausfällt, braucht jeder Haushalt einen eigenen Generator. Wer regelmäßig duschen will, muss einen Wasserspeicher auf dem Dach installieren. „Als Filmemacher schlage ich mich täglich mit ähnlichen Problemen herum“, sagt Afolayan. „Ich suche Drehorte aus, trommle die Crew zusammen, verhandle mit Schauspielern … und wenn ich dann drehen will, ist alles ganz anders.“ Die Hauptdarstellerin sei noch bei einer anderen Produktion; das für die Dreharbeiten gemietete Privathaus erweise sich als versperrt; es fehle an Benzin für die Generatoren; und der vom Drehbuch geforderte Sportwagen sei nicht aufzutreiben. Also ist Improvisieren angesagt. „Der Prinz kommt dann eben auf einem Schimmel statt im Auto“, meint Afolayan lächelnd. „Das Skript schreiben wir dann an Ort und Stelle um.“

Schmuck und Statussymbole stehen in Nollywood hoch im Kurs. Foto: Bénédicte Kurzen
Schmuck und Statussymbole stehen in Nollywood hoch im Kurs.

Mit wenigen Mitteln zum großen Erfolg

Kurz nach der Unabhängigkeit 1960 fing man in Nigeria an, Spielfilme zu drehen – wie damals üblich auf Zelluloid. Die Filmrollen mussten im Ausland teuer eingekauft und auch dort entwickelt werden. Manchmal warteten die Filmemacher ein halbes Jahr auf ihr Material. Doch immerhin: Es gab ihn, den Vorläufer der heutigen Traumfabrik. Mit der Wirtschaftskrise Ende der 1970er­ Jahre hatte der Staat kein Geld mehr fürs Kino, und auch die durch die Bank staatlichen TV-­Sender mussten massenhaft Schauspieler und Regisseure entlassen. Nigerias Film versank in Dunkelheit.

Erst zehn Jahre später, mit dem Vormarsch neuer Technologien, änderte sich die Lage. Billige VHS­-Camcorder waren überall erhältlich, ein paar findige Nigerianer begannen Anfang der 1990er­ Jahre, einfache Homevideos zu drehen, zu kopieren und zu verkaufen. Es war eine verrückte Idee, denn sie hatten nicht die leiseste Ahnung vom Handwerk. Der Film „Living in Bondage“, produziert 1992 vom Elektronikkaufmann Kenneth Nnebue, gilt als Nollywoods Geburtsstunde.

Die Einführung der DVD und der Video­-CD gab der jungen Industrie einen weiteren Schub. Die Scheiben waren billig, einfach zu kopieren und konnten leicht transportiert werden. Die Nachfrage stieg – und damit auch die Umsätze. Immer mehr Leute witterten ein Geschäft. „Nollywood wurde von Leuten aufgebaut, die Geld verdienen und nicht die große Kunst schaffen wollten“, sagt Insider Afolayan. „Das ist immer noch unser Problem.“

Die ersten Filme kosteten zwischen 3.000 und 5.000 Dollar, die Bilder waren dunkel, der Ton grauenhaft, der Schnitt holprig. Die Zuschauer, die das einheimische Kino all die Jahre vermisst hatten, schreckten diese Unzulänglichkeiten nicht ab. Was zählte, war der Inhalt: Geschichten von Liebe und Betrug, von Unschuld und Hexerei, von Gut und Böse. Am Ende setzte sich das Gute durch, wie in nigerianischen Volksmärchen auch.

Tana Adelana beim Dreh des Films „Mr. & Mrs. Revolution”. Foto: Bénédicte Kurzen
Tana Adelana beim Dreh des Films „Mr. & Mrs. Revolution”.

Die Rolle der Frauen in Nollywood

Omoni Oboli steht an der Kinokasse in der Shoppingmall von Surulere, einem Stadtteil von Lagos, füllt riesige Töpfe mit Popcorn und plaudert charmant lächelnd mit den Besuchern. Im Kino läuft ihr neuer Streifen „Wives on Strike“. Der Plot: Einige Marktfrauen schließen sich zusammen und verweigern ihren Männern den Sex, um die Zwangsheirat eines jungen Mädchens zu verhindern. „Unsere Geschichten haben sich über Jahre nicht sonderlich verändert“, meint Oboli, die als Studentin vor 20 Jahren ihre ersten Rollen spielte. „Wir können sie aber besser erzählen – die Charaktere sind plastischer, die Dialoge echter.“ Den größten Fortschritt aber machte die Technik: Kameraführung und Ton seien um Welten besser.

Mit ihren 38 Jahren gehört Oboli zu der Riege junger Frauen, die sich inzwischen einen festen Platz in Nollywood erobert haben. Nicht ganz einfach in der von Männern dominierten nigerianischen Gesellschaft. „Ich muss als Frau bis heute noch beweisen, dass ich bestimmte Sachen kann“, klagt Oboli, die inzwischen auch Drehbücher schreibt, Regie führt und produziert. „Ich gehe dabei jedes Mal auf dem Zahnfleisch“, sagt die zierliche Frau. „Aber: Ich liebe das Filmemachen.“

Powerfrau Omoni Oboli, schreibt Drehbücher, führt Regie und produziert Kassenschlager. Foto: Bénédicte Kurzen
Powerfrau Omoni Oboli, schreibt Drehbücher, führt Regie und produziert Kassenschlager.

Ich muss als Frau bis heute noch beweisen, dass ich bestimmte Sachen kann. Ich gehe dabei jedes Mal auf dem Zahnfleisch. Aber: ‚Ich liebe das Filmemachen‘.

Omoni Oboli, Schauspielerin, Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin

Als Produzentin hat sie darüber hinaus einen großen Vorteil: Sie kann sich die Themen aussuchen, die ihr wichtig erscheinen. „Nollywood hat einen enormen Einfluss auf die Menschen in Nigeria und in ganz Afrika“, sagt Oboli. „Also nutze ich meine Freiheit, um unsere Welt ein wenig zu verbessern.“ Die Gleichberechtigung der Frau und die Rechte der Kinder haben bei Oboli Priorität.

Das ist neu in Nollywood, das für gewöhnlich schwierige Themen meidet und seine Zuschauer einfach nur unterhalten will. Terror und Korruption, die den Alltag in Nigeria bestimmen, kommen im Kino nicht vor, auch Ebola oder Armut sind kein Thema. „Ich weiß, dass die Leute ins Kino gehen, um den Alltag und ihre Probleme zu vergessen“, sagt Oboli. „Ich kann aber einen humorvollen Film machen, der trotzdem eine ernste Botschaft transportiert.“ Diesmal ist ihr der Spagat offensichtlich gelungen: „Wives on Strike“ ist ein Kassenschlager und hat in nur vier Wochen über 60 Mio. Naira (rund 300.000 Dollar) eingespielt. Und das bei Produktionskosten von etwa 40.000 Dollar.

Ich weiß, dass die Leute ins Kino gehen, um den Alltag und ihre Probleme zu vergessen

Omoni Oboli, Schauspielerin, Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin

Die Raubkopien-Mafia

Solche Blockbuster sind in Nigeria eher die Ausnahme als die Regel. Die Mehrheit der Regisseure und Produzenten arbeitet weiterhin mit Budgets zwischen 10.000 und 25.000 Dollar und vertreibt ihre Filme nur auf Video-­CDs über die Märkte. Rund 90 Prozent der Nollywood-­Umsätze werden auf diese Art gemacht. „Die Video-­CDs waren einst unser Segen, sie ermöglichten die Entstehung der Industrie. Heute sind sie unser Fluch“, klagt Regisseur Obi Emelonye, der mit seinem Film „The Mirror Boy“ vor fünf Jahren berühmt wurde. Zwar werden jeden Tag Millionen von Film-CDs auf Märkten in ganz Afrika verkauft, doch ihre Schöpfer haben nichts davon – das Geschäft macht die Raubkopien-­Mafia.

Markt in Onitsha. Hier werden Raubkopien der Nollywood­-Filme verkauft. Foto: Bénédicte Kurzen
Markt in Onitsha. Hier werden Raubkopien der Nollywood­-Filme verkauft.

Wer investiert schon viel Geld in einen Film, wenn die Piraten die Spielregeln diktieren.

Obi Emelonye, Regisseur

Der teuerste nigerianische Film aller Zeiten, „Half of the Yellow Sun“, wurde nur Tage nach seiner Premiere 2014 illegal kopiert und konnte so die Kosten von acht Millionen Dollar nicht annähernd einspielen. Noch schlimmer traf es Kunle Afolayan mit „October 1“: Der Film war bereits vor seiner Premiere auf Raub­-CDs erhältlich. „Wer investiert schon viel Geld in einen Film, wenn die Piraten die Spielregeln diktieren“, schimpft Regisseur Emelonye. „Leider tut die Regierung viel zu wenig, um der Mafia das Handwerk zu legen.“

In Nigeria weiß jeder, wo die Mafia sitzt: auf dem Alaba International Market am westlichen Rand der nigerianischen Metropole. Fast zwei Stunden dauert die Fahrt, die Straße ist teils asphaltiert, teils Schotterpiste. Immer wieder Stau. Der Markt nimmt eine riesige Fläche ein, hunderte Buden und Verschläge reihen sich aneinander. Jeder von ihnen ist vollgestopft mit Video-­CDs, meist in Kartons zu 100 Stück. Überall schieben Männer die Kartons auf Handkarren durch die Gassen.

Der Markt ist stramm organisiert, jeder Bereich hat einen Chef, niemand treibt hier Handel ohne Genehmigung. Sie kostet etwa 100 Dollar, dafür genießt der Händler Schutz: „Die Polizei wagt sich nicht hierher“, sagt Herr Spatz – ein ironischer Spitzname, weil der junge Mann groß und athletisch gebaut ist. Dafür gibt es eine Schutztruppe, die mit Maschinengewehren bewaffnet ist.

Filmset einer typischen Nollywood-Produktion. Foto: Bénédicte Kurzen
Filmset einer typischen Nollywood-Produktion.

Die meisten Händler in Alaba gehören der Volksgruppe der Igbo an, die in Nigeria für ihren Geschäftssinn bekannt ist. Täglich werden hier Millionen von Video-CDs kopiert. Eine Video-CD, die bei fliegenden Händlern in der Stadt 150 Naira kostet, etwa 70 Eurocents, wird in Alaba für die Hälfte, knapp 35 Eurocents, verkauft. Dennoch lässt sich mit manchen Blockbustern wie „Return of Shina Rambo“, Geld machen: Der wird in einer Auflage von einer Million Stück hergestellt. „Es ist der Schwarzmarkt, der in Nollywood die Produktionsbudgets diktiert und so ein schnelleres Wachstum der Industrie verhindert“, analysiert Emelonye, der nach seinem Jurastudium mehrere Jahre in London als Anwalt praktizierte. „Du musst extrem billig produzieren, um mit deinem Film in wenigen Tagen die Produktionskosten einzuspielen, bevor die Raubkopien-Mafia ans Werk geht.“

In Großbritannien leben fünf Millionen Afrikaner, die unsere Filme über Satellit schauen. Wir müssen nur ein Zehntel davon in die Kinos locken, dann hat sich der Film rentiert.

Obi Emelonye, Regisseur

Ein neues Genre entsteht

Emelonye gehört zu einer jungen Garde von nigerianischen Regisseuren, die sich gern „das neue Nollywood“ nennt. Sie distanzieren sich von ihren Vorgängern, „die mit ihren Billigstreifen den Ruf des nigerianischen Films ruiniert haben“. Die Neuen wollen künstlerisch und technisch anspruchsvolle Filme produzieren, die keinen Vergleich mit europäischen oder US-Produktionen zu scheuen brauchen. Ihre Werke sollen ausschließlich im Kino, Fernsehen und Internet vertrieben werden. „Keine DVDs!“, sagt Emelonye. „Wir werden doch nicht die Mafia ernähren.“ Mit diesen Filmen wollen sie zuerst Afrika und dann die Welt erobern. „Wir müssen Verleiher im Ausland finden, in Johannesburg, in Nairobi, in London“, sagt der Regisseur. „In Großbritannien leben fünf Millionen Afrikaner, die unsere Filme über Satellit schauen. Wir müssen nur ein Zehntel davon in die Kinos locken, dann hat sich der Film rentiert.“

Vorbereitung am Filmset. Foto: Bénédicte Kurzen
Vorbereitung am Filmset.

Die Regisseure der neuen Welle wollen dem Kino Nigerias zu neuen Höhenflügen verhelfen, indem sie von ihren Produzenten mehr Professionalität verlangen. „Um erfolgreiche Filme zu machen, brauchen wir die Konsolidierung der Industrie, professionelle Studios mit moderner Ausstattung und vor allem einen besseren Vertrieb“, sagt auch Moses Babatope, Geschäftsführer von Filmhouse Cinemas. Er meint: Nigeria braucht Kinos.

In den 1980er-Jahren wurden alle Kinos in Nigeria geschlossen, denn niemand wagte sich damals wegen der hohen Kriminalität nachts aus dem Haus. Und als sich die Sicherheitslage nach dem Ende der Militärdiktatur besserte, waren alle alten Kinosäle entweder devastiert oder von den neuen evangelikanischen Kirchen zu Gotteshäusern umfunktioniert worden. „Wir wollen die alte Kinokultur wiederbeleben“, insistiert Babatope hinter dem Edelholzschreibtisch seines noblen Büros von Victoria Island, dem Wirtschaftszentrum von Lagos. Babatope kennt sich aus in der Branche, er hat in London studiert und in verschiedenen Funktionen für die internationale Odeon-Kinokette gearbeitet. Die Filmhouse-Gruppe sicherte sich 2010 einen der ersten Kredite aus dem staatlichen Nollywood-Fonds, den die damalige Regierung von Goodluck Jonathan auflegen ließ.

Am Set ist es extrem heiß, weil die Klimaanlage wegen Stromausfall nicht funktioniert. Foto: Bénédicte Kurzen
Am Set ist es extrem heiß, weil die Klimaanlage wegen Stromausfall nicht funktioniert.

Heute betreibt sie bereits 9 Kinos in Lagos, Abuja, Ibadan und Calabar. „Bei 100 Kinos kann ein nigerianischer Blockbuster in drei bis vier Wochen zwei Millionen Dollar einspielen“, rechnet Babatope. Heute gibt es im ganzen Land bei immerhin 180 Millionen Einwohnern gerade einmal 24 moderne Kinos. Zum Vergleich: In den USA sind es 40.000. Die Kinokarte kann sich in Nigeria freilich nicht jeder leisten – sie kostet im Schnitt etwa 1.000 Naira, fast 5 Euro.

Seriöse Vertriebskanäle bietet den Filmproduzenten inzwischen auch das Internet. Selbst wenn der Onlineverleih in der Ersten Welt für den Rückgang der Kinobesucherzahlen verantwortlich gemacht wird: In Nigeria, wo es nur wenige Kinos gibt und der VCD-Handel von Piraten kontrolliert wird, verheißen für viele Produzenten die Plattformen neue Einnahmequellen.

Um erfolgreiche Filme zu machen, brauchen wir die Konsolidierung der Industrie, professionelle Studios mit moderner Ausstattung und vor allem einen besseren Vertrieb.

Moses Babatope, Geschäftsführer von Filmhouse Cinemas

iRoko-TV

„Wir zahlen je nach Film 5.000 bis 25.000 Dollar für die Rechte“, sagt Bastian Gotter. Der 36-jährige Berliner ist Finanzchef von iRoko-TV. Das Unternehmen hat er zusammen mit seinem Freund Jason Njoku 2010 als Streaming-Plattform für Nollywood-Filme gegründet. „Jason und ich haben zusammen in Manchester studiert“, erzählt Gotter. „Ein paar Jahre später – ich arbeitete als Ölhändler in London – kam er mit seiner Idee. Ich habe ihm all meine Ersparnisse gegeben.“

Damals hatte niemand in Nigeria eine Ahnung von Onlinevertrieb. „Ich kam mir vor, als wäre ich aus der Zukunft gekommen“, sagt Njoku, ein groß gewachsener, jovialer Mann. Nach fünf Jahren hält iRoko-TV Rechte an 6.000 nigerianischen Filmen und ist der führende Content-Besitzer unter immer stärker auftretender Konkurrenz. Denn in Nigeria sprießen neue Satellitensender – wie Africa Magic – wie Pilze aus dem Boden. Auch der US-Gigant Netflix mischt seit heuer auf dem Markt mit.

Das Wachstumspotenzial ist gigantisch. Noch leben die meisten Kunden von iRoko-TV im Ausland – es sind Afrikaner in Großbritannien und den USA sowie in Westindien und in der Karibik. Nigeria macht erst etwa 20 Prozent der Streaming-Umsätze aus, denn das Internet ist noch immer wenig verbreitet und zu schwach, um eine gute technische Qualität der gestreamten Filme zu gewährleisten. Der Download eines Kinofilms kann schon einmal mehrere Stunden dauern.

Bastian Gotter will iRoko-TV zu einem international agierenden Medienhaus mit Milliardenumsätzen ausbauen. Heute beschäftigt der Betrieb bereits über 100 Mitarbeiter, man produziert auch eigene Filme. Langfristig will iRoko-TV das Geld mit dem Verkauf von Filmen auf Mobiltelefonen verdienen. „Das ist der größte potenzielle Wachstumsmarkt“, schwärmt Gotter. Schon jetzt konsumieren viele Smartphone-Benutzer, vor allem Pendler, bis zu fünf Filme pro Tag.

Jason Njoku und der Deutsche Bastian Gotter sind die größten Content-Besitzer Nollywoods. Foto: Bénédicte Kurzen
Jason Njoku und der Deutsche Bastian Gotter sind die größten Content-Besitzer Nollywoods.

Kinopremiere mit den Nollywood-Stars

Abend in Victoria Island: In der Shoppingmall Silverbird Galleria findet die Kinopremiere des Films „Entreat“ (zu deutsch: Flehen) statt. In der großzügigen Eingangshalle haben sie den roten Teppich ausgerollt – der ist zwar etwas schäbig, doch wer achtet schon auf solche Kleinigkeiten. Eine populäre Band spielt nigerianische Hits. Regisseur Michael Asuelime kümmert sich um die letzten Vorbereitungen, aber die geladenen Gäste lassen sich Zeit.

Sie trudeln wie üblich streng gestaffelt nach ihrer sozialen Stellung ein: Zuerst sind die Models da, sie führen Kleider örtlicher Designer vor und posieren vor den Fotografen. Dann tauchen die Filmsternchen auf. Die monströse Stretchlimousine mit den Hauptdarstellern rollt erst mit drei Stunden Verspätung an.

Viele Fans, die vor dem Eingang der Mall gewartet haben, sind längst wieder gegangen. Alles wirkt wie ein etwas billigerer Abklatsch von Hollywood. „Die Industrie lebt von Glamour, der Luxus ist etwas, was die Leute sehen wollen“, sagt Schauspielerin Chioma Chukwuka, 12 Zentimeter hohe Absätze, enges blaues Kleid. „Doch das ist alles Fassade. Die Schauspieler verdienen viel zu wenig, um wirklich wie Stars leben zu können.“

Über ihre Gagen will sie nicht reden. „Ich schäme mich – wir verkaufen uns alle weit unter unserem Marktwert“, sagt die 36-Jährige. „Ich könnte natürlich mehr Geld verlangen, doch ich weiß, dass der Produzent nur über ein kleines Budget verfügt. Also habe ich die Wahl: zu Hause zu sitzen oder für ein Taschengeld zu arbeiten.“

Erste Vorführung des Films „Entreat“ im Einkaufszentrum Silverbird Galleria von Victoria. Foto: Bénédicte Kurzen
Erste Vorführung des Films „Entreat“ im Einkaufszentrum Silverbird Galleria von Victoria.

Ich könnte natürlich mehr Geld verlangen, doch ich weiß, dass der Produzent nur über ein kleines Budget verfügt. Also habe ich die Wahl: zu Hause zu sitzen oder für ein Taschengeld zu arbeiten.

Chioma Chukwuka, Schauspielerin

Die meisten Schauspieler entscheiden sich für die Arbeit, denn sie müssen ihr Gesicht zeigen, um nicht vergessen zu werden. Chukwuka hat bereits in mehr als 80 Filmen gespielt. „Mit jedem Auftritt wächst die Popularität und damit der Marktwert“, sagt sie. „Aber solange die Filmbudgets nicht größer werden, kann ich von höheren Gagen nur träumen.“ Sie selbst sei mit einem Geschäftsmann verheiratet – und somit nicht auf die Gage angewiesen, um ihre zwei Kinder auf die Privatschule schicken zu können. Doch für manche Berufsanfänger sei es äußerst schwierig, sich mit Gagen von 500 Dollar pro Film über Wasser zu halten.

Dreharbeiten am Hof einer Schule in Asaba. Foto: Bénédicte Kurzen
Dreharbeiten am Hof einer Schule in Asaba.

Schauplatzwechsel. Asaba, eine Stadt im Osten Nigerias, schickt sich seit zehn Jahren an, Lagos als Drehort Konkurrenz zu machen. In Asaba kann man Filme schneller und billiger drehen. „Ich muss meinem Star vielleicht das Hotel bezahlen, doch in Lagos würde schon das Taxi zum Drehort mehr kosten“, sagt Regisseur Ugezu J. Ugezu. Die Spezialität von Asaba sind sogenannte Epic-Filme. Sie erzählen Geschichten aus der alten Stammeswelt, über Prinzessinnen und Könige, Stammesfehden und Hexer. Ugezu hat bereits über 100 Filme gedreht, jeder zweite war ein Epic.

Sein Filmset ist simpel. Kulissen werden in Nigeria aus Kostengründen nie gebaut. Ugezu dreht heute auf dem Hof einer Schule – deren Direktor ist ein Freund und verlangt keine Miete. Die Sonne brennt vom Himmel, die Crew wartet im Schatten eines Baumes auf den Beginn der Dreharbeiten. Auf dem einzigen Sessel weit und breit sitzt Chioma Chukwuka – immerhin ausgezeichnet mit dem African Movie Academy Award – und legt sich selbst die Schminke auf, bestaunt von dutzenden Schulkindern.

Aber was tut man nicht alles, wenn ein weiteres Kapitel des afrikanischen Kinos geschrieben werden muss …

Typische Nollywood-Villen-Filmkulisse. Foto: Bénédicte Kurzen
Typische Nollywood-Villen-Filmkulisse.

Traumfabriken im Vergleich

Kinos (2015)

  • USA: 40.540, 1 Kino für 7.800 Menschen

  • Indien: 13.000, 1 Kino für 96.300 Menschen

  • Nigeria: 24, 1 Kino für 7.500.000 Menschen

 Kinokarten-Umsatz (2015)

  • USA: 11.302.469.609 Dollar

  • Indien: ca. 1,6 Mrd. Dollar

  • Nigeria: ca. 50 Mio. Dollar

 Anteil am BIP (2013)

  • USA: 3 Prozent, etwa 500 Mrd. Dollar

  • Indien: 0,5 Prozent, etwa 9 Mrd. Dollar

  • Nigeria: 1,4 Prozent, etwa 5,4 Mrd. Dollar

 Filmproduktionen pro Jahr (geschätzt)

  • USA: 650

  • Indien: ca. 2.000

  • Nigeria: 2.000–3.000

 Durchschnittliche Produktionskosten

  • USA: 250 Mio. Dollar

  • Indien: 500.000 Dollar

  • Nigeria: 50.000 Dollar

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin, Mai 2016.

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