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Flamenco – Die Hüter des Feuers

Beobachten, zuhören, nachmachen, weitergeben: Flamenco, dieses Gespinst aus Musik und Gesang, Tanz und Tradition, vererbt sich unzerreißbar von Generation zu Generation.
Text: David López Canales, Fotos: Susana Giron / 9 Min. Lesezeit
Flamenco Tänzerin Foto: Susana Giron
Tradition im Dreiklang. Das andalusische Heiligtum Flamenco ist nicht nur Tanz, sondern auch Gesang und virtuoses Gitarrenspiel
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Eine häufige wiedergegebene Legende des Flamenco handelt von Manuel Agujetas aus Jerez, einem der wohl leidenschaftlichsten Flamenco-Interpreten des 20. Jahrhunderts. Als Kind, so wird erzählt, schnürte ihn sein sterbenskranker Großvater am Bett fest und sang ihm vor, um ihm auf diese Weise vor seinem Tod all seine Lieder beizubringen.

Dies war in jener armen Familie, in der Manuel von klein auf tagsüber in der Schmiede seines Vaters arbeitete und abends in den Tavernen für Trinkgeld sang, das Einzige, was der Großvater ihm hinterlassen konnte.

Esmeralda Rancapino aus Puerto de Santa María in der Provinz Cádiz muss an kein Bett gebunden werden. Seit ihrer Geburt hat sie die Lieder ihrer Mutter Ana im Ohr, die ihres Onkels Alonso, aber vor allem die ihres Großvaters Alonso Nuñez, eines aufsässigen Cantaor aus Chiclana in Cádiz, dessen Spitzname Rancapino zum Künstlernamen der Familie wurde.

Es ist ein Freitag im Sommer in Conil, einer Kleinstadt voller Sommerurlauber. Hier am Atlantik findet an diesem Wochenende ein Festival für Flamenco-Gesang statt. Es dauert noch bis zum Beginn der mehr als vierstündigen Show, doch Esmeralda ist schon aufgeregt. Trotz ihrer erst 13 Jahre ist sie die große spanische Hoffnung des Flamenco-Gesangs. Esmeralda erscheint in Begleitung ihres Großvaters und ihrer Mutter, die noch aufgeregter ist als ihre Tochter und die die ganze Nacht nicht von ihrer Seite weichen wird. In Esmeraldas Karriere als Cantaora, als Sängerin, ist der Auftritt in Conil ihr zweites Konzert.

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Flamenco-Tänzer auf einer Bühne Foto: Susana Giron
Aussicht auf Erfolg: Der Unterricht in der vom berühmten Manolete geleiteten Flamenco-Schule „La Chumbera“ in Sacromonte ist anstrengend wie in allen Schulen dieser Art. Der Ausblick auf die Alhambra macht die Qualen einen Hauch erträglicher.

Rancapino unterrichtet Esmeralda, und er besteht darauf, dass sie den alten Cantaores zuhört, um zu lernen. In deren Liedern finde sich der Ursprung des Gesangs, sagt er ernst. Kommt Rancapino zu einer Probe, wird Esmeralda so nervös, als säße sie auf einem Ameisenhügel. Sie habe derart großen Respekt vor ihrem Großvater, dass ihr schlecht werde, sagt sie.

Sie weiß, er wird nie zufrieden sein, wird beim Zuhören stets lamentieren – „So nicht, das ist zu langweilig! Besser so…“ – und am Ende selbst singen. Er wird Esmeralda auch immer einschärfen, dass sie nicht hasten, sondern die Lieder entspannt vortragen solle, langsam und moderat. Denn das ist das ureigene Konzept des Flamenco: Seine wilde Intensität, seine Leidenschaft soll sich nach und nach entwickeln, ohne Eile, ohne Mätzchen, ohne Geschrei.

Sacramonte am Tag Foto: Susana Giron
Grüße aus Sacromonte: Tagsüber Postkartenidylle, wandelt sich die Vorstadt von Granada mit ihren Lokalen in der Nacht zum Aufführungsort für traditionelle Flamenco-Musik.

Sechzig Jahre liegen zwischen Esmeralda und ihrem Großvater. Sie entstammt der Generation Instagram, postet Videos von sich als Sängerin und Fotos von Süßigkeiten. Der Teenager ist mit Flamenco aufgewachsen und studiert die klassischen Cantaores, via Smartphone hört sie aber auch Reggae von Nicky Jam und Ozuna.

Ihr Großvater stammt aus einer für sie fernen Zeit. Er wuchs auf der Straße und in Tavernen auf – wie Manuel Agujetas aus der Legende: Er lebte in Armut und sang, um zu überleben. Damals war der Gesang noch schwarz, denn Flamenco, so sagen die Alten um Rancapino, muss wehtun. Den Schmerz in Herzen muss man in der Brust spüren, hört man eine dieser zerrissenen, gebrochenen, tiefen, dunklen Stimmen, dievom harten Leben singen, von Schwermut und Entwurzelung.

Heute, klagt Rancapino, gebe es „keine „schwarzen“ Stimmen mehr. Nicht einmal in seinem 31-jährigen Sohn Alonso, einem der gefragtesten Sänger, sieht er eine mit der selbenKraft und Essenz der einstigen Gitano-Sänger.

Tanzmeister Manolete mit Familie Foto: Susana Giron
In der Zambra „La Rocio“ Tanzmeister Manolete posiert mit seiner Frau, zwei Töchtern seiner Schwester und einem Neffen in der „Flamenco-Höhle“, die seiner Familie gehört.

Der Flamenco, die authentische Kunst Andalusiens, beinhaltet Einflüsse vieler unterschiedlicher Kulturen. Er hat sich seit Jahrhunderten weiterentwickelt und ist nicht ausschließlich Kulturgut der Roma, der Gitanos. War es doch in den Gitano-Vierteln von Jerez, Sevilla, Cádiz und Granada (ursprünglich Vororte, in denen sich die Roma ansiedelten, nachdem sie sich ab dem 17. Jahrhundert von ihrer nomadischen Lebensweise abgewandt hatten), wo der Flamenco fruchtbaren Boden vorfand.

Dort lebten die Familien eng zusammen. Leben und Tod, Freuden und Glück, Hunger und Sorgen kommen-tierten sie mit ihrem Gesang. In ihm fanden sie Trost, war er doch das Einzige, was man teilen konnte. Dort wurden zunächst nur Lieder von Generation zu Generation mündlich überliefert, dann auch die Gitarrenmusik und der Tanz.

Jede Dynastie, jede Familie hatte ihre eigene Art, zu singen, zu spielen, zu tanzen und Texte zu verfassen. Die Welt und die Art, in ihr zu leben ,haben sich verändert. Dennoch ist es damals wie heute dieselbe Kunst, die in Familien wie den Sordera in Jerez, den Rancapino in Cádiz, den Habichuela in Granada, den Porrina in der Extremadura oder den Fernández in Sevilla vererbt wird.

Die Wurzeln der ältesten Dynastien reichen bis ins 19.Jahrhundert zurück, mindestens. In ihnen lernt man Flamenco abseits der Akademien, ohne Musiktheorie, ohne Kenntnis von Spieltechniken. In der Intimität von Heim und Familie, wo Kinder die Älteren beobachten, ihnen zuhören – und nur singen, spielen, tanzen oder sprechen dürfen, wenn es erlaubt wird.

Flamenco Auftritt Rubichi Carpio Foto: Susana Giron
Beinahe ein Hör-Bild Wenn die Rubichi und die Carpio, zwei Flamenco-Familien mit mächtigen Stammbäumen, in Jerez de la Frontera auftreten, tönt der Flamenco sogar aus diesem Foto.

Lela Soto ist eine 27-jährige Gitana aus der Familie Sordera in Jerez. Ihre Haut ist kupfern, ihre Augen sind Blitze, ihre Stimme klingt rau. „Gott hat mir einige Talente geschenkt, aber die Familie hat mir den Respekt vor diesem Beruf beigebracht“, erzählt Lela. Auch sie ist mit den alten Gesängen aufgewachsen und hat ihrem Vater, dem großen Sänger Vicente Soto, zugehört.

Der hat ihr erklärt, dass Flamenco die schwierigste Sache der Welt sei. Darum fühlt Lela – die davon träumt, ihr erstes Album aufzunehmen –jedes Mal, wie etwas in ihr erwacht, wenn sie nach einem Moment der inneren Einkehr die Bühne betritt. Und kurz bevor sie zu singen beginnt, denkt sie: „Mein Gott, davon habe ich mein ganzes Leben lang geträumt.“

Paco de Lucia Foto: Susana Giron
Im Haus von Paco de Lucia: Juan Habichuela Nieto spielt in Toledo auf geweihtem Boden: De Lucía war einer der berühmtesten Flamenco-Gitarristen der Welt.

Ein früher Abend in Madrid. Juan Habichuela Nieto, 30 Jahre alt, bittet uns in seine Wohnung. Dort, in einem großen, verspiegelten Raum, übt er jeden Tag acht, neun Stunden lang auf der Gitarre, bis Kopf und Hände derart von Saiten und Klängen ermüdet sind, dass Juan den Fernseher aufdreht und sich im Programm verliert. Juan – scharf geschnittenes Gesicht, schwarze Augen, hitziges Temperament – stammt aus einer der wichtigsten Familien von Gitarristen in der Geschichte des Flamenco: „Ich bin stolz darauf, woher ich komme – aus Granada, dem Gitano-Viertel Sacromonte, aus einer bescheidenen Familie, die mit Musik ihren Lebensunterhalt verdiente.“

Erinnert Juan sich an seine Kindheit, denkt er an Festivals und seinen mittlerweile verstorbenen Großvater Juan, einen großartigen Gitarristen, dem er bis zum Morgengrauen beim Spielen zusah. An das Schlafen auf vier aufgereihten Stühlen, zugedeckt mit einem Anorak, und ans Aufwachen, wenn sein Großvater ihn anstupste. „Als ob diese Aufführungen die besten Comics der Welt wären“, beschreibt Juan, und seine Augen funkeln. Sein Großvater lehrte Juan– wie Esmeralda der ihre – die Geheimnisse des Berufs. Die Gitarre im typischen Stil der Familie zu spielen, die Art, die Saiten volltönend anzuschlagen, die Finessen für den Vortrag. Wie etwadiese: den Stuhl nur wenige Zentimeter hinter dem Cantaor aufzustellen, um an seinem Bauch zu erkennen, wie viel Atem er noch hat, um dadurch abschätzen zu können, wie lang sein Gesang noch dauern wird.

Juan ist noch mit dem lokalen, familiären Flamenco in Granada groß geworden. Auf Festivals oder in der Taverne seines Vaters, in der sich Cantaores und Guitarristas trafen, um bis zum Morgengrauen zu trinken, zu feiern und sich gegenseitig zuzuhören. Es war, beschreibt Juan, ein speziell intimer Flamenco. Heutzutage gibt es nicht mehr so viele Treffen, bedauert er: „Ich würde mir wünschen, dass wir wiedermehr zusammenkommen. Ich denke, wir schaffen es nicht aus Zeitgründen.“ Juan weiß, dassman früher dabei mehr gelernt hat: „Man konnte beobachten und darüber staunen, was ein anderer Gitarrist spielte, und dies dann in sein eigenes Spiel integrieren. Wenn sieben, acht exzellente Gitarristen, Cantaores und Tänzer zusammenkommen, ist das pure Magie.“

Jose Romero Werkstatt Madrid Foto: Susana Giron
Wo Holz zu Klang wird: Wer seine Gitarre bei José Romero in Madrid kauft, sollte Zeithaben: Romero braucht für jedes handgearbeitete Instrument drei bis vier Monate.

Die Welt hat sich verändert – und mit ihr die des Flamenco und der Roma-Familien. Das Zusammenleben in ihren Gemeinschaften ist weniger eng, der Hunger verschwunden, das Leben weniger feindselig. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren sind viele Familien nach Madrid oder Sevilla gezogen, um in den Flamenco-Lokalen, den Tablaos, zu arbeiten. An heute einzigartigen Orten wie El Corral de la Morería in Madrid oder Los Gallos in Sevilla, in denen Talente zu Künstlern reiften. Heutzutage ist es schwierig, die bekannten Familien des Flamenco zusammenzubringen, ebenso wie es einer Odyssee gleicht, an einer ihrer Veranstaltungen teilzunehmen.

Geblieben ist: Der Kosmos des Flamencos ist noch immer unberechenbar. Aufgrund der bescheidenen Herkunft der Künstler und ihres ständigen Überlebenskampfes macht jeder, was er will. Es gibt keine gültigen Regeln. Dazu sinkt der Stellenwert der dominierenden Familien; „und die Kommunikation von früher, die gibt es nicht mehr“, meint der 74-jährige Manolete, ein Flamenco-Tänzer aus Granada.

Manolete ist ein lebhafter Typ. Klein und hager, mit halblangem Haar und ausgeprägten Wangenknochen, erinnert er an einen Langstreckenläufer. Heute ist er besonders aufgekratzt. Ständig fuchtelt er mit seinem Stockherum, der ihm nur als Accessoire dient, denn zum Gehen benötigt er ihn nicht. Er schlägt damit den Takt, gibt den Rhythmus vor, klopft ohne Unterlass auf den Boden der Chumbera in Sacromonte, einem Auditorium mit Blick auf die Alhambra und Sitz seiner Tanzakademie. Manolete ist unruhig, beginnt doch in Kürze die Abschlussgala. Dutzende kleine Mädchen in langen Kleidern und Tanzschuhen, aufgeputzt mit Make-up, umschwirren ihn, greifen nach ihm, versuchen, ihn zu umarmen. Es sind seine Schülerinnen, die ihn Maestro nennen.

Tänzerin Maria Morenohat Foto: Susana Giron
Es geht auch ohne Familie: Tänzerin Maria Morenohat es ohne die Hilfe einer berühmten Flamenco-Familie nach oben geschaft. Hier tanzt sie im Los Gallos in Sevilla, das für Gäste Musik, Drinks und Abendessen stets gemeinsam serviert.

Manolete gehört zu jenen Roma, die Bailaores wurden, Tänzer. Das Tanzen lernten sie daheim, mit der Mutter, die mit einem Besenstiel den Takt vorklopfte. Später tanzte Manolete in Tavernen, dann in den Tablaos von Madrid, schließlich bereiste er die Welt. Jetzt murrt er wie viele der alten Künstler, dass der reine Flamenco von einst nicht mehr existiere und die jungen Menschen von heute auf dem Holzweg seien.

Der Flamenco hat sich im Verlauf der letzten 50 Jahre tatsächlich verändert: Er hat sich musikalisch erneuert. Sowohl der Gesang als auch das Gitarrenspiel wurden durch legendär gewordene Künstler wie Paco de Lucía, Camarón und Enrique Morente modernisiert: Diese Genies ließen neue Spielweisen und die Fusion mit anderen Musikstilen und Instrumenten einfließen. Außerdem brachten die Professionalisierung und die große Konkurrenz aufgrund der vielen Tablaos, Festivals und Touren durch Spanien und die ganze Welt große Veränderungen. Auch der Tanzstil ist ein neuer: Er wird nun in den Akademien gelehrt, wie etwa in der berühmten Amor de Dios in Madrid, nach technischen Standards und nicht mehr innerhalb der Familien oder auf der Straße.

„Jetzt glauben die Neuen, dass es beim Tanzen vorrangig darum geht, mit den Schuhen beim Zapateo viel Lärm zu machen“, resigniert Manolete. „Aber tosender Applaus allein reicht nicht! Die Menschen müssen sich auch am nächsten Tag noch an dich erinnern.“ An seiner Seite beobachten ihn seine Tochter Judea und sein Neffe Iván. Beide bekennen sich zum „Maya-Siegel“. So nennt sich der Stil, den Manolete tanzt. Ein Stil, bei dem es mehr auf Eleganz und Haltung ankommt als auf die Technik.Damit bewahren die beiden das familiäre Erbe, die Essenz ihres Tanzes und auch ihrer Familien.

Diese Reinheit, von der die Alten meinen, sie sei verloren gegangen, fühlt sich für Judea und Iván noch sehr lebendig an. Der Flamenco oszilliert noch immer kraftvoll zwischen tief empfundener Resignation und Nostalgie der Alten und dem Respekt und der Motivation der Jugend.

Esmeralda Rancapino mit ihrem Großvater Foto: Susana Giron
Nicht ohne meinen Großvater: Esmeralda Rancapino kann sich im Flamenco auf das Urteil ihres Großvaters verlassen: Rancapino, hier am Strand von Novo Sancti Petri, war und ist ein Meister seines Fachs.

Das erkennt man auch gut an der Beziehung von Esmeralda Rancapino zu ihrem Großvater. Das junge Mädchen beobachtet ihn amüsiert, während sie auf den Soundcheck vor ihrem ersten Konzert wartet. Ihr Großvater, der kaum noch auf der Bühne steht, hat in der Vergangenheit aberhunderte solcher Nächte erlebt. Trotzdem versucht seine Enkelin, ihm, dem Veteranen, die neue Welt, in der sie lebt, näherzubringen. Sie möchte ihm erklären, was Facebook ist, er kann es aber nicht einmal aussprechen. Dieses Gefecht scheint verloren – nur der Großvater, ungeachtet seines Pessimismus, gewinnt das seine.

Als Esmeralda endlich die Bühne für sich hat, ist es bereits tiefe Nacht. Im Publikum sind an die 500 Menschen, unter ihnen natürlich ihr Großvater. Rancapino spürt vom ersten Momentan, dass seine Enkelin den puren Cante Gitano in sich trägt. Er sieht, wie sie gestikuliert, Arme, Beine, Finger bewegt, als wollte sie ihren Zuhörern etwas demonstrieren. Und Rancapino erkennt sich darin selbst, seine eigenen Gesten, sieht seinen Sohn, seine Familie. Dann fängt Esmeralda an zu singen, und der Text geht so: „Ich komme von den Rancapinos, von den Rancapinos komme ich, durch den Willen Gottes!“ Ihrem Großvater kommen – mit offenem Mund und glänzenden Augen – die Tränen, unter lauten Olés.

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