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L.A. River: Der steinerne Fluss

Eine physische und geistige Wanderung entlang des Los Angeles River – eines bizarren Wasserlaufs, ohne den es die Stadt und den Mythos Los Angeles nie gegeben hätte und an dessen Zukunft sich heute die Geister scheiden.
Text: Klaus Stimeder, Fotos: Tiffany Luong / 1 Min. Lesezeit
Hochsicherheitsgerinne Ein wenig stromaufwärts mündet der Arroyo Seco. Dieses meist trockene Rinnsal wird nach Regenfällen zum reißenden Fluss. Deshalb ist das Bett des L. A. River von hier an bis zur Mündung lückenlos aus Beton. Foto: Tiffany Luong
Hochsicherheitsgerinne: Ein wenig stromaufwärts mündet der Arroyo Seco. Dieses meist trockene Rinnsal wird nach Regenfällen zum reißenden Fluss. Deshalb ist das Bett des L. A. River von hier an bis zur Mündung lückenlos aus Beton.
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Erst als der Mann im Führerstand das Funkgerät in die Hand nimmt und kaum hörbar um Anweisungen bittet, wird einem klar, dass er die Situation gänzlich anders wahrnimmt als man selbst. Ebenso wie seine drei Dutzend Fahrgäste, die einen durch die Fenster des Pendlerzugs anstarren. Es sind müde, abgekämpfte Gesichter in allen Schattierungen: ein wenig weiß, viel braun, keines schwarz – die Farben der nördlichen Vororte –, aber der unvermittelte Halt hat mit einem Schlag Leben in ihre Mienen gebracht.

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Der Fluss lockte die ersten Siedler in die Region, nun ist er zwischen hohe Betonmauern verbannt. Die sollen Leib, Leben und Immobilien der Anrainer beschützen. Foto: Tiffany Luong
L.A. River: Der Fluss lockte die ersten Siedler in die Region, nun ist er zwischen hohe Betonmauern verbannt. Die sollen Leib, Leben und Immobilien der Anrainer beschützen.

Auch wenn der Tod – wie jeder weiß, der mit offenen Augen durch den Zehn-Millionen-Moloch wandert – hier stets gegenwärtiger ist als anderswo: Es passiert nicht alle Tage, dass sich ein Lebensmüder vor den Zug schmeißt, der einen nach Hause bringt. Aber was sonst macht einer hier im mit trockenem Busch, Beton und Abgasen durchseuchten Niemandsland zwischen Northeast und Downtown Los Angeles, über dem sich die Freeways unter dem allabendlichen Feierabendverkehr biegen?

Die Möglichkeit, dass er lediglich einen Spaziergang macht, scheint allzu abwegig. Nur die rechtzeitige Erkenntnis, dass die Situation langsam zu eskalieren droht, wenn man nicht selber die Initiative ergreift, rettet sie am Ende. „Ich bin okay. Keine Angst. Ich tu nichts. Ich gehe nur den Fluss entlang.“ Der Lokführer traut der Sache immer noch nicht, nur zögerlich nimmt er wieder Fahrt auf. Als der letzte Waggon vorbeigeholpert ist, bleibt vor allem die Erinnerung an die Gesichter der Fahrgäste, aus denen kaum wahrnehmbar, aber doch mehr als alles andere ein Gefühl sprach: Enttäuschung.

Der Fluss lebt In den Glendale Narrows träumt der Fluss von der Natur. Nicht im Bild: die Schilder am Ufer, die vor Krankheitskeimen im Wasser warnen. Foto: Tiffany Luong
Der Fluss lebt: In den Glendale Narrows träumt der Fluss von der Natur. Nicht im Bild: die Schilder am Ufer, die vor Krankheitskeimen im Wasser warnen.

So seltsam es angesichts seiner heutigen Beschaffenheit klingt, hat sich in der jahrtausendealten Geschichte des Los Angeles River im 21. Jahrhundert zumindest eines durchgesetzt, und mutmaßlich wird das für immer so bleiben: sein Name. Wer derlei für eine Selbstverständlichkeit hält, hat weder den Südwesten der USA im Allgemeinen noch Kalifornien und Los Angeles im Besonderen verstanden. Bevor die Spanier kamen und die Californias ab Mitte des 16. Jahrhunderts nach und nach für sich in Beschlag nahmen (Alta California bildet den heutigen US-Bundesstaat, Baja California ist Teil Mexikos), beherbergten diese eine der höchsten Dichten an Ureinwohnern auf dem gesamten Kontinent.

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