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Leif Eriksson – der vergessene Landentdecker

Sie erforschten Gewässer und Gebirge, entdeckten sogar Erdteile und Kontinente – und wurden von der Geschichtsschreibung ignoriert. Terra Mater erinnert an vergessene Entdecker und beginnt mit Leif Eriksson, der 500 Jahre vor Kolumbus Amerika betrat.
Text: Valentin Ladstätter / 5 Min. Lesezeit
Gemälde, Boot, Meer Foto: picturedesk.com
Bereits 1075 erwähnt der Geistliche Adam von Bremen in seiner Chronik das „Weinland“, eine Insel im Westen, von der ihm ein dänischer König erzählt habe.
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Leif Eriksson wirft einen letzten Blick auf Grönland dann wenden er und seine Mannschaft sich von der vertrauten Küste ab und steuern ihr Schiff in die Ungewissheit der offenen See.

Ihr Ziel: ein Land im Westen, das kein Nordmann je betreten hat. Immerhin gesehen hat es der Händler Bjarni Herjólfsson, als er 15 Jahre zuvor im Nebel zwischen Island und Grönland vom Kurs abkam.

Eriksson will dieser Geschichte auf den Grund gehen. Im Sommer 1000, vielleicht auch 1001, setzt er im heimatlichen Brattahlid, im Süden Grönlands, die Segel. Eigentlich soll ihn sein Vater begleiten. Doch Erik der Rote, Grönlands legendärer erster Siedler, stürzt auf dem Weg zum Schiff vom Pferd, deutet das als böses Omen und bleibt zu Hause.

Also sticht Sohn Leif ohne ihn in See. Er muss sich beeilen: So hoch im Norden bleibt das Meer nur wenige Wochen schiffbar. Dann machen es Eis, Nebel und Stürme zu gefährlich. Die Abenteurer sind darauf gefasst, im unbekannten Land zu überwintern –oder rechtzeitig umzukehren, falls Herjólfsson sich geirrt oder gar gelogen hat.

Doch schon nach wenigen Tagen auf See entdecken sie Land. Die Berge im Landesinneren sind von Gletschern bedeckt, die Küste scheint nur aus flachen Felsblöcken zu bestehen. Nicht einmal Gras wächst hier. Trotz des abweisenden Anblicks lässt Eriksson zum Ufer übersetzen, das wahrscheinlich zur Baffininsel im heutigen Kanada gehört: Der erste Europäer betritt den amerikanischen Kontinent.

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Alte Landkarte Foto: picturedesk.com
Wirklich lebendig bleibt die Erinnerung an Eriksson in den Geschichten der Skalden, der fahrenden Sänger Islands und Grönlands. Sie geben ihre Erzählungen an den Feuern der Wikingerhallen von Generation zu Generation weiter.

Wahrheit oder Seemannsgarn?

Das Wissen über die Länder jenseits des Atlantiks bleibt dennoch erhalten. Bereits 1075 erwähnt der Geistliche Adam von Bremen in seiner Chronik das „Weinland“, eine Insel im Westen, von der ihm ein dänischer König erzählt habe. Es ist die erste schriftliche Erwähnung Amerikas.

Wirklich lebendig bleibt die Erinnerung an Eriksson in den Geschichten der Skalden, der fahrenden Sänger Islands und Grönlands. Sie geben ihre Erzählungen an den Feuern der Wikingerhallen von Generation zu Generation weiter. Dabei verändern die mittelalterlichen Entertainer mitunter Details oder machen mal diese, mal jene Person zum Protagonisten – je nachdem, an wessen Hof sie gerade weilen und mit wem sie sich gut stellen wollen. Wohl deshalb weichen die wichtigsten schriftlichen Quellen der Überfahrten teilweise stark voneinander ab.

Die Grænlendingasaga, die „Saga von den Grönländern“, und Eiríks saga rauða, die „Saga von Erik dem Roten“, entstehen vermutlich im 13. Jahrhundert, als isländische Priester die Schilderungen der Skalden zu Pergament bringen. Heute sind die Werke nur noch in Sammelabschriften aus dem 14. Jahrhundert erhalten: dem Hauksbók und dem etwas jüngeren Flateyjarbók.

Beide Sagas handeln zunächst von der Besiedlung Grönlands durch Erik den Roten und erzählen dann von der Entdeckung Hellulands, Marklands und Vínlands. Doch während in der Grönländersaga Bjarni Herjólfsson die fremden Küsten zuerst erblickt, ist es in der Eiríks saga rauða Leif Eriksson, der vom Kurs abgetrieben wird und auf Vínland stößt. In dieser Version der Ereignisse spielt außerdem nicht Eriksson die Hauptrolle, sondern sein Schwager: Thorfinn Karlsefni segelt mit 60 (Grönländersaga) oder 160 (Saga von Erik dem Roten) Männern und fünf Frauen nach Vínland. Dort bleibt er drei Jahre und gründet zwei neue Siedlungen.

Die Sagas enthalten auch manches Seemannsgarn. So berichtet etwa die Saga von Erik dem Roten, dass Leif Erikssons Bruder Thorvald in Vínland vom Pfeil eines Skiapoden getötet wird – eines Menschen, der sich auf einem einzelnen, sehr großen Fuß hüpfend fortbewegt.

Die Ruinen von Neufundland

Trotz inhaltlicher Unterschiede und literarischer Freiheiten hält sich der Glaube an den wahren Kern der Sagas über die Jahrhunderte aufrecht. Was fehlt, sind die Beweise. Zwar tauchen immer wieder vermeintliche Belege auf, wie etwa die Vínlandkarte, die Waffen von Beardmore oder der Runenstein von Kensington, doch werden die mit der Zeit alle als moderne Fälschungen entlarvt.

Erst in den 1960ern findet ein norwegisches Forscherehepaar den definitiven Beweis für Erikssons Geschichte. Als längst in jedem Schulbuch steht, dass Christoph Kolumbus als Erster den Atlantik überquert hat, entdecken Helge und Anne-­Stine Ingstad auf Neufundland eine nordische Siedlung aus dem frühen 11. Jahrhundert: Es ist der Beweis, dass die Skandinavier Amerika fast 500 Jahre vor Kolumbus betreten hatten.

Helge und Anne-Stine Ingstad hatten die Sagas genau studiert und waren überzeugt, dass diese den Schlüssel zur Wiederentdeckung Vínlands enthielten. 1960 begann Helge Ingstad, die amerikanische Ostküste nach Orten abzusuchen, die den Beschreibungen in den Sagas ähnelten. So gelangte er nach einigen Monaten auf Neufundland in das Dorf L’Anse aux Meadows. Hier vermuteten bereits vor ihm Autoren und Archäologen eine nordische Siedlung. Entdeckt hatte sie jedoch niemand.

Auf Ingstads Erkundigungen hin zeigt ihm ein Fischer einige rechteckige Grashügel in der Nähe des Dorfes, die angeblich auf die Beothuk, die Ureinwohner Neufundlands, zurückgehen. Unter Anne­-Stine Ingstads Leitung beginnen Ausgrabungen, die schon bald erste Hinweise auf eine nordische Präsenz zutage fördern: eine bronzene Anstecknadel, eine steinerne Lampe, eine Glasperle.

Darüber hinaus rekonstruieren die Archäologen aus den Überresten der Gebäude, dass Wände und Dächer aus Rasenziegeln bestanden, getragen von einem Holzgerüst – derselbe Baustil, der im späten 10. und frühen 11. Jahrhundert auf Island und Grönland praktiziert wurde.

Am wichtigsten ist wohl die Entdeckung eines behelfsmäßigen Schmelzofens, einer Schmiede sowie der Überreste von über 100 Nägeln und Nieten. Da die Ureinwohner Nordamerikas keine Eisenverarbeitung kannten, müssen die Siedler Europäer gewesen sein.

Schifffahrt, offenes Meer Foto: picturedesk.com
Den letzten Schliff bekommt seine Saga übrigens auf der Rückfahrt nach Grönland, als Eriksson und seine Mannschaft eine Gruppe Schiffbrüchiger retten

Detektivarbeit

Nach sieben Jahren beenden die Ingstads ihre Ausgrabungen. Sie haben den wahren Kern der Sagas gefunden und, so vermutet Helge Ingstad, mit der Siedlung auch Vínland entdeckt. Seine Theorie ist jedoch umstritten. Unter anderem, weil auf Neufundland kein wilder Wein wächst. Der gedeiht erst knapp 1.000 Kilometer südwestlich, in New Brunswick. Die kanadische Provinz ist allerdings nur eine von mehreren Regionen, die als Standort für Vínland in Frage kommen: In der Fachliteratur reichen die Vorschläge von Labrador bis New York City.

Auf der Suche nach Hinweisen analysiert der Archäologe Kevin Smith von der Brown University in Providence, USA, seit einigen Jahren Feuersteine, die in L’Anse aux Meadows gefunden wurden: „Die Nordmänner benutzten die wie Streichhölzer.“ Die Steine verfügen über individuelle chemische Signaturen, die sie eindeutig einem Herkunftsort zuordnen. Smith: „Dadurch konnten wir zeigen, dass fünf der Feuersteine von L’Anse aux Meadows aus Grönland und weitere vier aus Island stammen. Die Skandinavier hatten sie also in ihrer Heimat eingesammelt und mitgebracht.“

Derzeit untersucht Kevin Smith ein weiteres Dutzend Feuersteine. Sollte sich zeigen, dass die Stücke aus New Brunswick oder einer anderen Region in der Nähe stammen, wären damit neue Hinweise auf andere Siedlungen gewonnen. Noch 2021 will Smith Ergebnisse liefern.

Auch in L’Anse aux Meadows geht die Forschungsarbeit weiter: Véronique Forbes und Paul Ledger von der Memorial University of Newfoundland stießen bei neuen Ausgrabungsarbeiten auf eine zuvor noch nicht untersuchte Bodenschicht die im 12., vielleicht 13. Jahrhundert entstanden ist und menschliche Spuren birgt.

Die Schicht könnte darauf hindeuten, dass die Skandinavier doch länger in dieser Gegend blieben als bisher angenommen. Nach der Covid­bedingten Unterbrechung ihrer Arbeit wollen die Archäologen im Sommer 2021 ein fünfjähriges Forschungsprojekt starten, um die neue Schicht genauer zu untersuchen. Vielleicht findet sich dadurch bald ein weiteres Stück Realität hinter dem Mythos von Leif Eriksson.

Den letzten Schliff bekommt seine Saga übrigens auf der Rückfahrt nach Grönland, als Eriksson und seine Mannschaft eine Gruppe Schiffbrüchiger retten. Eine solche Tat gilt unter Seefahrern als Zeichen von Glück, weshalb Eriksson zum Abschluss seines Abenteuers den Ehrennamen Leifur heppni bekommt, „Leif der Glückliche“.

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