Ein Tag schreibt Geschichte: Die erste Wetterkarte

19. Februar 1855: An diesem Tag überholte der Wetterbericht erstmals das Wetter, weil der französische Astronom und Mathematiker Urbain Jean Joseph Le Verrier seinem Hausverstand vertraut hatte.
Text: Wolfgang Hofbauer, Fotos: Mary Evans/picturedesk.com / 3 Min. Lesezeit
Ein Datum mit Geschichte Erste Wetterkarte Le Verrier
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Urbain Jean Joseph Le Verrier: Er entdeckte den Planeten Neptun und erfand die Wetterkarte.

 WÄHREND DER AUCH SCHON BEI SCHÖNEM WETTER FÜR ALLE BETEILIGTEN verheerenden Belagerung von Sewastopol im Krimkrieg zog am 14. November 1854 ein Sturmtief auf. Es fegte über die Schiffe der englisch-französisch-türkischen Koalition hinweg, die vor dem Hafen von Balaklawa – heute ein südlicher Stadtteil von Sewastopol – ankerten. 38 von ihnen sanken, darunter das 100-Kanonen-Schiff „Henri IV“. Dem Sturm und dem Regen folgten Frost und ein dreißigstündiger Schneefall, der Tote und gerade noch Lebende gleichermaßen mit einem weißen Leichentuch bedeckte.

Für Urbain Jean Joseph Le Verrier, Direktor des Pariser Observatoriums, damals 43 Jahre alt, groß, schlank, blond, meist weiß gekleidet und mit gelben Lederschuhen angetan, war die Katastrophe in gewisser Weise ein Glücksfall.  Le Verrier war eigentlich Astronom und Mathematiker. Als solcher hatte er 1845 die Bahn eines unbekannten Planeten berechnet (welcher – als Neptun – erst mithilfe dieser Daten entdeckt werden konnte). Das war Le Verriers bislang größte wissenschaftliche Leistung, sie hat seinen Ruhm als Forscher begründet.

Dennoch war der in der Normandie geborene Franzose an Wetterphänomenen nahezu ebenso interessiert wie an solchen im Weltraum. Und nun, wenige Wochen nach dem Sturm vor der Krim, ergriff er die Gelegenheit, auch in der Meteorologie zu Ruhm zu kommen.

Le Verriers Leistung war dann aber mehr eine des Hausverstandes denn eine der Wissenschaft: Er ließ durch seinen Chefmeteorologen Emmanuel Liais eine auf 250 Dokumente aus England, Belgien, Preußen, Österreich und anderen Ländern gestützte Studie des Sturms anfertigen, der ab 12. November von Westeuropa ostwärts fegte.

Le Verrier erkannte eine simple Tatsache, die heute selbstverständlich ist: Ein Wetterbericht muss schneller sein als das Wetter. Hätte es, folgerte er in seinem Vortrag vor der französischen Akademie der Wissenschaften am 31. Dezember 1854, zwischen Paris und der Krim eine Telegraphenverbindung gegeben, hätten die Schiffe rechtzeitig gewarnt werden können. Dass man schon Mitte des 17. Jahrhunderts systematisch Wetterdaten an verschiedenen Orten sammelte, ehrt die Wissenschaft, zeigt aber auch deren Grenzen. Denn mit der Postkutsche transportierte Wetterdaten altern auf der langsamen Fahrt in die eigene Nutzlosigkeit hinein.

Der Sturm, der den Untergang der ,Henri IV' im Krimkrieg am 14. November 1854 auslöste, war der Anlass für Urbain Jean Joseph Le Verrier, der französischen Akademie der Wissenschaften seine Idee einer Wetterkarte vorzustellen.
Und mit der Unterstützung von Kaiser Napoleon III auch zu realisieren

Wie zur Bekräftigung von Le Verriers These kam es in der Nacht vom 15. auf den 16. Februar des darauffolgenden Jahres zu einem weiteren Unglück: Das französische Kriegsschiff „Sémillante“ sank zwischen Korsika und Sardinien in einem Sturm, 773 Menschen, darunter rund 400 Soldaten, die gerade auf dem Weg in den Krimkrieg waren, ertranken. Wieder hatte es keine Vorwarnung gegeben.

Noch am 16. Februar 1855 erhielt Le Verrier von Kaiser Napoleon III. die Erlaubnis, ein meteorologisches Netzwerk aufzuziehen. Als erste Amtshandlung präsentierte Le Verrier schon drei Tage später, am Nachmittag des 19. Februar, eine Wetterkarte: Sie zeigte den Zustand der Atmosphäre von 10 Uhr desselben Tages. Das gab den Anstoß für die Entwicklung eines regelmäßigen Wetterdienstes letztlich in ganz Europa, der ab 1857 Stationen in Frankreich sowie in Brüssel, Genf, Madrid, Rom, Lissabon, Turin, Wien und St. Petersburg Daten liefern ließ und in einem regelmäßigen Bulletin herausgab.

Le Verrier erkannte eine simple Tatsache, die heute selbstverständlich ist: Ein Wetterbericht muss schneller sein als das Wetter.
Bereits 1857 gab es einen regelmäßigen europäischen Wetterdienst

Man kann sich also seit rund 160 Jahren über den Wetterbericht ärgern. Wer dessen natürliche Grenzen kennt, etwas weniger: Mittlerweile sind Voraussagen für die nächsten 24 Stunden im Schnitt zu 90 Prozent, für die nächsten drei Tage zu 75 Prozent richtig. Prognosen über sieben Tage sollten nicht unbedingt für die Planung etwa des Wochenendes herangezogen werden, die Aussagen über ganze Saisonen („So wird der Sommer 2019!“) sind überhaupt wertlos.

Und Urbain Le Verrier? Der Wissenschaftler war um effizientes und hochklassiges Arbeiten bemüht, ein Ziel, das er allerdings mit fragwürdigen Methoden zu erreichen suchte. Mitarbeiter erlebten ihn als arrogant, verlogen und cholerisch, mitunter wurde er auch handgreiflich. Nach oben hin buckelte er, Ideen anderer stahl er bedenkenlos, etwa die Kometen-Theorie des Italieners Schiaparelli. Zwischen 1854 und 1867 kündigten am Observatorium 63 Astronomen und Mathematiker. Schließlich wurde er selbst von der Regierung als Direktor abgesetzt. (Später setzte sie ihn mit eingeschränkten Befugnissen wieder ein.) Mittlerweile geschwächt und krank, starb er am 23. September 1877. Und lebt unter anderem in Form eines 21 Kilometer großen Einschlagkraters namens Le Verrier auf dem Mond weiter.

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