100 Jahre Präzision

Interview
Interview

Zum einhundertjährigen Jubiläum von Juwelier Wagner gibt das Familienunternehmen einen Einblick in seine Geschichte – und zwar mit einem besonderen Zeitzeugen: dem Meisterstück des Firmengründers Paul Wagner.

Wer in der Habsburgermonarchie das Handwerk des Uhrmachers erlernen wollte, musste die Reise in das Örtchen Karlstein an der Thaya im nördlichen Waldviertel antreten. Dort wurde 1874 die k.k. Uhrmacher-Fachschule gegründet – die einzige in ganz Österreich-Ungarn – um qualitativ mit der Konkurrenz im Schwarzwald und in der Schweiz mithalten zu können.



1908 war daraus eine international renommierte Institution geworden, als der junge Paul Wagner dort seine Meisterprüfung machte. Zentraler Bestandteil dieser Prüfung: das Meisterstück – eine offene Taschenuhr, in präzisester Handarbeit gefertigt. Dieses Meisterstück liegt heute in einem Tresor in der Kärntner Straße 32, wo Paul Wagner im Jahr 1917 das Stammhaus von Juwelier Wagner gründete.



"Das Gehäuse aus Silber ist immer von der Fachschule zur Verfügung gestellt worden", erklärt Hermann Gmeiner-Wagner, der Enkel des Firmengründers und heutige Inhaber, als er die Uhr aus dem Etui nimmt. Das eigentliche Meisterstück versteckt sich dahinter. Wagner öffnet den Staubdeckel und das Uhrwerk kommt zum Vorschein. Es ist ohne maschinelle Hilfe gefertigt, vergoldet und dekoriert. Seinen Glanz ergänzen 17 handpolierte Rubine, schon damals ein Zeichen von höchster Qualität. 



Mit ebensolcher Handwerkskunst machte sich Wagner bald einen Namen in seiner Branche. Und er sollte aktiv daran mitwirken, dass sein Meisterstück schon bald zum Anachronismus wurde. In die Zeit seiner Betriebsgründung 1917 fiel eine Revolution in der Zeitmessung: Uhrwerke wurden immer kleiner und robuster, sodass man sie auch am Handgelenk tragen konnte. Schon bald würde die bisher belächelte Armbanduhr gegenüber der Taschenuhr sich durchsetzen, war Paul Wagner überzeugt, und stellte sein Sortiment darauf ein. „Und er hat Recht behalten“, sagt sein Enkel Hermann Gmeiner-Wagner und legt die Uhr zurück ins Etui.