Chinas unbekannte Monsterstadt: Chongqing

32 Millionen Einwohner auf der Fläche Österreichs: Im Westen Chinas wuchert eine Stadt der Superlative. Chongqing ist der am schnellsten wachsende Ballungsraum der Welt und ein sozioökonomisches Experiment – mit ungewissem Ausgang.
Text: Xifan Yang, Fotos: Yuanling Wang / 18 Min. Lesezeit
Die unbekannte Monsterstadt Monsterstadt Chongqing in China. Foto: Yuanling Wang
Die unbekannte Monsterstadt Monsterstadt Chongqing in China.

6:00 Der Bang-Bang-Mann

Im Hafen ertönt das tiefe Tuten der Containerschiffe. Die Sonne geht auf, aber Chongqing bleibt grau. Als Li Wenqing um kurz nach sechs seinen Arbeitstag beginnt, kann er kaum bis zur nächsten Straßenecke sehen. Die Umrisse der Stadt verschwinden in dichtem Dunst aus Nebel und Smog. Li kann nicht die Baukräne an der neuen Jangtse-Brücke erkennen, nicht das pompöse raumschiffartige Opernhaus, nicht die goldenen Zwillingstürme auf der anderen Seite des Flusses. Der schmächtige Mann, blaue Baumwollkleidung einfache Schlappen, steht mit einem Bambusstab auf der Schulter am Umschlagplatz des Hafens. Auf den Verladeflächen türmen sich meterhoch braune Pappkartons: Kartons mit Schuhen, Kartons mit Mikrowellen, Kartons mit Plastikspielzeug.

Die Bang-Bang Männer von Chongqing

Li, 49 Jahre alt, wird heute mehr als zwanzigmal hunderte Treppen zwischen Hafen und Fußgängerzone hinaufsteigen. Chongqing ist auf Hügeln erbaut und sehr unwegsam. Viele Häuser sind nur über steile Seitengassen zu erreichen, Autos würden dort nicht hinkommen. Mehr als eine Tonne Ware wird Li für Händler von A nach B tragen. 50 Kilo Gewicht wird er jedes Mal auf seiner rechten Schulter balancieren, die Ware vorn und hinten auf seinem Bambusstab befestigt – fast so viel, wie er selbst auf die Waage bringt. In zwölf Stunden, wenn seine Schicht beendet ist, wird er tiefe rote Kerben in seiner Schulter haben – und acht Euro mehr in der Tasche.

Chongqing wächst so schnell, hier treffen zwei Welten aufeinander: ärmliche Baracken und riesige Hochhauskomplexe. Foto: Yuanling Wang
Chongqing wächst so schnell, hier treffen zwei Welten aufeinander: ärmliche Baracken und riesige Hochhauskomplexe.

Li Wenqing ist ein Bang-Bang-Mann, so werden die traditionellen Lastenträger genannt, die aus dem Wirtschaftsleben Chongqings nicht wegzudenken sind. Am Hafen, vor Einkaufszentren und auf Märkten warten sie mit ihren Bambusstäben, den „Bangs“, auf Arbeit. Die meisten stammen wie Li vom Land. Vor zehn Jahren verließ der Vater zweier Kinder die Reisterrassen der Provinz Sichuan, um sein Glück in Chongqing zu suchen. Er zählt zu einem neuen Typus Wanderarbeiter: Statt nach einigen Jahren wieder zurückzukehren, blieb er in der Großstadt und holte seine Familie nach. Er und seine Frau, eine Verkäuferin von Plastiktüten, arbeiten auf Tageslohnbasis. Doch schon Sohn und Tochter haben beständigere Jobs: Die 22-jährige Tochter ist Kellnerin, der 25-jährige Sohn fährt Taxi.

Der Sohn will bald heiraten, er soll dann eine Eigentumswohnung bekommen, dafür legt Li jeden Yuan beiseite. Für den Lebensabend wünschen sich seine Frau und er, dass der Sohn die Eltern bei sich zu Hause aufnimmt – „wenn unsere zukünftige Schwiegertochter nichts dagegen hat“. Die Zukunft seines Sohnes ist die einzige Sicherheit, die Li für sein Alter hat.

Aufgrund der dort hügeligen Topografie werden einfach Rolltreppen installiert. Foto: Yuanling Wang
Aufgrund der dort hügeligen Topografie werden einfach Rolltreppen installiert.

9:00 Die Abreiss-Direktorin

Immer mehr Menschen im ärmlichen Westen Chinas drängen nach Chongqing. Der gigantische Moloch am Jangtse-Fluss breitet sich über eine Fläche von der Größe Österreichs aus und zählt mit 32 Millionen Menschen mehr Einwohner als 80 Prozent der Länder auf der Erde. „Größte Stadt der Welt“ wird Chongqing darum oft genannt. Das ist nicht ganz richtig, denn im Ballungsraum sind bisher „nur“ rund 10 Millionen Menschen angesiedelt. Die übrige Bevölkerung lebt über ungezählte Satellitenstädte und ländliche Rrandbezirke verstreut. Doch keine andere Metropolregion der Welt wächst im selben Tempo: hunderttausende Bauern ziehen jährlich ins Zentrum, 2020 sollen dort mehr als 20 Millionen Menschen leben. Bis dahin, sagen Stadtforscher, wird sich Chongqing in eine Megalopolis verwandelt haben: in eine Verklumpung von städtischen Gebieten, die wie ein Tumor immer weiter um sich greifen.

Wir bieten zwei Quadratmeter für einen. Wer freiwillig umzieht, wird mit doppelter Fläche entschädigt.

Peng Xi, Abreissdirektorin

Im Herzen dieser urbanen Geschwulst, nur eine Unterführung entfernt von der Einkaufsmeile Jiefangbei mit den Flagship-Stores von Louis Vuitton und Gucci, liegt wie eine offene Wunde das 300 Jahre alte Viertel Shibati. Shibati heißt übersetzt: „die 18 Stufen“. Es handelt sich um ein Labyrinth verfallener Häuser auf Stelzen, das sich einen steilen Berghang hinaufwindet und von Holzplatten und Wellblech zusammengehalten wird. Seit zwei Jahren geht Peng Xin, Direktorin der städtischen Verwaltungseinheit Häuserabriss Nr. 4, hier vormittags von Haustür zu Haustür. Auf den Fassaden steht in Rotschrift „chai“ – zum Abriss freigegeben. Zehntausende Arbeiter, Kellner und Gemüseverkäufer hausen in Shibati auf engstem Raum in stickigen, feuchten Verschlägen. In den Gassen stinkt es nach Fäkalien und Schlachtabfällen. Straßenszenen wie aus dem „Oliver Twist“-Roman von Charles Dickens.

Abreiss-Direktorin Peng Xin im Elendsviertel Shibati. Foto: Yuanling Wang
Abreiss-Direktorin Peng Xin im Elendsviertel Shibati.

Ginge es nach der städtischen Verwaltung, wäre das Elendsquartier längst plattgemacht worden. Eine Investorengruppe will groß einsteigen. Doch dafür müssen die Slumbewohner ausziehen. Also verspricht Frau Peng ihnen neuen Wohnraum, bezahlt von der Regierung. „Den meisten kann es nicht schnell genug gehen, in die modernen Hochhäuser umzusiedeln“, erzählt sie. In den „18 Stufen“ haben manche bis heute keinen Strom, die Abwasserrohre sind häufig hundert Jahre alt. Dennoch weigern sich immer noch einige beharrlich, Platz zu machen. Frau Peng, eine resolute Frau Ende vierzig, kann das nicht verstehen.

Die Arbeiterschicht von Chongqing.

Doch die Verweigerung hat Gründe. Die neuen Hochhaussiedlungen liegen an den Stadträndern. Dort gibt es zwar Aufzüge und Tiefgaragen – wo aber sollen die Nudelverkäuferin, der Schuster und die Gemüsefrau ein neues Geschäft eröffnen? Mit welchem Geld sollen Möbel und Einbauküche gekauft werden? Wovon leben, wenn der Staat im Notfall nur umgerechnet 35 Euro Sozialhilfe im Monat zahlt?

Dazu kann Frau Peng keine Auskunft geben. „Wir bieten zwei Quadratmeter für einen“, sagt sie. „Wer freiwillig umzieht, wird mit doppelter Fläche entschädigt.“ Was passiert mit denen, die nicht gehen wollen? Die städtische Abreißdirektorin antwortet knapp. „Dann kommen die Bagger trotzdem.“

Den meisten kann es nicht schnell genug gehen, in die modernen Hochhäuser umzusiedeln

Peng Xi, Abreissdirektorin
Die Mao-Statue vor der medizinischen Universität von Chongqing ist eine der größten in ganz China. Foto: Yuanling Wang
Die Mao-Statue vor der medizinischen Universität von Chongqing ist eine der größten in ganz China.

11:00 Der Architekt

Das neue Chongqing ist hungrig nach Neubauten. Ist es ein Paradies für Architekten? Guo Yanlin lacht. Der 44-jährige Stadtplaner und Chef eines Architekturbüros empfängt in seinem privaten Teesalon in einem Bauhaus-inspirierten Reihenhaus. An den Wänden hängen Schwarzweiß-Porträts chinesischer Künstler. Eine Kellnerin gießt mit tanzenden Händen Pu-erh-Tee ein. Die Fahrt hierher glich einer Achterbahntour: Eine Dreiviertelstunde lang raste das Taxi über sechsspurige Stadtautobahnen, 40 Meter über dem Boden, die Kurven so steil, dass sogar Hartgesottenen flau im Magen wird. Wohin man auch blickte, Apartmentklötze in Serie, so eng aneinanderstehend, dass der Himmel dahinter verschwindet. Ein Horizont aus Beton. Es ist nicht einmal unwahrscheinlich, dass einige der Bauten unterwegs von Guo Yanlin entworfen wurden. Guo baut alles, was man sich nur vorstellen kann: 30-stöckige Wolkenkratzer, Shoppingmalls, Firmensitze, Regierungsgebäude, Universitätscampusse.

Fischen im trüben Jangtse. Foto: Yuanling Wang
Fischen im trüben Jangtse.

13:00 Der Autohändler

Chongqing, so der Wunsch der chinesischen Regierung, soll zum Urbanisierungsmodell für andere Städte in China werden. Zum „Shanghai Westchinas“: eine zentrale Industriemetropole im Landesinneren und eine Schaltstelle der wirtschaftlichen Entwicklung im Hinterland. Arbeiter und Bauern sollen sich hier in fleißige Konsumenten verwandeln.

Das Motto lautet: Konsum statt Export. Zum jetzigen Zeitpunkt ist Chongqing trotz staatlicher Investitionsprogramme immer noch eine arme Stadt in China. Das Bruttosozialprodukt pro Person liegt bei umgerechnet 2.500 Euro im Jahr, das ist ein Drittel dessen, was die Menschen in Peking oder Shanghai erwirtschaften. Über die Immobilienpreise lachen die reichen Chinesen von der Küste.

Einer, der sich mit Konsum und Luxus auskennt in Chongqing, ist der Autohändler Liu Chang. Der 50-Jährige trägt Polohemd und Armanigürtel. Es ist Mittagspause, Liu raucht und schaut aus seinem Bürofenster auf die 54 Hektar große „Autostadt Süd“: sein Reich. Autohäuser reihen sich hier an Reparaturwerkstätten, Reifenläden an Fahrschulen. 3.000 Menschen arbeiten unter seinem Blick, 70.000 Wagen finden jährlich neue Besitzer: Das sei „die Hälfte aller Autos, die in Chongqing verkauft werden“, sagt der Geschäftsführer stolz.

Auslieferungslager der lokalen Automarke Lifan, einer von zwölf Kfz-Herstellern in Chongqing Foto: Yuanling Wang
Auslieferungslager der lokalen Automarke Lifan, einer von zwölf Kfz-Herstellern in Chongqing.

54 Marken sind auf seinem Gelände vertreten. Er kann sie ohne nachzudenken aufzählen: von Bentley und Mercedes über Škoda und Kia bis zur einheimischen no-name-Karre. „Als wir 2003 anfingen, war das hier Brachland“, erzählt Liu. „Im Monat kamen vielleicht 20 Kunden vorbei.“ Der Aufschwung war damals gerade erst spürbar. Ende der Neunziger erlangte das zuvor stiefmütterlich regierte Chongqing den Status der Stadtprovinz.

Das heißt: Die Stadt untersteht direkt der Zentralregierung in Peking, wird administrativ behandelt wie eine ganze Provinz.

Und damit flossen auf einmal die Geldmittel aus Peking. In den darauffolgenden Jahren verzeichnete Chongqing mit bis zu 17 Prozent die höchsten Wachstumsraten Chinas. Der Boom ist mittlerweile wieder etwas abgeflaut, 2012 legte die Wirtschaft Chongqings „nur“ noch 13,6 Prozent zu – immer noch knapp 5 Prozent mehr als die Volksrepublik im Durchschnitt.

Besonders gut verkaufen sich die Luxusmarken aus dem Ausland.

Liu Chang, Autohändler

Herr Liu kennt viele Geschichten von Immobilieninvestoren und Kohlekraftwerksbesitzern, die über Nacht Millionen anhäuften. Auch er selbst ist inzwischen Multimillionär. „Besonders gut verkaufen sich die Luxusmarken aus dem Ausland“, sagt Liu. Rolls-Royce, Porsche Cayenne, auch der Phaeton von VW – und das, obwohl sie doch aufgrund einer hohen Importsteuer um ein Drittel teurer sind als in den Herkunftsländern Europas. Gefragt seien bordeauxfarbige Ledersitze, Armaturen aus Mahagoni, vor allem aber Kofferräume, die so groß sind, dass darin „Schweine und Kühlschränke transportiert werden können“. Herr Liu quiekt beinahe, als er das sagt: „Die Leute wollen um jeden Preis ein Auto zum Herzeigen – weil alle anderen sich auch eines zulegen wollen.“

Dass der Verkehr bereits heute auf Hauptstraßen und Stadtautobahnen zur Rushhour hoffnungslos stillsteht, hält niemanden vom Autokauf ab. Liu schaut auf seine Uhr und beendet das Gespräch. Er müsse sich jetzt auf eine besondere Reise vorbereiten. In einem SUV wird er morgen seine Familie auf Landstraßen nach Tibet kutschieren. „Wegen der frischen Luft.“

Abendesse in einer der größten Stadt der Welt, in der der Smog-Nebel immer tief hängt. Foto: Yuanling Wang
Abendesse in einer der größten Stadt der Welt, in der der Smog-Nebel immer tief hängt.

15:00 Der Jungunternehmer

„Chungkings“ nennt Sam Priestman die Menschen, denen der Höhenflug der Stadt die Sinne vernebelt hat. Wenn man länger mit ihm spricht, wird klar, dass er damit auch sich selbst meint. Priestman hat ein pausbäckiges Bubengesicht, trägt gebügelte Hemden und geschniegelte Schuhe. Sein Vater ist Brite, die Mutter Chinesin. Priestman wuchs im Eliteinternat Eton auf und arbeitete bei den Investmentbankern von Morgan Stanley 90 Stunden in der Woche – bis die Lehman-Pleite kam und er, wie so viele andere aus dem Londoner Finanzwesen auf der Straße saß. Priestman beschloss, seine Großmutter in Chongqing zu besuchen. Getroffen hatte er sie bis dahin nie. Er kaufte ein One-Way-Ticket.

Als Priestman nach der ersten Nacht erwachte, glaubte er in Gotham City gelandet zu sein, der düsteren Megalopolis aus dem Comic „Batman“. Alles sei ihm chaotisch und dreckig vorgekommen, aber er habe auch eine gewaltige Energie gespürt. Das war vor fünf Jahren, Priestman ist mittlerweile 26 Jahre alt. Er gründete ein Venture-Capital-Unternehmen, nannte es C-Qubed, worin er – ziemlich Start-up-mäßig – die Wörter „Chongqing“, „Challenge“ und „Quality“ zusammenbrachte, und beschäftigt heute mehr als ein Dutzend Angestellte. Sein Office-Loft würde gut ins Silicon Valley oder nach Berlin-Mitte passen. Im wilden Westen Chinas ist es eine Oase des Stils: Eames-Stühle, bunte Designerlampen, auf den Coffee Tables liegen Magazine wie „Monocle“ und „Wallpaper“. An den Laptops sitzen Twens aus Europa. Sie wirken alle sehr beschäftigt und ernst. Über die Stadt seiner Großeltern spricht Priestman, wie man in der „Monocle“-Welt so spricht: London sei ihm nicht macro genug, er liebe das Big Picture.

Sam Priestman bei der Arbeit. Er ist Unternehmer in Chongqing. Foto: Yuanling Wang
Sam Priestman bei der Arbeit. Er ist Unternehmer in Chongqing.

Nun entwickelt er Apps, bringt ein iPad-Magazin heraus, mischt bei einer französischen Bäckereikette mit und hilft, einen englischsprachigen Kindergarten aufzubauen. Nebenbei hat er ein Architekturbüro gegründet. Partner ist ein Freund aus London, der sich ebenfalls nach Chongqing traute. „Nach nur einem halben Jahr bekamen wir den Auftrag, einen Bebauungsplan für 19,5 Quadratkilometer zu entwerfen“, sagt Priestman. „In 30 Tagen. 19,5 Quadratkilometer! In 30 Tagen!“

Auftraggeber war ein städtischer Immobilienentwickler, der allerdings keine Vorstellung davon hatte, wie viele Menschen auf dem Gebiet einer Kleinstadt wohnen sollten. Das Projekt wurde nie durchgeführt. Ein anderes Mal sollte Priestman 400.000 Bauernhäuser für den Tourismus renovieren – aber natürlich nur die Fassaden. „In Chongqing“, sagt Priestman, „gibt es nur eine Regel: Das Projekt muss groß sein, und es muss so schnell gehen wie möglich.“ Wenn es denn geht.

Priestman muss in einer Stadt, in der es unfassbar viele Menschen gibt und vermutlich noch unfassbar wenig Know-how, auffallen. Und er weiß seine Herkunft, das private und berufliche Netzwerk geschickt einzusetzen. Über seine chinesischen Verwandten lernte er „Prinzlinge“ kennen, die Kinder mächtiger Parteikader. Wenn Priestman sich mit ihnen trifft, rauscht der chinesische Elitenachwuchs in Lamborghinis, Porsches und Ferraris an. „Als Unternehmer denke ich schon jetzt an die nächsten 20 Jahre“, sagt Priestman und lehnt sich auf seinem Eames-Stuhl zurück: „Und in 20 Jahren werden meine Freunde China steuern.

Nachgebauter historischer Straßenzug aus der Zeit als Chongqing die provisorische Hauptstadt von China war (1938-1945). Foto: Yuanling Wang
Nachgebauter historischer Straßenzug aus der Zeit als Chongqing die provisorische Hauptstadt von China war (1939-1945).

17:00 Die Beton-Bäuerin

Yuan Bigong, 65, verbrachte ihr ganzes Leben in einem Dorf am oberen Lauf des Jangtse. Heute wohnt sie in einer Plattenbausiedlung im Norden Chongqings. Inmitten einer Betonwüste pflügt und bewässert sie jeden Nachmittag ein 66 Quadratmeter großes Feld, bevor sie ihre Enkelkinder von der Schule abholt.

„Vor eineinhalb Jahren bin ich nach Chongqing gekommen – wegen meiner Tochter. Sie brauchte Hilfe mit den Kindern, drei Söhne, 5, 7 und 16 Jahre alt. Meine Tochter und mein Schwiegersohn leben schon seit acht Jahren hier. Eigentlich stammen wir aus einem Bergdorf, 100 Kilometer weiter westlich, am Jangtse-­Fluss. Dort hatten wir Felder, Schweine und Ziegen. Meine Tochter und ihr Mann arbeiten in Chongqing als Tagelöhner auf dem Bau. Sie ziehen von Baustelle zu Baustelle. Manchmal sind sie zehn Tage nicht zu Hause. Ich passe auf meine Enkelkinder auf und bringe sie zur Schule.

Wir leben zu sechst in einem der Hochhaustürme, die Sie hinter mir sehen: 21. Stock, drei Zimmer, 50 Quadratmeter. Das ganze Viertel besteht aus Sozialwohnungen für Leute vom Land, die zugezogen sind. So wie wir. Insgesamt wohnen hier 100.000 Menschen, habe ich gehört! Viele arbeiten bei Foxconn oder Samsung am Fließband. Die Fabriken sind gleich in der Nähe. Die Innenstadt ist 20 Kilometer entfernt. Aber dort müssten wir ein Vielfaches mehr an Miete zahlen. Hier zahlen wir nur 500 Yuan im Monat (60 Euro). Außerdem sind wir nicht als Großstädter registriert. In der Innenstadt dürften meine Enkelsöhne, weil sie Bauernkinder sind, nicht die städtische Schule besuchen. Hier am Stadtrand gibt es eigens Schulen für Migranten, so werden wir genannt.

Yuan Bigong bestellt ihr 66 Quadratmeter großes Feld mitten in der Stadt mit einfachsten Mitteln. Foto: Yuanling Wang
Yuan Bigong bestellt ihr 66 Quadratmeter großes Feld mitten in der Stadt mit einfachsten Mitteln.

Die Regierung hat uns zwar gleiche Rechte versprochen, aber noch haben wir davon nichts mitbekommen. Meine Tochter und ihr Mann verdienen zusammen etwa 3.000 Yuan (360 Euro) im Monat. Das ist nicht viel für sechs. Allein für Schulgebühren geben wir 650 Yuan (78 Euro) im Monat aus. Das erste halbe Jahr in der neuen Wohnung hatten wir nicht einmal Geld für Möbel, wir schliefen auf dem Boden. Damit wir nicht so viele Lebensmittel kaufen müssen, baue ich selbst Gemüse an, so wie früher auf dem Land. Morgens und nachmittags überquere ich die große Straße und komme hierher, um mein kleines Feld zu bestellen.

Ich habe 66 Quadratmeter Erde ergattern können, das reicht für ein paar Süßkartoffeln, Erbsen, Rüben, Zucchini und ein bisschen Salat. Andere Nachbarn im Hochhaus bauen auch an, vor allem die Älteren. Wir haben ja nicht viel zu tun. Wer zuerst kommt, bekommt die beste Lage. Wenn ich mehr ernte, als wir essen können, verkaufe ich das Gemüse auf der Straße. Im Monat können wir so mindestens 200 Yuan (24 Euro) sparen. Das Leben in Chongqing ist gut. Nur meinen Mann vermisse ich. Er ist in unserem Heimatdorf geblieben. Er mag die Großstadt nicht.“

Ein Hauch von Luxus an der Betonwand im Armenviertel - Louis Vuitton. Foto: Yuanling Wang
Ein Hauch von Luxus an der Betonwand im Armenviertel - Louis Vuitton.

20:00 Die Intellektuellen

Bei Sonnenuntergang verwandelt sich der graue Moloch plötzlich in eine Schönheit. Die Megacity strahlt: An den Uferseiten der Flüsse Jangtse und Jialing funkeln die Fassaden der Türme, die haushohen Stelzen der Highway-Schleifen leuchten in Grün, Blau und Pink. Eine surreale Kulisse wie aus „Blade Runner“.

In einer Stadt, in der alles XXL-Maße hat, ist es leicht, die leisen Orte zu übersehen – wie das kleine, schicke Hinterhofrestaurant hinter einem Eisentor im Süden des Zentrums. Das rote Ziegelgemäuer beherbergte früher eine Motorradwerkstatt. Nun trifft sich hier abends die lokale Kulturszene.

Ein Modell wie die Stadt 2020 aussieht. Foto: Yuanling Wang
Ein Modell wie die Stadt 2020 aussieht.

Xiao Nengzhu, 65, sitzt dort mit seinem Freund, dem Journalisten He Yang, 35, bei Bier und Pilzfondue zusammen. „Die moderne Kulisse trügt“, sagt Xiao. Er hat es als Autor Chongqinger Stadtgeschichten zu Bekanntheit gebracht, gemeinsam mit He gibt er eine literarische Zeitschrift heraus. Beide sprechen über die vergangenen Jahre, zum Beispiel über Bo Xilai, dem zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilten, in ein Mordkomplott verwickelten Parteichef Chongqings. Bis Anfang 2012 hatte Bo die Stadt regiert. Regieren ist wörtlich zu verstehen. Er wollte einen Staat im Staate.

Bo lockte ausländische Investoren und pumpte Milliarden in den Straßen- und Wohnungsbau, gleichzeitig nötigte er die Bevölkerung zu neomaoistischen Massenkampagnen. Das gesellschaftliche Leben erstarrte. He Yang: Als Bo an der Macht war, schwenkten die Menschen rote Fähnchen und verehrten ihn wie einen Erlöser – wie zu Zeiten der Kulturrevolution unter Mao. Seit er wegen Korruption verurteilt wurde, sind auf einmal alle verstummt. Das Fernsehen berichtet nicht mehr über ihn, die Zeitungen erwähnen ihn nicht mehr. Auf der Straße wagt kaum noch jemand, seinen Namen in den Mund zu nehmen.

Xiao Nengzhu: Aber Bo gilt in der Bevölkerung immer noch als der Vater des Aufschwungs. Einer, der an die bedeutende Vergangenheit anknüpfte. Während des Weltkriegs war Chongqing die provisorische Hauptstadt unter Chiang Kaishek und eine dynamische Metropole, ähnlich wie Shanghai. Meine Großmutter war damals Fotografin und eine eigenständige Frau. Sie trug Hosenträger und rauchte. Nach der Revolution, 1949, hat man Chongqing vergessen. Bis vor wenigen Jahren wussten sogar viele Chinesen nicht, wo Chongqing liegt. Bo gab der Stadt das Selbstbewusstsein zurück, er hat die Menschen in einen kollektiven Rausch versetzt. Heute gleicht die Stadt einem Besoffenen, der in die nüchterne Welt zurückkehrt.

Ein chinesisches Hochzeits-Shooting am Jangtse. Foto: Yuanling Wang
Ein chinesisches Hochzeits-Shooting am Jangtse.

He Yang: An der Oberfläche glänzt Chongqing. Bei Nacht kommt es mir vor, als lebte ich in einer Weltstadt. Chongqing sieht weltstädtisch aus, ist aber im Geiste provinziell geblieben. Die Stadt ist gerade erst dabei, sich zu industrialisieren. Die Menschen sind ehrgeizig und diszipliniert. Sie schuften, bauen Autos, Motorräder und Maschinen. Kulturell ist Chongqing aber eine Wüste.

Xiao Nengzhu: Chongqing ist wie China unter dem Brennglas betrachtet. Ein Drittel Stadt, zwei Drittel Land. Die Gegensätze zwischen arm und reich prallen hier sichtbarer aufeinander als anderswo. Wir haben die schnellsten Wachstumsraten und die höchsten Smogwerte. Wir bauen die modernsten Metrotrassen, kippen aber unseren Müll in den Jangtse. Wir können Sonden auf den Mond und Astronauten ins Weltall schießen. Gleichzeitig gelingt es uns nicht, historische Häuser vor dem Abriss zu retten.

Schriftsteller Xiao Nengzhu und Journalist He Yang treffen einander regelmäßig in einer Bibliothek, um über die Entwicklung ihrer Stadt zu diskutieren. Foto: Yuanling Wang
Schriftsteller Xiao Nengzhu und Journalist He Yang treffen einander regelmäßig in einer Bibliothek, um über die Entwicklung ihrer Stadt zu diskutieren.

24:00 Der Nachtclub-Besitzer

An manchen Straßenecken Chongqings wird bis spät in die Nacht weiter gebohrt und gehämmert. Auch Zhang Wei arbeitet nahezu rund um die Uhr. Der dünne Mittdreißiger saß heute Morgen pünktlich um acht in seinem Bürostuhl. Tagsüber arbeitet er bei einem staatlichen Ölkonzern als Sachbearbeiter. „Fürs Geld“, wie er sagt. Jeden Nachmittag verlässt er um 17 Uhr die Firma und fährt mit der Metro quer durch die Stadt ins Universitätsviertel. Dort sperrt er um halb sieben das „Nuts“ auf, eine kleine Konzerthöhle neben einer sechsspurigen Schnellstraße. Hier beginnt sein eigentliches Leben als Kneipenbetreiber und Konzertveranstalter. Zhang Wei trägt einen Schnauzbart und lange Haare.

Heute hat er die Band „Geheime Bewegung“ aus der 600 Kilometer entfernten Stadt Chengdu gebucht. 50 Zuschauer haben sich eingefunden. Die meisten haben einen Seitenscheitel und Tattoos, auch Zhang Wei hat Tattoos, auf beiden Armen. Es ist eine kleine, eingeschworene Gruppe. Auf der Bühne steht ein finster dreinblickender Typ mit Topfhaarschnitt und singt geheim bewegte, melancholische Liedzeilen zu düsteren Bässen.

Zhang Wei ist Clubbesitzer des „Nuts“. Foto: Yuanling Wang
Zhang Wei ist Clubbesitzer des „Nuts“.

Zhang wippt an der Bar mit und erinnert sich daran, wie er die erste alternative Musikkneipe Chongqings eröffnet hat. Schon in der Schule eckte er an. Statt Mathe zu lernen, hörte er Nirvana. Während andere nach Peking oder Shanghai gingen, um zu studieren, gründete er die „Fischmenschen“, seine eigene Band. In Bars traten sie auf, wenn die letzten Gäste schon gegangen waren – so störten sie niemanden.

Das Nuts zog er hoch, um in Chongqing einen Ort für Subkultur zu schaffen, für Leute wie ihn. Das Nuts ist, wenn man so will, sein chinesischer Traum. Noch bleibt der Laden in der Woche halbleer. Zwischen all den dynamischen, aufstiegshungrigen Menschen, die man in Chongqing trifft, wirkt Zhang wie ein romantischer Sonderling. „Die meisten in meiner Generation haben keine Träume“, sagt er. „Sie wollen einen sicheren Arbeitsplatz mit möglichst viel Geld, eine Eigentumswohnung und ein Auto.“ Zhang wohnt mit seiner Freundin zur Miete in einer bunt eingerichteten Wohnung mit drei Katzen und einem Hund. Seinen Bürojob beim Ölkonzern wird er behalten, bis er von den Einnahmen seines Clubs leben kann.

Wir haben keine Identität, wir wissen nichts über unsere kulturellen Wurzeln. Keiner kennt die Vergangenheit, das Leben seiner Großeltern.

Zhang Wei, Clubbesitzer

Zhang Wei versucht anders zu leben als die anderen und ist doch gehetzt wie sie. „Keiner hat mehr Zeit für Geschichten“, sagt er. Auch er weiß kaum noch etwas über das Chongqing seiner Kindheit zu berichten. „Wir haben keine Identität, wir wissen nichts über unsere kulturellen Wurzeln. Keiner kennt die Vergangenheit, das Leben seiner Großeltern.“ Wo kommt denn seine Familie ursprünglich her? Zhang schaut verdutzt und schweigt. Er hat nie danach gefragt.

Disko-Schiff auf dem Jangtse. Foto: Yuanling Wang
Disko-Schiff auf dem Jangtse.

Chongqing, Stadt der Räume

Hintergrund und Zahlen zur Megacity am Jangtse

  • Rund 170 Millionenstädte gibt es in China. Und es werden immer mehr. Schon jetzt lebt mehr als die Hälfte der 1,4 Milliarden Einwohner der Volksrepublik in Städten, im Jahr 2030 sollen es sieben von zehn sein.

  • Chongqing, die am schnellsten wachsende Megacity Chinas, ist das Aushängeschild der Kommunistischen Partei in Sachen Urbanisierung: Aus einem unbekannten Städtchen im Hinterland soll das Boomzentrum Westchinas werden.

  • Das Wachstum begann Ende der 90er: Millionen von Menschen, die durch den Bau des Drei-Schluchten-Damms ihr Zuhause entlang des Jangtse verloren, zogen nach Chongqing. Kurz darauf erhielt Chongqing den Status der Stadtprovinz, was Investoren und noch mehr Zuwanderer anzog.

  • Das „Chongqing-Modell“, das die chinesische Regierung ausgerufen hat, ist ein gigantisches sozioökonomisches Experiment. Ziel: Bauern sollen in kaufkräftige Mittelschichtler verwandelt werden.

  • Wichtigster Hebel: Die Reform des Meldesystems „Hukou“. Bauern können seit 2010 städtische Sozialleistungen wie etwa Krankenversicherung oder Schulbildung bekommen, wenn sie der Regierung Ackerland verkaufen.

  • So gewinnt der Staat Bauland, und die Zugezogenen werden integriert. Auf diese Weise wurden in den vergangenen drei Jahren 3,6 Millionen Landbewohner „urbanisiert“.

  • Gleichzeitig unterstützt die Regierung die Zuwanderung mit sozialem Wohnungsbau: 30 bis 40 Prozent aller Einwohner Chongqings sollen in Zukunft in subventionierten Wohnungen leben können.

  • Die Massenumsiedlung verläuft allerdings nicht ohne Probleme: Viele Bauern werden von ihrem Land vertrieben oder nicht angemessen entschädigt, Pfusch am Neubau ist eher die Regel als die Ausnahme.

Architekt und Stadtplaner Guo Yanlin. Foto: Yuanling Wang
Architekt und Stadtplaner Guo Yanlin.

Interview: Guo Yanlin

Terra Mater: Sie können sich austoben, oder?

Guo: Einerseits ja. Ein ehemaliger Bürgermeister sagte halb im Scherz: Es müsste alle drei Monate eine neue Stadtkarte für Chongqing geben. 2013 wurden 50 Millionen Quadratmeter an Wohnungen, Fabriken und Büros gebaut, mehr als 400 Kilometer Straßen angelegt, fünf neue Flussbrücken befinden sich derzeit in Bau. Allein die Zahl der neuen Bürotürme hat sich in den vergangenen drei Jahren vervierfacht. Wissen sie, meine Mitarbeiter und ich arbeiten wie am Fließband.

Und andererseits?

Die wenigsten Bauherren wünschen sich anspruchsvolle moderne Architektur. Die meisten verlangen nach uniformen Funktionsbauten oder neobarockem Kitsch. Darum sehen sie so viele seltsame Ensembles. Die Qualität kann mit dem Tempo nicht mithalten. Die Hälfte der Bauten, die man heute sieht, müssen in den nächsten 20 Jahren wieder abgerissen werden.

Verstädterung in Turbogeschwindigkeit.

Chongqing hat ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2020 sollen 70 Prozent aller Einwohner „urbanisiert“ werden. Früher waren Wanderarbeiter in Großstädten nur geduldet. Heute ermutigt der Staat die Bauern, Arbeit in der Stadt zu suchen und sich zu integrieren.

Kann Chongqing überhaupt so viele Menschen aufnehmen?

An sich ist die Stadt gut angelegt – mit mehreren Zentren und hoher Dichte im Ballungsraum. Der Staat steckt Milliarden in Straßen und neue Metrolinien. Aber wir haben keine funktionierende Stadtverwaltung. In den neuen Randbezirken der City gibt es nicht genug Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen. In manchen Vierteln wird gegen Jahresende der Strom abgeschaltet, um den Energieverbrauch zu drosseln.

Wie können Sie als Architekt die Zukunft mitgestalten?

In Chongqing sagt man: „Der Hintern entscheidet über den Kopf.“ Wir Architekten und Stadtplaner sitzen leider nicht in den Sesseln, aus denen heraus die wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Wir können der Regierung nur raten, nicht dieselben kurzsichtigen Fehler zu begehen, die andere Städte in China gemacht haben – sonst werden wir in wenigen Jahren Verhältnisse wie in Peking haben, wo es kaum noch bezahlbaren Wohnraum gibt und die Menschen drei, vier Stunden am Tag im Stau stehen.

Diese Geschichte erschien erstmals im Terra Mater Magazin, April 2016.

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