Ein Tag schreibt Geschichte: Die Erfindung der Blue Jeans

20. Mai 1873: Der Amerikaner Levi Strauss meldet das Patent auf die Blue Jeans an. Eine Philosophie wird als Hose geboren.
Text: Wolfgang Hofbauer, Fotos: ullstein bild/Ullstein Bild/picturedesk.com / 5 Min. Lesezeit
Datum mit Geschichte Erfinder Blue Jeans Levi Strauss
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Levi Strauss: Sein Geld ermöglichte die Erfindung der Blue Jeans.

LEVI STRAUSS WAR ZWAR KEIN TELLERWÄSCHER, der in Amerika zum Millionär wurde, aber er wurde geboren als Sohn eines Mannes namens Hirsch Strauss, dessen Beruf im Gewerberegister der Königlich Bayerischen Regierung mit Hausierhandel mit Schnittwaren angegeben wurde, also Hausierer mit Stoff und Kleidung. Das ist als Startrampe zum Reichtum auch nicht besser als Tellerwaschen. Auch der Ort, in den Löb – Levi nannte er sich erst in Amerika – am 26. Februar 1829 hineingeboren wurde, verhieß nicht viel: Buttenheim in Oberfranken, Marktstraße 83a. Damals 900 Einwohner, heute nicht um Welten mehr: 3.600.

Hirsch Strauss war einer von 150 Juden in Buttenheim, die Gemeinde war also beträchtlich. Doch noch vor der Mitte des 19. Jahrhunderts begann diese Gemeinde zu schwinden. Wirtschaftlicher Niedergang trieb die Menschen in die größeren Städte, zunehmend auch in die Vereinigten Staaten von Amerika. 1846 war Löbs Vater gestorben. Übrig blieben Hirschs zweite Frau Rebecca, die Stieftochter Mathilde und die beiden eigenen Kinder Fanny und Löb.

Es war die Zeit, als überall Plakate hingen, die für die Auswanderung in die USA warben. Die Zeitungen waren voll von Inseraten, in denen Schiffspassagen angeboten wurden; Broschüren informierten über das fremde Land, Wörterbücher sollten die Einwanderer sprachlich vor­bereiten.­ Und ­es war ­die Zeit, ­in ­der ­Rebecca Strauss ­keine Perspektive­ mehr für sich und ihre Familie­ in­ Deutschland sah.­ Am­ 14.­ Juni­ 1847­ wurde ­ihr Antrag­ auf­ Auswanderung genehmigt.

im­ Juli­ trat­ Rebecca­ mit­ den­ drei­ Kindern­ die­ Überfahrt ­an. Als ­die Auswanderer ­am ­3.­ August in­ New­ York­ ankamen, wurden ­sie nicht­ von­ der Freiheitsstatue­ begrüßt,­ die­ stand erst­ ab­ 1886,­ aber immerhin­ von­ Löbs­ älteren­ Stiefbrüdern Jonas ­und­ Louis. Die beiden ­waren­ schon­ vorher ausgewandert­ und­ hatten­ einen­ Laden für­ Bekleidung­ auf der­ East­ Side.­

Dort­ half­ der­ 18­jährige­ Löb­ aus,­ lernte ­Englisch ­und­ die Tricks ­des ­Handels. ­1850 stellte ­er den Antrag­ auf Einbürgerung.­ Die Wartefrist­ überbrückte ­er­ mit ­dem gleichen ­Job, ­den schon sein Vater ausübte: ­Er ­zog ­als Hausierer ­Bekleidung ­auf ­dem Handkarren ­durch ­New York. Am­ 31. ­Jänner­ 1853 ­wurde ­Löb Strauss­ Staatsbürger der USA ­und­ nannte sich­ ab­ nun Levi­ Strauss.

Kurz­ darauf­ reiste ­er mit ­seiner Schwester Fanny und deren Mann David­ Stern nach­ San Francisco,­ per­ Schiff­ ums­ Kap Hoorn herum.­ San­ Francisco­ war­ damals­ anziehend­ und abstoßend zugleich,­ für Glücksritter ­eher ­Ersteres. Goldfunde­ hatten ­einen Boom ­ausgelöst,­ 70.000 Menschen ­lebten ­bereits ­in ­der­ Stadt, darunter­ so viele Kriminelle,­ dass ­manche­ Kapitäne ­sich weigerten, ­den Hafen­ anzulaufen.­ 400­ Saloons,­ 1.000­ Morde ­im Jahr.­ An jeder ­Ecke ­Besoffene.

Schnell­ gründete­ er­ mit­ seinem­ Schwager ein­ Geschäft­ in der Sacramento­ Street,­ stand­ als importer and dealer in clothing and dry goods­ im­ Adressverzeichnis.­ Levi­ brachte Waren­ auch­ ­direkt ­in­ die Goldgräberlager: Haushaltswaren,­ Kleidung,­ vor­ allem­ aber Hosen­ aus Zeltstoff.

Das 1886 eingeführte Leder-Label auf der Rückseite jeder Jeans war Sinnbild für die Qualität: Es zeigt zwei Pferde, die versuchen, eine Jeans auseinanderzureißen. Natürlich vergeblich.
Levis-Träger schätzten vor allem die robuste Ausführung der Beinkleider.

Bald­ fand­ er ­einen ­Stoff,­ der ­besser­ tragbar war.­ Einen Baumwollstoff,­ wie­ er ­erstmals ­in Genua­ (französisch Gênes, wovon ­sich­ das­ Wort­ Jeans ­herleitet)­ erprobt­ wurde und­ dann ­in den ­Webereien der­ französischen­ Stadt­ Nîmes halbindustriell hergestellt­ wurde:­ serge de Nîmes,­ Gewebe aus­ Nîmes. Aus de Nîmes­ wurde ­mit­ der­ Zeit­ Denim,­ der Name ­für ­den indigoblau gefärbten­ Stoff.­

Levi ­Strauss, ­der­ um­1870­ bereits ­ein ­vierstöckiges Kaufhaus­ in der Battery ­Street ­besaß,­ Millionär war­ und Finanzgeschäfte betrieb, importierte­ Denim ­in­ die ­USA ­und ­verarbeitete ­ihn tonnenweise ­zu ­Hosen. ­Dabei­ machte ­er sich ­bald die­ Erfindung des eingewanderten­ Juden­ Jacob Davis­ zunutze:­ Nieten,­ welche­ die Hosen ­an ­strapazierten Punkten ­besser zusammenhielten.

Es­ traf­ sich,­ dass­ Davis­ kein­ Geld­ für­ die Anmeldung ­eines Patents hatte.­ Am­ 5.­ Juli­ 1872­ bot ­er­ Levi­ seine­ Erfindung an, ­eine­ Woche spä­ter ­reichte­ dieser­ das­ Patent­ ein­ und bekam­ es am­ 20. ­Mai ­1873 bewilligt: ­Das ­Prinzip­ der­ Jeans war offiziell­ auf­ der­ Welt.

Die Niete als Erfolgsgeheimnis: Sie hielt die Hosen besser zusammen als jedes Garn, vor allem an den beanspruchten Hosentaschen – in diese stopften die Digger gerne ihr Werkzeug.
Ein kleines Ding aus Metall machte aus einer Hose eine Jeans.

Der­ Unternehmer­ Levi­ Strauss­ war­ ein­ Philanthrop.­ Er stiftete Stipendien­ für ­Studenten,­ unterstützte Waisenhäuser­ in ­den ­USA und ­die jüdische ­Gemeinde ­in seiner ­alten ­Heimat, ­und­ er zahlte weiter Löhne,­ als ­es im Zuge der ­Arbeiterunruhen­ von­ 1877­ zu Streiks­ kam.­ Als­ er 1902­ starb,­ wurden­ die ­ Flaggen ­in ­San Francisco ­auf Halbmast ­gesetzt. ­Im ­Testament ­setzte ­der kinderlose Strauss­ seine­ vier ­Neffen ­als ­Erben­ ein.

Jacob­ Davis,­ der­ tatsächliche­ Erfinder­ der Nietenhose, wurde­ zwar nicht ­berühmt, war ­im Firmenbuch­ jedoch­ als­ capitalist­ vermerkt, also eine ­Art­ Kapitalhalter.­

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